Humboldt Forum
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© ullstein bild, Zander & Labisch
Spiralprojektion

2019 M10 31

Experimente im Schloss

von Margarete Pratschke

Wenn die Humboldt-Universität 2020 ins Humboldt Forum einzieht, wird dies nicht der erste Einzug der Universität ins Schloss sein. Vor ziemlich exakt hundert Jahren war man schon einmal dort.

Im März 1919, als sich die junge Weimarer Republik nach den revolutionären Umwälzungen alles andere als in ruhigen Fahrwassern befand, packte Carl Stumpf, Direktor des Psychologischen Instituts der Friedrich-Wilhelms-Universität die historische Gelegenheit beim Schopf. Sein Institut brauchte dringend einen neuen Sitz. Als weltweit angesehener Psychologe, Begründer des Phonogramm-Archivs und zuvor 1907 selbst Rektor der Universität, erkundigte er sich beim Kultusministerium, »ob nicht eines der bisherigen Kaiserlichen Schlösser in der Nähe der Universität« von seinem Institut genutzt werden könnte.

Die mit Chuzpe vorgetragene Anfrage markierte den Anspruch auf repräsentative Räume für die erstarkte Rolle der Psychologie als wissenschaftlicher Disziplin und die wachsende Bedeutung der Wissenschaften allgemein. Und so erhielten die Psychologen der Universität Anfang 1920 die Zusage, umfängliche Räume im Berliner Schloss nutzen zu können. Als einziges Institut der Universität zogen sie in eine Raumfolge an der Westseite an der Schlossfreiheit, rechts vom Eosanderportal.

Um die Säle im Schloss für die Forschungszwecke der Psychologen flott zu machen, wurden die Räume grundlegend umgebaut. Die Baumaßnahmen gingen dem Gebäude an die Substanz und reichten vom Verlegen neuer Böden, von Mauerdurchbrüchen, dem Entfernen von Dekor und Lüstern bis hin zur Installation elektrischer Leitungen. Erst so konnten die Wissenschaftler die Räume für ihre experimentelle Forschung zur visuellen Wahrnehmung nutzen, die sie mit diversen Apparaturen durchführten. Unter Stumpfs Nachfolger Wolfgang Köhler gelang es 1923, nochmals weitere große Säle für die Forschung hinzuzugewinnen. Und so wurde aus einem zuvor repräsentativen Salon ein experimenteller Kinosaal, in dem ausgehend von Wolfgang Metzgers Ganzfeldexperimenten diverse Film- und Wahrnehmungsversuche durchgeführt wurden.

Spiralprojektion

Für die Experimentalpraktiken der Wahrnehmungspsychologie herrschten in den Räumen im Schloss der 1920er-Jahre geradezu paradiesische Verhältnisse. Der Institutssitz beflügelte die Forschung und begründete den Weltruhm der Berliner Schule der Gestaltpsychologie unter Köhler. Sie zog Gastwissenschaftler aus aller Welt an und vernetzte die Berliner Forscher in der internationalen Wissenschaft. Jedoch brachten die besonderen Räume nicht nur Erfolge in der Forschung, sondern auch Probleme im Alltag. Auf der administrativen Ebene war das Labor im Schloss von Querelen mit der Schlossverwaltung begleitet, die das Gebäude als schützenswertes Denkmal verstand. Insbesondere im Hinblick auf den Brandschutz entzündeten sich zwischen Forschern und Verwaltern immer wieder Konflikte um die Arbeitsmaterialien, die in den Experimenten zum Einsatz kamen – darunter das damals besonders brandgefährliche Filmmaterial.

Das Psychologische Institut der Universität blieb bis 1945 im Schloss. Jedoch endete 1933 die Berliner Ära der weltweit renommierten Gestaltpsychologie jäh. Die gesamte Schule flüchtete sich ins Exil und setzte ihre Karriere in den USA fort. Das Institut der Universität blieb unter neuer ›Führung‹ bis Kriegsende im Schloss. Seiner Forschungsagenda fiel als Erstes das Kinolabor zum Opfer. Zu Kriegsende verbrannte nach den Bombenangriffen auf das Schloss die gesamte verbliebene Ausstattung des Instituts. Von den Spuren der Blütezeit der Gestaltpsychologie der 20er-Jahre blieb bis auf wenige Fotografien und Baudokumente nichts erhalten. Darüber wurde fast vergessen, dass der Erfolg der Gestaltpsychologie das Ergebnis der außergewöhnlichen Arbeitsbedingungen war, die das Labor im Schloss ermöglichte.

Margarete Pratschke ist Gastprofessorin für Kunst- und Bildgeschichte der Moderne und Gegenwart am Institut für Kunst- und Bildgeschichte und assoziiertes Mitglied des Exzellenzclusters »Bild Wissen Gestaltung« der Humboldt-Universität zu Berlin. 2016 wurde sie mit dem Caroline von Humboldt- Preis ausgezeichnet. 2016 erschien ihr Buch Gestaltexperimente unterm Bilderhimmel. Das Psychologische Institut im Berliner Stadtschloss und die Avantgarde.

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