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Humboldts Wissensobjekte

2019 M09 14

Humboldts Objekte der Erkenntnis: Das Sammeln in einem globalen Zeitalter

von Miruna Achim

Was bedeutete es zu Zeiten Alexander von Humboldts, Objekte von einem Ort zum anderen zu bringen? War Humboldt wirklich die Einzelfigur, als die er so oft dargestellt wird: ein Held, der Berge überquerte und alleine am Schreibtisch studierte? In ihrer Festrede zu Alexander von Humboldts 250. Geburtstag „Humboldts Wissensobjekte: Sammeln in einem globalen Zeitalter“, gehalten am 14. September im Humboldt Forum, machte die Historikerin Miruna Achim aus Mexico-City deutlich, dass Alexander von Humboldt auch als begnadeter Netzwerker verstanden werden muss. Wir geben den Vortrag hier ungekürzt wieder.

Wie man eine Sammlung über den Huancabamba – und den Atlantik – bringt

Mitte August im Jahr 1802 befand sich Alexander von Humboldt am Fluss Huancabamba im heutigen Peru. Er watete am Ufer „in […] langen Tagesreisen von den Syenitfelsen von Zaulaca bis zu dem versteinerungsreichen Tale von San Felipe (am Fuß des eisigen Páramo de Yamoca)“. Die Überquerung des Huancabamba erwies sich gelegentlich als tückisch. Viele Jahre später erinnert sich Humboldt:

„Wir waren gezwungen, […] den Río de Guancabamba, welcher sich in den Amazonenstrom ergießt, wegen seiner vielen Krümmungen 27mal zu durchwaten: während wir hier abermals an einer uns nahen, steilen Felswand immerfort die Reste der hochaufgemauerten, geradlinigen Kunststraße der Inkas mit ihren Tambos sahen. Der kleine kaum 120 bis 140 Fuß breite Gießbach war so reißend, dass unsere schwer beladenen Maultiere oft Gefahr liefen, in der Furt fortgerissen zu werden. Sie trugen unsre Manuskripte, unsre getrockneten Pflanzen, alles, was wir seit einem Jahre gesammelt hatten. Man harret dann am jenseitigen Ufer mit unbehaglicher Spannung, bis der lange Zug von 18 bis 20 Lasttieren der Gefahr entgangen ist.“

Als Humboldt und seine zahlreichen Begleiter den Huancabamba erreichten, waren er und Aimé Bonpland bereits seit mehr als einem Jahr Richtung Süden durch die Anden gereist. Anfang 1801, nach ihrer Ankunft in Cartagena de Indias, reisten sie zunächst entlang des Flusses Magdalena stromaufwärts Richtung Santa Fe de Bogotá. Von dort aus gelangten sie nach Quito, wo sie während der ersten Jahreshälfte 1802 blieben. Im Juli brachen sie wieder auf, wobei sie eng dem Verlauf des imposanten Straßen- und Brückennetzes folgten, das einst das mächtige Reich der Inkas durchzog. Über Cuenca, das für seine Chininpflanzen berühmte Loja, das bedeutende Zentrum des Inkareichs Cajamara und die Silberminen von Hualcayoc gelangten sie schließlich nach Lima. Ende 1802 befanden sie sich auf dem Weg zur Hafenstadt Acapulco an der Pazifikküste Neuspaniens.

Aber greifen wir der Erzählung nicht vor, sondern kehren zunächst zu jenem Tag zurück, als Humboldt 27-mal bangend am Flussufer stand, während der Tross seiner 20 Lasttiere die schnelle Strömung des Huancabamba durchfurtete. Ein falscher Tritt, ein lockerer Stein hätte bedeutet, dass die Sammelarbeit eines Jahres davongeschwemmt worden wäre: botanische Zeichnungen der Cinchonapflanze mit Anmerkungen, die auf lange Gespräche mit dem berühmten Botaniker Celestino Mutis in Bogotá zurückgingen; Erläuterungen des Priesters José Domingo Duquesne zu Kalender und Mythologie der Muiscas von Neugranada; Humboldts erste Beobachtungen zur Pflanzengeografie, ergänzt durch jene von José Francisco Caldas, dessen Bekanntschaft Humboldt in Ibarra machte, Gesteinsproben, Pflanzenexemplare und einige Altertümer, Messungen und Aufzeichnungen von Humboldts Besteigung des Chimborazo, Beschreibungen und Skizzen von Flüssen, Wegen, Vulkanen, Bergwerken und vorspanischen Spuren zusammen mit Glossen zu lokalen Sagen über vergrabene Schätze und die Rückkehr der Inkas. Notizen, Zeichnungen und Proben mussten ausreichen, wenn die Dinge selbst zu zerbrechlich, zu groß oder zu sperrig für den Transport waren. Wie hätte man denn auch den Chimborazo nach Europa überführen können? Und so stehen wir heute, über zwei Jahrhunderte später, mit Humboldt am Fluss und warten voll Sorge, dass der lange Tross der Lasttiere und ihrer Führer eine ganze Welt des Wissens behutsam, Maultier für Maultier, Andenfragment für Andenfragment, sicher über das Wasser bringt.

Ansicht des Chimborazo

Biografen und Maler stellen Alexander von Humboldt meist als einsamen Helden dar, als Einzelgänger, der Berge bestieg und die Selvas durchquerte – oder als zurückgezogenen Gelehrten, der in der vertrauten Umgebung seines Arbeitszimmers eine neue Welt erfand. Man geht stillschweigend davon aus, dass die auf Humboldts Amerikareisen gesammelten Proben, Notizen und Messungen immutable mobiles, unveränderliche mobile Elemente im Sinne des Philosophen Bruno Latour seien – Objekte, die orts- und kontextübergreifend stabil bleiben, unerschütterliche Belege für den Zustand der Natur und der menschlichen Kultur jenseits des Atlantiks, die Humboldt nach seiner Rückkehr nach Europa kategorisiert, geordnet und penibel in die 30-bändige französische Ausgabe seiner Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent sowie zahlreiche andere Publikationen übertrug. Die menschlichen Schädel, die er zur Bestürzung seiner einheimischen Führer aus einer Höhle am Fluss Orinoco entwendete, dienten als Zeugnisse für die Verbreitung der verschiedenen Rassen, die Landschaften der Anden für die botanischen und geologischen Strukturen der Erde, die Altertümer Amerikas für die kulturelle Evolution der Menschheit.

Doch Humboldts Bangen am Ufer des Huancabamba scheint uns das Gegenteil zu vermitteln: nämlich dass kein Gegenstand je ein „unveränderliches mobiles Element“, ein getreues Zeugnis der Werke der Natur oder des Menschen gewesen ist. Wenn Humboldt sich sorgt, dann gerade weil Objekte sich verändern. Sie haben keine materielle oder ontologische Stabilität. Sie können zerstört, vernichtet, ausgelöscht, verloren, davongeschwemmt, gestohlen, angefochten oder verborgen werden, und das jederzeit. Die tosende Strömung des Huancabamba führt vor Augen, worum es ging, als die Sammlungen – nicht nur geografisch – von einem Flussufer ans andere gebracht wurden, von Amerika nach Berlin, auch im sprachlichen und konzeptionellen Sinn. Humboldts Wissenschaft war alles andere als die Arbeit eines einsamen Forschers, sie war ein gemeinschaftliches und ungestümes Unterfangen, im gesellschaftlichen wie materiellen Sinn, reich an anderen Wissenschaftlern, an Flüssen, Bergen, Maultieren und Maultiertreibern, an einheimischen Führern, die Pfade und Flussläufe wie ihre Westentasche kannten, an Booten, Schiffskapitänen, Bürokraten, Zollbeamten, Übersetzern, Druckern und Herausgebern. Die gesellschaftliche Dimension seiner Wissensgenerierung – insbesondere seiner Erfahrungen an den wissenschaftlich bedeutsameren Stätten Amerikas – ist noch weitgehend unerforscht.

