Dieser Artikel ist Teil des Features „Was soll das? Das Kreuz auf dem Humboldt Forum

Das Sanchi-Tor: Ein Portal zur Welt

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Bereits von Weitem zog das freistehende Sanchi-Tor vor dem Dahlemer Ethnologischen Museum seit den 1970er Jahren die Besucherinnen und Besucher in seinen Bann. Es ist der maßstabsgetreue Abguss eines der vier steinernen Torbögen (toranas), die – ausgerichtet nach den Himmelsrichtungen – den „Großen Stupa“ von Sanchi umstehen. Das kreisrund angelegte indisch-buddhistische Heiligtum mit kuppelförmigem Abschluss wurde im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung erbaut. Es gehört zu den ältesten und bedeutendsten buddhistischen Monumenten, die erhalten geblieben sind. 1989 wurde diese heilige Stätte in die Liste der UNESCO Weltkulturerbestätten aufgenommen.

Aus der Distanz erinnert der geometrische Aufbau des etwa 8 Meter hohen sandfarbenen Prachttors mit seinen drei monolithischen Bögen, die über die seitlichen Stützpfeiler hinausragen, an die Komplexität eines chinesischen Schriftzeichens. Tritt man näher heran, so belebt sich das faszinierende Gebilde: Jeweils vier Elefanten tragen die leicht gewölbten, übereinander angeordneten Querbalken, auf deren Bildflächen im Wechselspiel von Licht und Schatten hoheitliche Tierwesen, Pflanzen und Yakshi-Gestalten mit universalen Symbolen des buddhistischen Glaubens interagieren – ein plastischer Formenreigen, der kaum einen Quadratzentimeter ungestaltet lässt.

Was gibt es dort alles zu entdecken: Freundliche Wächterfiguren, himmlische Geister, stolze Reiter, edel die Köpfe beugende Pfauen, friedlich lagernde Stiere, majestätische Löwen und würdevoll schreitende Elefanten begleiten die Szenen der Verwandlungen und der Apotheose des erleuchteten Gautama Buddha (Bodhisattva). Fruchtbarkeitsgenien verheißen den Eintretenden Glück und Segen, auch im Sinne weltlicher Erfüllung. Zwischen Bodhibäumen finden sich poetische Szenen aus dem Leben des Heiligen, seine Geburt, die Anbetung des Buddha durch die Tiere des Dschungels, seine Wundertätigkeiten und sein Wirken im Himmel. Sofort springt auf der rechten Seite die anmutige, sich weit nach vorn lehnende Göttin Mayadevi ins Auge, Mutter des Buddha, die von zwei Elefanten gebadet wird. Diese Szene erinnert an die Empfängnis und glückverheißende Geburt des Siddharta Gautama. Ein Feigenbaum mit prächtig ausladender Krone markiert den Ort, an dem der Heilige, versunken in die Meditation, die höchste Erkenntnis erlangt haben soll.

 

Mehrfach wurde im 19. Jahrhundert versucht, eines der vier Tore, die den Großen Stupa umstehen, nach Europa zu verschaffen, zuerst nach London ins British Museum, im Auftrag von Queen Victoria (1853), später von Napoleon III. nach Paris (1867). Schließlich einigte man sich auf Grundlage der zu dieser Zeit fortschrittlichen und bis heute wegweisenden Konvention zur Förderung von Reproduktionen kanonischer Werke der Weltkunst (1867) darauf, das originäre Denkmalensemble vor Ort zu erhalten und für den europäischen Kunst- und Museumsmarkt Gipsabgüsse der Tore in Originalgröße fertigen zu lassen. Erstmalig wurden sie 1871 auf der Weltausstellung in London einem begeisterten Publikum präsentiert. Weitere Kopien bot man Museen in Dublin, Edinburgh, Paris, Brüssel und Berlin zum Kauf an. In der kaiserlichen Reichshauptstadt war der Abguss des Osttores seit seiner Eröffnung 1886 im Völkerkundemuseum zu bewundern. Die Präsenz der Kopien ließ die Tore von Sanchi in Europa zu Ikonen der reichen altindischen Kultur werden.

