Eröffnung verschoben

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mit Hartmut Dorgerloh
ZEIT ONLINE: Herr Dorgerloh, nach mehreren Verschiebungen war die feierliche Eröffnung des Humboldt Forums für diesen September geplant. Haben wir uns zu früh gefreut?

Hartmut Dorgerloh: Die Auswirkungen von Corona haben uns in der Tat in der Schlusskurve erwischt. Wir hatten bereits einen mit allen Beteiligten abgestimmten Termin für den Eröffnungsfestakt. Der ist jetzt hinfällig. Erstens, weil wir ohnehin kein großes Fest für alle machen können. Zweitens, weil uns Kolleginnen und Kollegen auf dem Bau fehlen, viele von ihnen kommen aus anderen europäischen Ländern. Bis Ostern lief es zwar noch recht gut, dann sind viele nach Hause gefahren und nun können sie nicht einfach wieder zurück. Und drittens sind die Lieferketten unterbrochen: Gerade fehlten zum Beispiel Kacheln aus Italien und Komponenten aus der Türkei.

Steht also alles still?

Keineswegs, so werden zum Beispiel im Innenbereich die Vitrinen und Installationen für die Ausstellungen aufgebaut und auch bei den Außenanlagen geht es gut voran. Selbst die ersten Grünanlagen auf der Lustgartenseite sind schon bepflanzt. Und viele technische Anlagen sind in Betrieb genommen worden und laufen gut, der Brandschutz und auch die Klimaanlagen. Es geht also weiter, aber mit Verzögerungen.

Vor einem Monat kam es wegen eines Teerkochers zu einem Brand auf der Baustelle, der für eine gewaltige Rauchfahne über Berlin sorgte. Hat das die Bauarbeiten auch zurückgeworfen?

Nein, da haben wir noch mal Glück gehabt. Es war außerhalb des Gebäudes und es kam niemand zu Schaden. Die jetzt notwendigen Reinigungs- und Reparaturarbeiten sind ärgerlich und verursachen Kosten. Daher geht es auch um Ursachenermittlung und Versicherungsfragen, aber nicht um zusätzliche Zeitverschiebungen.

Das Gebäude wird später fertiggestellt. Was heißt das für die geplanten Ausstellungen?

An denen wird wie geplant intensiv weitergearbeitet und bei vielen gibt es keine gravierenden Probleme. Aber die Projekte in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern in Afrika, Asien oder Nord- und Südamerika sind gerade sehr eingeschränkt. So werden wir die Sonderausstellung zu Elefant, Mensch, Elfenbein wohl erst in der zweiten Phase, also im Frühjahr 2021, eröffnen können.

Die Elfenbein-Ausstellung war für diesen September angesetzt.

Die Kolleginnen und Kollegen vom Nationalmuseum in Kenia, mit denen wir für die Ausstellung zusammenarbeiten, dürfen nicht hierherkommen und wir nicht zu ihnen. Und bis auf Weiteres ruht auch erst mal der internationale Leihverkehr.

Faktisch passiert also gar nichts im September?

Wir wollen noch in diesem Jahr mit der ersten Etappe beginnen und das neue Stadtquartier dann dauerhaft für das Publikum eröffnen. Aber nicht nur die spektakulären Höfe und Passagen oder die Gastronomie, sondern auch das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss mit mehreren Ausstellungen. Wir werden die Geschichte des Ortes, die Berlin-Ausstellung des Stadtmuseums, die Ausstellung Nach der Natur der Humboldt-Universität und die Ausstellung Nimm Platz! über Kulturtechniken des Sitzens für Kinder und Familien zeigen.

Es wird also gar keine Eröffnung geben? Irgendwann kann man ins Haus gehen und das ist es dann?

Das hängt sehr davon ab, wann Großveranstaltungen wieder möglich sind. Sicher können wir dann nicht so eröffnen, als hätte es nur eine zeitliche Verzögerung gegeben. Wir arbeiten derzeit an Szenarien, die unterschiedliche Auswirkungen von Corona auf unsere Arbeit einbeziehen. Da geht es zuallererst um den Schutz des Publikums wie auch unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort. Und was mögliche Formen von Zugangsbeschränkungen für unsere Angebote und Formate bedeuten.

Es gab ohnehin Zweifel, ob Sie den Septembertermin schaffen würden. Für Sie ein Glücksfall, jetzt können Sie sagen: Corona ist schuld!

(lacht) Doch, wir hätten das geschafft. Jetzt verliere ich wohl eine Kiste Rotwein, weil ich gewettet habe, dass wir noch vor dem Flughafen aufmachen werden. Wir müssen das Beste aus der Situation machen. So hätten wir im September nur wenige Tage nach der offiziellen Betriebsgenehmigung, quasi ohne Probebetrieb, für Tausende Menschen pro Tag eröffnet. Das dürfte sich nun etwas entspannen, auch weil wir erst mal ohne Touristen aus dem Ausland mit weniger Besuchern und Besucherinnen rechnen. Aber wir haben ein anderes Problem: Je länger der Bau dauert, desto teurer wird er, und wir haben natürlich auch noch keine Einnahmen.

Der Staat springt nicht ein in dieser Notsituation?

Corona-bedingte Mehrkosten werden möglicherweise übernommen. Uns ist aber klar, dass das Humboldt Forum in einer sehr angespannten Haushaltslage an den Start gehen wird. Und das sage ich ganz bewusst auch mit Blick auf die nötige Solidarität mit anderen Kulturinstitutionen und vor allem hinsichtlich der Lage von selbständigen Künstlerinnen und Künstlern.

Gibt es einen neuen Zeitplan?

Abgesehen vom späteren Start könnte es bei dem Zeitplan der bisherigen drei Etappen bleiben. Das Humboldt Forum wäre dann Ende 2021 vollständig eröffnet. Das hängt aber davon ab, wann die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU wiederhergestellt ist und wie sich die internationale Zusammenarbeit entwickelt.

Nicht nur die Lieferketten der Industrie sind globalisiert, auch das Museums- und Ausstellungswesen lebt von seiner Vernetzung und ist zum Beispiel für Kuratoren in der Regel ziemlich flugmeilenintensiv. Hat Corona in diesem weiteren Sinn auch museologische Folgen für ethnologische Ausstellungen?

Wir dürfen als Humboldt Forum gerade in dieser Situation nicht nur Nabelschau betreiben, wo die Pandemie im globalen Süden noch gar nicht mit aller Wucht angekommen ist. Das wird unsere Zusammenarbeit mit source communities weltweit noch länger beeinflussen, und wir müssen uns fragen, wie wir auch in der Zusammenarbeit mit konkreten Projekten unterstützen und helfen können. Ich war noch Ende Februar in Australien, weil wir mit dem Nationalmuseum in Canberra ein gemeinsames Projekt planen. Wann aber können wir wieder damit rechnen, dass Aboriginal Australians, mit denen wir dabei eng zusammenarbeiten wollen, hierherkommen können? Was Alexander von Humboldt mit seltener Klarheit in einem weltweiten Horizont erkannt hatte, macht Corona nun überdeutlich: Ökologische, soziale und ökonomische Faktoren sind eng miteinander verflochten und was an einem fernen Ort in China auf einem Markt passiert, kann ganz schnell und unmittelbar Auswirkungen auf meinen Berliner Alltag haben.

Autor*in
Foto von Hartmut Dorgerloh
Hartmut Dorgerloh

Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh ist Generalintendant und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Der Kunsthistoriker und Kulturmanager lehrt seit 2004 als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.