Valle del Cauca

Die aufgeklärten Kreise der Neuen Welt, oder: Humboldts Archiv

Im Januar 1803 erreichten Humboldt und Bonpland Acapulco. Von diesem geschäftigen Tor zu den Philippinen und nach China reisten sie in Richtung Norden über die Sierra Madre und gelangten über Zwischenstationen – etwa im Silberbergbaugebiet Taxco – nach Mexiko-Stadt. In dieser an kulturellem Leben reichen „Stadt der Paläste“, wie man die Hauptstadt Neuspaniens auch nannte, besuchte Humboldt einige Monate lang Akademien, Salons, Labore und Kabinette, pflegte den Umgang mit den mexikanischen Eliten und organisierte Exkursionen zu Ruinen und geologisch bedeutsamen Orten in der Nähe. Entgegen der schwarzen Legende, die die spanische Monarchie als weitgehend ungebildet, ineffizient und barbarisch beschreibt, verwaltete Spanien seine Kolonien in der Neuen Welt mit großer Aufmerksamkeit. Bereits im 16. Jahrhundert erstellte die spanische Monarchie umfangreiche Fragebögen und Anweisungen, um genaue und detailreiche Informationen über die natürlichen und kulturellen Reichtümer ihrer Besitzungen zu erheben – und diese letztlich methodischer nutzen zu können. Mitte des 18. Jahrhunderts intensivierten sich diese Bemühungen deutlich und nahmen nun auch die Form von Expeditionen und Maßnahmen zur Wissenschaftsförderung in lokalen Zusammenhängen an, um systematisch Erkenntnisse über die botanischen, medizinischen und mineralogischen Ressourcen des Reichs zu gewinnen. Da Spanien die Kunst der Bürokratie – also die Mechanismen und Strategien für das Sammeln, Organisieren und Bewahren von Informationen – früher als andere europäischen Staaten entwickelt hatte, verfügte es über riesige Archive zu einer großen Vielfalt an Themen. Humboldts Expedition in die Neue Welt war lediglich die letzte in einer Reihe ähnlicher Unternehmungen, er hatte daher privilegierten Zugang zu den Erkenntnissen der vorangegangenen Expeditionen – dies war später etwa für seine statistischen Ausführungen über Bevölkerung, Handel, Bergbau und Ackerbau Neuspaniens von entscheidender Wichtigkeit – sowie zu vielen Menschen, die mitgeholfen hatten, diese Informationen zusammenzutragen, und zu den Institutionen, die eigens für deren Systematisierung und Zentralisierung ins Leben gerufen worden waren.

Anguila eléctrica

In Mexiko-Stadt war Humboldt vom königlichen Bergbauseminar mit seinen prachtvollen physikalischen, mechanischen und mineralogischen Sammlungen beeindruckt. Dort begegnete er Andrés Manuel del Río wieder, dessen Bekanntschaft er bereits an der Freiberger Bergschule gemacht hatte und der mit seinen Elementos de Orictognesia ein bedeutendes Werk der Mineralogie vorgelegt hatte. Del Río begleitete Humboldt auf Kurzausflügen, etwa zu den Basaltprismen von Santa María Regla. Als Zeichen seiner Freundschaft schenkte del Río dem preußischen Reisenden die berühmte Grünstein-Axt, die bis zum Zweiten Weltkrieg in den Beständen des ethnologischen Museums in Berlin verblieb, bevor sie in den Kriegswirren verloren ging. Nur ein paar Gehminuten vom imposanten Bergbauseminar entfernt, auf dem Gelände des vizeköniglichen Palasts, befand sich der botanische Garten. Diesen beschrieb Humboldt als „klein, aber äußerst reich an seltenen Hervorbringungen der Natur“, die „von großem Interesse für Handel und Industrie“ seien. Ebenso wurde er auf die königliche Akademie von San Carlos aufmerksam, die er als geeigneten Rahmen für Ausstellungen vorspanischer Altertümer zusammen mit Kopien griechischer und römischer Kunstwerke betrachtete. Tatsächlich ähnelte Mexiko-Stadt zum Zeitpunkt seines Besuchs einem Freilichtmuseum vorspanischer Altertümer, die scheinbar allerorts als strukturelle und dekorative Elemente von Gebäuden und Brücken anzutreffen waren. Doch war nicht alles offen sichtbar. Um etwa die Coatlicue-Statue – einen der größten Monolithen der Aztekenkultur – zu besichtigen, die zehn Jahre zuvor entdeckt, aber bald darauf wieder vergraben wurde, um angeblichen Tendenzen zur Götzenverehrung seitens der Eingeborenen entgegenzuwirken, musste Humboldt die Bewilligung der vizeköniglichen Behörden einholen.