 

Auf besondere Weise verbindet sich die Nachbildung des Ost-Tores des Großen Stupas von Sanchi nun mit dem Humboldt Forum. Nicht allein, weil es stellvertretend für die Dahlemer Sammlungen stehen kann, die in das Humboldt Forum einziehen werden. Immerhin war der Kunststein-Abguss imposanter Blickfang im Garten des Ethnologischen Museums in Dahlem. Als kostbare Reproduktion demonstriert das Sanchi-Tor zudem, ähnlich wie der Neubau des Berliner Schlosses, dessen drei Fassaden maßstabsgetreu nach den Plänen Schlüters und Stülers wiedererrichtet wurden, wie unmittelbar das Erleben der getreu nachempfundenen Form sein kann, auch wenn es sich nicht um das Original handelt. Zudem wird das Sanchi-Tor zum Botschafter der Transformation: Wie ein „Bilderfahrzeug“, im Sinne der von Aby Warburg geprägten Metapher, zeugt es von der transkontinentalen Migration der Bilder, der Zeichen, Formen und Ideen. Als ein über 2.000 Jahre altes Symbol lässt es vertraute Formensprachen vieler Kulturen anklingen. Geradezu exemplarisch steht das Sanchi-Tor für die Interaktion ineinander verwobener Kulturräume. Symbole wie das Rad, die Spirale, der Greif oder das Rankengeflecht finden sich als Zeichen in allen menschlichen Kulturen wieder. Das Sanchi-Tor macht die Tradierungsdynamik antiker Bildformeln sichtbar, in denen sich auch die mediterranen islamischen, jüdischen und christlichen Kulturen verschränken, und zeigt so die beeindruckende »Spannweite des bildgeschichtlichen Flügelschlags« (Warburg), die es im Humboldt Forum zu bestaunen und zu entdecken geben wird.

Die Aufstellung einer neu produzierten Nachbildung des Sanchi-Tors vor dem Humboldt Forum ist in Planung und nach Fertigstellung der Außenanlagen 2022 auch realisierbar. Außer Frage steht auch, dass seine Errichtung vor dem Humboldt Forum ein Zeichen setzen wird – nicht allein als stilistischer Kontrapunkt zur barocken Fassade des Schlossnachbaus und zum wilhelminischen Kuppelkreuz. Es wird vielmehr mit einladender Geste die inhaltliche Botschaft des Humboldt Forums, Erlebnisraum der Weltkulturen wie der globalen Wissenschaft zu sein, nach außen tragen. Gegenüber des Lustgartens errichtet, könnte es neben dem nach Westen hin orientierten Brandenburger Tor den Zugang nach Osten symbolisch öffnen – als Aufforderung, aus der westlichen Kulturhemisphäre einzutauchen in die der östlichen und fernöstlichen Länder. So prominent platziert, zwischen Lustgarten, Museumsinsel, West und Ost, wird es zu einem verbindenden Eingangstor über alle Kontinentalgrenzen hinweg und ein erster Zugang zum Humboldt Forum sein!

 

Museen in Dahlem

Die Museen in Dahlem wurden bereits ab 1914 von Bruno Paul geplant und teilweise baulich verwirklicht. Beinahe ein halbes Jahrhundert später vervollständigten Wils Ebert und Fritz Bornemann das Ensemble in verändertem Stil. Hier befanden sich bis 2017 die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin mit ihren einzigartigen ethnologischen und kulturgeschichtlichen Schätzen: das Ethnologische Museum Berlin und das Museum für Asiatische Kunst, Berlin. Sie werden ab 2021 im Humboldt Forum im Berliner Schloss zu sehen sein, in unmittelbarer Nähe der Museumsinsel Berlin, mit deren Ausstellungen sie eine kongeniale Synthese eingehen werden.

Autor*in
Foto von Laura Goldenbaum
Laura Goldenbaum

Die Kunsthistorikerin Dr. Laura Goldenbaum ist die wissenschaftliche Referentin des Generalintendanten und Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh.