Humboldt Forum
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© Privatbesitz Dimitri Hegemann / Berlin Ausstellung / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss - Digitale Reproduktion: Jester Blank GbR
Tresortür

Tresortür

Einst sicherte die Tresortür die Bankfächer im Untergeschoss des Wertheim Kaufhauses. Nachdem das im Krieg beschädigte und im deutsch-deutschen Grenzgebiet gelegene Gebäude abgerissen wurde, blieb der Raum hinter der Tür jahrzehntelang ungenutzt. Nach der Wende entstand dort der legendäre Technoclub „Tresor“.

Die Tresortür zeugt von dem Wandel, den Berlin in einem Jahrhundert erfuhr. Sie befand sich an einem Ort, der beispielhaft ist für die wechselvolle Geschichte der Stadt. Seit 1927 schützte die Tür die Schließfächer im Untergeschoss des Kaufhauses Wertheim in der Leipziger Straße 126a. Das Kaufhaus war nicht nur das größte, sondern galt auch als eines der prächtigsten in Europa.

„Arisiert“, zerstört, abgerissen

Nachdem die Nationalsozialisten die Macht erlangt hatten, übten sie Druck auf die jüdische Inhaberfamilie aus. In einem schleichenden Prozess wurden sie genötigt, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. So notierte Georg Wertheim am 1. Januar 1937 in sein Tagebuch: „Austritt aus dem Geschäft. Firma für deutsch erklärt.“ Um zu verhindern, dass der Konzern enteignet wurde, hatte der Wertheim-Chef seine Anteile seiner nichtjüdischen Frau übertragen. Der Wertheim-Konzern bekam einen „arisierten“ Namen, hieß fortan AWAG, Allgemeine Warenhandels-Gesellschaft. Die Mitglieder der Wertheim-Familie gingen ins Exil. Nicht alle überlebten: Drei Familienmitglieder wurden in Auschwitz umgebracht.

Bei Luftangriffen der Alliierten wurde der Gebäude-Komplex Ende Januar 1944 zum Teil zerstört. 1955 wurde die Ruine schließlich abgerissen. Was blieb, war das Untergeschoss mit der Stahlkammer. Es lag – jahrzehntelang ungenutzt – im unbewohnten Grenzbereich auf der Ostberliner Seite.

Wiege der Technokultur

Das nächste Kapitel dieses Ortes folgte nach der Wiedervereinigung. Im „Zuständigkeitsvakuum“ der Behörden entdeckten Kulturschaffende aus Westberlin den Ort. Sie erweckten ihn aus dem Dornröschenschlaf und öffneten den ersten Techno-Club der Stadt, den Tresor. Der Club war eine Keimzelle für die Entwicklung Berlins zur Feiermetropole mit einer lebendigen Techno-Untergrundszene und galt als zweite Heimat für Detroiter Techno-DJs und Genrebegründer wie Jeff Mills und Juan Atkins. In den folgenden Jahren passierten Millionen Technojünger diese Tür, um in eine andere Welt abzutauchen.

„Härter als Punk“

Der Club zeichnete sich durch eine spezielle Atmosphäre aus. Dunkel war es, die Nebelmaschine arbeitete unablässig, die Stroboskoplichter zuckten. Die Musik im Tresor verschob die Grenzen dessen, was man bislang kannte. In einem Interview berichtet ein damaliger Clubgänger: „Der Techno, der dort gespielt wurde, war in seiner Radikalität noch einmal zwei Stufen härter als Punk. [...] Es ging um Ekstase, um das Erlebnis, alles loszulassen.“ Die Musik ohne Texte brachte Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Nach Ansicht von Dimitri Hegemann, dem Gründer des Tresors, habe so die „Wiedervereinigung eigentlich auf dem Dancefloor stattgefunden“. Und er fügt hinzu: „Für viele war das, ohne dass sie es wussten, eine Therapie. Das war einfach zu sich kommen, irgendwie mit sich sein und nicht blöd angeguckt zu werden.“

Urbane Freiflächen

Zugleich war der Club mit der Tresortür als Markenzeichen ein Symbol dafür, wie in der Stadt im Wandel Freiflächen genutzt wurden und wie dadurch eine pulsierende Kulturszene entstand. Die Stadt war ein großes Feld, das zum Experimentieren einlud. Bis 2005 wurde an diesem Ort im Tresor gefeiert. Dann zog der Club mitsamt der charakteristischen Tür und anderen Einrichtungselementen an seinen neuen Standort in der Köpenicker Straße.