Humboldt war auch häufig in privaten Sammlungen anzutreffen, wo sich kreolische und spanische Forscher inmitten von Altertümern und Naturalien begegneten. Er bewunderte die Sammlung Fausto de Elhúyars, des Direktors des Bergbauseminars, und war besonders beeindruckt vom privaten Kabinett des Ciriaco González de Carvajal (1745–181?), eines Friedensrichters an der Real Audiencia, der neben „sehr bemerkenswerten oryktognostischen und geologischen Sammlungen“ auch ein „hervorragendes Muschelkabinett“ besaß, das er „während seines Aufenthalts auf den Philippinen zusammengetragen hatte, wo er denselben Eifer für die Naturwissenschaften bewiesen hatte, der ihn in Mexiko auszeichnete“. González de Carvajal war auch ein begeisterter Sammler von Altertümern und Förderer der königlichen antiquarischen Expeditionen, die während Humboldts Aufenthalt in Neuspanien organisiert wurden. Guillermo Dupaix, der diese Forschungsreisen zwischen 1806 und 1809 leiten sollte, zählte vermutlich zu Humboldts wichtigsten Quellen für Informationen über das vorspanische Mexiko. Der gebürtige Flame Dupaix hatte seit seiner Ankunft in Neuspanien zehn Jahre zuvor antike Objekte dokumentiert und gesammelt. Viele seiner Aufzeichnungen und Beobachtungen wurden später von Humboldt in seine eigenen Schriften über amerikanische Altertümer eingepflegt.

Dies war also das unmittelbare Umfeld, das Humboldt das Sammeln von Objekten und Informationen über die Natur- und Kulturgeschichte der Neuen Welt ermöglichte. Mit vielen dieser Männer blieb er auch nach seiner Rückkehr nach Europa in brieflichem Kontakt. Die intellektuellen und politischen Eliten, die dem jungen Reisenden Zugang zu ihren Kabinetten und Archiven gewährten, waren Teil eines dichten Netzwerks, das Mexiko-Stadt mit anderen Städten und Dörfern Neuspaniens verband und den Austausch von Informationen und Objekten ermöglichte. Dank dieses Netzwerks konnte Humboldt etwa die Cochenille-Herstellung in Oaxaca und die Vanilleernte am Golf von Mexiko beschreiben, die die spanische Krone vor der Konkurrenz geheim zu halten versuchte. Somit brachte Humboldt bei seiner Rückkehr nach Europa nicht die unvermittelten Fragmente einer unbekannten Wirklichkeit mit, sondern Objekte, die aus unterschiedlichen Prozessen der Übersetzung, des Austauschs und der Interpretation hervorgegangen waren. Seine Veröffentlichungen stellen eine von vielen solchen Übersetzungen dar, die die Natur- und Kulturwelt Amerikas für die Sprache und die Kategorien der europäischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert lesbar machen sollten.

Mexikanische und ägyptische Göttinnen: hin zu einer universellen Wissenschaft der menschlichen Natur

