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© Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, digitale Reproduktion: Jester Blank GbR
Kollegheft

Kollegheft

„=DIES BEZWEIFLE ICH!=“ – der Kommentar am Rande einer Vorlesungsmitschrift aus dem Sommersemester 1885 liest sich, als wäre er ein Ausruf. Durch Großbuchstaben, Gleichheits- und Ausrufezeichen bekräftigt Friedrich Blanck seinen Zweifel. Der Verfasser war Student an der Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) zu Berlin.

TAUSENDE SEITEN MITSCHRIFT

Blanck hinterließ zahlreiche Mit-, Ab- und Nachschriften wissenschaftlicher Vorlesungen mit einem Umfang von mehreren tausend Seiten. Derartige Mitschriften waren seinerzeit wichtiges Lernmaterial. Studierende verglichen ihre Aufzeichnungen, korrigierten sie und ergänzten sie durch Inhalte, die ihnen selbst entgangen waren, die ihre Kommilitonen aber notiert hatten. Heute geben uns die alten Kolleghefte einen Eindruck in damalige Lehrpraktiken und -inhalte sowie in die Rezeption der Wissensvermittlung. Wertvoll sind sie vor allem, wenn die Vorlesungen berühmter Lehrender nur in Mitschriften erhalten sind und nicht anderweitig publiziert wurden.

KRITIK AM GELEHRTEN

Blancks Kommentar bezieht sich auf eine Feststellung von Friedrich Paulsen (1846–1908), der die erste Pädagogik-Professur im Deutschen Reich innehatte. In seiner Vorlesung über Psychologie und Anthropologie hatte er vorgetragen: „Eine Steuer, die jährlich erhoben würde, würde nicht so empfunden als die gleiche Summe in monatlichen Raten.“ In der Ausstellung steht Blancks Widerspruch für die Fähigkeit zu Kritik und kritischem Denken und für ein konstruktives Überschreiten von Grenzen.

Als Befürworter der Reformpädagogik verfasste Paulsen bedeutende pädagogische und bildungshistorische Schriften. Die Kommentierung im Kollegheft gewährt einen alternativen Zugang zu seinen Gedanken. Ergänzend zu seiner Sicht wird auch die zumindest punktuell abweichende Meinung eines Studenten sichtbar. Und es wird spürbar, wie seit jeher an Universitäten Erkenntnis angestrebt wird. Der Student Friedrich Blanck nimmt innerlich eine kritische Haltung zu dem Vortragenden ein. Ein offener Austausch ist aufgrund des Formats der Vorlesung wohl nicht möglich oder erwünscht. So bleibt Blanck nichts Anderes übrig, als seine gegenläufige Überzeugung schriftlich zu formulieren.

ORT DER AUSEINANDERSETZUNG

Dabei lässt sich der festgehaltene Zweifel auch als Ausdruck von Selbstermächtigung verstehen. Zu jener Zeit war es nur einem Bruchteil der Gesellschaft vorbehalten, an einer Universität zu studieren und es herrschte ein straff hierarchisches Gesellschaftssystem, in dem Respekt vor Amtspersonen als selbstverständlich galt. Dennoch konnte die Universität eine Art Biotop bilden, in dem sich ein Student in der Lage fühlte, dem berühmten Professor zumindest innerlich zu widersprechen.

In ihrem Ausstellungsraum im 1. OG des Humboldt Forums macht die Humboldt-Universität zu Berlin wissenschaftliche Such- und Erkenntnisprozesse erfahrbar. Zu den Exponaten gehört auch das Kollegheft.

Aus der Humboldt-Universität zu Berlin, zukünftig in der Ausstellung im 1. OG im Humboldt Forum.

Herkunft des Objektes
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Bei dem Kollegheft handelt es sich um die Mitschrift des Studenten Friedrich Blanck aus dem Jahr 1885. Heute befinden sich mehrere Mit- und Abschriften aus seiner Hand in der Sammlung der Universitätsbibliothek (UB) der Humboldt-Universität zu Berlin. Wie die Dokumente in die Sammlung der UB gelangten, ist noch nicht abschließend geklärt. Im Zuge der Ausstellungsvorbereitung laufen entsprechende Recherchen. Ein problematischer Zusammenhang in Bezug auf die Themenkomplexe Kolonialismus/NS/Enteignung bzw. unrechtmäßiger Erwerb ist allerdings nicht zu erwarten.

Kollegheft

Perspektiven auf das Kollegheft

Der Tagesspiegel eröffnet mit "Das Ringen um die Wahrheit" neue Perspektiven auf das Kollegheft.

Humboldt Forum Highlights
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Die ersten 15 Highlights des Humboldt Forums wurden in zwei Formaten von Oktober 2018 bis Mai 2019 vorgestellt – in einer Ausstellung sowie in Gesprächen an unterschiedlichen Orten in Berlin.

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