Die Tür im Humboldt Forum

Für die Berlin Ausstellung im Humboldt Forum hat Tresor-Betreiber Dimitri Hegemann die Tür an das Stadtmuseum Berlin verliehen. Im Humboldt Forum zu sehen ist sie mitsamt einigen der originalen Schließfächer des Tresorraums in der Berlin Ausstellung zwischen den Themenräumen Freiraum und Grenzen.

Zukünftig in der Berlin Ausstellung im 1. OG im Humboldt Forum.

Herkunft des Objektes
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In insgesamt 5 Bauabschnitten errichtet der Wertheim-Konzern zwischen 1896 und 1927 einen Warenhaus-Komplex, der sich zwischen Leipziger Platz, Voßstraße 31/32 – Voßstr. 24/25 und Leipziger Str. 132/133 – Leipziger Str. 126 erstreckt. Ende der 1930-er Jahre beschlagnahmt die Reichsregierung die Grundstücke und Gebäude und zwingt Georg Wertheim zum Rückzug. 1945 beschlagnahmt wiederum die sowjetische Besatzungsmacht den Wertheim-Grundbesitz und das Grundstück wird 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer in Berlin-Mitte geteilt.

Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung waren die meisten Ost-Grundstücke jüdischer Alteigentümer zunächst entweder an das Land Berlin oder an die Bundesrepublik Deutschland übergegangen. 1991 überlässt der Berliner Senat das Grundstück am Potsdamer Platz dem Warenhauskonzern Hertie, das Wertheim Mitte der 1980er Jahre übernommen hatte, für einen symbolischen Preis von 1 DM. Im Jahr 2000 verkauft Karstadt-Quelle, die Hertie 1994 erworben hatte, das für 1 DM erhaltene Land für 145 Millionen Euro an den Metro-Gründer Otto Beisheim. Ab 2001 befinden sich die Erben der Wertheim-Familie und Karstadt-Quelle in einem Rechtsstreit um die Besitzansprüche des Grundstücks, der 2007 nach monatelangen Geheimgesprächen zwischen Konzernchef Middelhoff und JCC-Präsident Haller unter Vermittlung von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl außergerichtlich beigelegt wird. Karstadt-Quelle zahlt 88 Millionen Euro an die Wertheim-Erben.

Die Tresortür tritt in den Fokus als Dimitri Hegemann zwischen 1990 und 2005 gemeinsam mit Partnern die Räume auf dem Grundstück Leipziger Straße 126-128 mietet und einen Techno-Club in dem alten Tresorraum eröffnet und betreibt. Entsprechend einer Vereinbarung mit der damaligen Vermieterin, der Bauwert development Delta GmbH, ist es den Mietern gestattet, die Tür mit anderen Einrichtungselementen auszubauen als das Grundstück abgerissen werden soll. Tür und Schließfächer aus dem Tresor-Club werden an den neuen Standort des Tresor in der Köpenicker Straße gebracht, der 2007 eröffnet.

Die Tür ist eine Leihgabe an das Stadtmuseum Berlin von Tresor-Betreiber Dimitri Hegemann.

Tresortür

Perspektiven auf die Tresortür

Der Tagesspiegel eröffnet mit „Tonnenschwere Zeitzeugin" neue Perspektiven auf die Tresortür.

Veranstaltung (9. Mai 2019)
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Internationale Expertinnen und Experten, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Beteiligte des Humboldt Forums sprachen über spannende Geschichten aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen, aktuelle Forschungsergebnisse und persönliche Erfahrungen zu überraschenden, teils verblüffenden Erzählungen.

Gespräch #9
Türen – Schlösser – Tresore
9. Mai 2019, 19:30 Uhr
Club Tresor

Humboldt Forum Highlights
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Die ersten 15 Highlights des Humboldt Forums wurden in zwei Formaten von Oktober 2018 bis Mai 2019 vorgestellt – in einer Ausstellungen sowie in Gesprächen an unterschiedlichen Orten in Berlin. Die Ausstellung auf der Museumsinsel wurde bis Ende September 2019 verlängert.

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