Humboldts Vues des cordillères et monuments des peuples indigénes de l’Amérique (1810–1813), ein bemerkenswertes Album mit 69 „Ansichten“ natürlicher und von Menschenhand geschaffener „Denkmäler“, beginnt mit einem Stich der Skulptur einer „aztekischen Priesterin“, die Humboldt in der Sammlung von Guillermo Dupaix sah. Dupaix’ „Priesterin“ erinnert ihn an ein ähnliches „Götzenbild“, das er in den Ruinen von Texcoco nahe Mexiko-Stadt gefunden hatte und später der Friedrich Wilhelm’schen Sammlung in Berlin überließ. Besonderen Eindruck hinterlässt bei Humboldt allerdings die Ähnlichkeit zwischen der „Priesterin“ und Götterdarstellungen der Antike. Ihr Kopfschmuck gleicht seiner Meinung nach dem einer griechischen Isisstatue, die er kurz nach seiner Rückkehr aus Amerika in der Villa Ludovisi in Rom gesehen hatte. Nach Gesprächen mit Georg Zoëga, dem dänischen Ägyptologen und Kurator der mexikanischen Kodizes in der Sammlung Borgia in Velletri, identifizierte er den markanten Haarknoten am Hinterkopf der „Priesterin“ als ein Element, das auch Skulpturen des Osiris aufweisen. Ferner vergleicht Humboldt ihren Kopf mit jenen auf den Säulenkapitellen des Hathortempels im ägyptischen Dendera. Diese hatte er in Vivant Denons kurz zuvor (1802) erschienenem Werk Voyage das la basse et la haute Égypte gesehen.

Wie verhält es sich nun mit Humboldts Deutung der „aztekischen Priesterin“ aus der Perspektive der Objektkategorien der Alten Welt? Diese analytische Strategie durchzieht Humboldts gesamtes Werk – so vergleicht er etwa die Kalendersteine der Muisca und aztekische Kalenderdarstellungen mit jenen der Tibeter und Ägypter. Seit die ersten exotischen Gegenstände aus Amerika im 16. Jahrhundert in Europa in Umlauf kamen, diente den Chronisten der Neuen Welt das alte Ägypten als Bezugspunkt. Im 19. Jahrhundert jedoch – nach den napoleonischen Feldzügen in Nordafrika, an denen auch Alexander von Humboldt in seiner Jugend gern teilgenommen hätte – wurden derartige Vergleiche im Kontext einer bisher unerhörten Begeisterung für alles Ägyptische angestellt, die die Öffentlichkeit ebenso wie die Wissenschaft erfasst hatte. Denons Voyage, eines der ersten Nachschlagewerke über das alte Ägypten, machte das französische Publikum auf den Tierkreis von Dendera aufmerksam, der dadurch Gegenstand heftiger Kontroversen zwischen Verfechtern der Bibel und Vertretern der These wurde, dass die Erde wesentlich älter sei. Humboldt, der damals in Paris an seinen Vues arbeitete, nahm zu diesen Kontroversen offenbar keine Stellung. Dennoch beeinflussten die Debatten seine vergleichenden Untersuchungen der Zeitmessungssysteme in der Alten und der Neuen Welt.

Sacerdotisa azteca

Abseits dieser unmittelbaren Zusammenhänge blickte Humboldt insbesondere in stilistischen Fragen nach Ägypten, um nicht nur die vorspanischen Altertümer zu deuten, die sich ihm als „Vielzahl bizarrer und fantastischer Formen“ präsentierten, sondern auch ganz allgemein die Kulturen zu verstehen, von denen diese Spuren hinterlassen wurden. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der deutsche Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann die These aufgestellt, dass die Evolution der Kunst nach einem gleichförmigen Muster fortschreite, das vom Ursprung bis zum Untergang an der Art und Weise der Darstellung des Menschen abzulesen sei. Für Winckelmann war der männliche griechische Akt ein Höhepunkt der Kunstgeschichte, zu dem die Ägypter und Etrusker unvollkommene Vorspiele beigetragen hatten, während die römische Plastik am Ende jener Zeit stand, als die Kunst den Gipfel ihrer Entwicklung erreicht hatte. Ausgehend von Winckelmanns Idee, dass jeder Stil von unterschiedlichen kontextuellen Faktoren geprägt sei, kam Humboldt zu dem Schluss, dass „der grobe Stil und der Mangel an Korrekturen“ der amerikanischen Altertümer – mit anderen Worten, ihre Abweichung vom klassischen Idealstil – einerseits durch das Fehlen individueller Freiheit bedingt seien und andererseits dadurch, dass sich die Menschen Amerikas im Kampf gegen „die durchweg wilde und erregte Natur“ befänden. In einer Geste, an der sein Interesse an Objekten menschlichen wie natürlichen Ursprungs gleichermaßen abzulesen ist, legte Humboldt nahe, dass die Form der Altertümer Amerikas durch die gewaltige und extreme Topografie des Kontinents bedingt sei: „Vulkane, deren Krater von ewigem Schnee umgeben sind […], die Konturen der Berge, die Täler mit ihren zerfurchten Flanken und die imposanten Wasserfälle.“ Auch wenn er den amerikanischen Altertümern einen Mangel an ästhetischem Wert bescheinigte, erachtete er sie deshalb nicht als „der Aufmerksamkeit nicht wert“. Wie die Artefakte der Ägypter, Etrusker oder Tibeter seien sie insbesondere als epistemologische Objekte besonders wertvoll, denn „sie bieten unseren Augen ein Bild des gleichmäßigen und andauernden Fortschreitens des menschlichen Geistes“.

Durch die Anwendung einer Anthropologie der Diversität – um mit Marie-Noëlle Bourguet zu sprechen – schuf Humboldt einen Platz für die Frühgeschichte der Neuen Welt in der Universalgeschichte der Menschheit und ließ ihre einzigartigen Objekte für die Wissenschaft, Politik und Wirtschaft der Zukunft sichtbar und verfügbar werden. Humboldt brachte nur wenige Altertümer mit nach Europa. Seine Vues des cordillères wurden jedoch bald zum unverzichtbaren Handbuch für das Studium der Frühgeschichte Amerikas und er selbst stand so manchem Museumskurator beim Erwerb amerikanischer Artefakte beratend zur Seite.

Ein Parlament der Dinge

Kehren wir nun ein letztes Mal zu der Vorstellung von Humboldt am Ufer des Huancabamba zurück und fragen uns erneut, wie die Dinge von einem Ort an den anderen überführt werden: von den Anden in die Museen Berlins, von den Salons in Mexiko-Stadt in die Vues des cordillères. Ergeben Wissenschafts- und Sammlungsobjekte überhaupt einen Sinn, wenn wir uns darauf versteifen, sie als ontologisch rein und unveränderlich darzustellen statt als Angelpunkt einer ganzen Reihe menschlicher wie nicht menschlicher Akteure, die sie durch geografische, sprachliche und konzeptionelle Räume befördern?

Vor mehr als zehn Jahren (2005) erschienen Bruno Latours Überlegungen zum Wort „Ding“ als gemeinsame Wurzel der Begriffe für „Objekt“ und „Parlament“. Im Besonderen verweist er auf den Thingvellir, das isländische Parlament, dessen Sitzungen zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert an der Grenze der amerikanischen zur eurasischen Platte abgehalten wurden. Dort kamen die Gesetzgeber zusammen, um die Ordnung der Dinge zu bestimmen, während einfache Menschen wie Händler, Handwerker und Unterhalter ihre Waren und Dienstleistungen feilboten. Latour betont, dass das Gemeinwesen „voller Objekte“ sei und dass sich Menschen um diese Objekte scharen, nicht weil ihre Bedeutungen festgeschrieben seien, sondern weil sie ihre Benutzer ständig beschäftigen und spalten.

Humboldt wusste noch nichts von der Plattentektonik. Doch ähnlich wie der Thingvellir in Island, wo Europa auf Amerika trifft, bieten seine Schriften Raum für Zusammenkünfte; die Dinge, die er auf seiner fünfjährigen Reise durch die Neue Welt zusammentrug, dienen als Treffpunkte für Gespräche, gemeinsame Arbeit und Meinungsverschiedenheiten, als Gelegenheit, Objekte zu sehen, zu erkennen, zu benennen und zu nutzen. Es wird Zeit, dass wir uns der Poetik und der Politik widmen, von denen Humboldts Wissenschaft bestimmt und durchdrungen ist – nicht nur der antiquarischen Neugierde halber oder um eine gerechtere, ausgewogenere Geschichte seiner Amerikareisen zu schreiben, sondern weil es heute dringlicher denn je ist, zu erkennen, dass Objekte noch immer wichtige Anliegen sind – kritische, intensive, lebendige, lokale und globale Anliegen. Ganz wie im alten Island oder in Humboldts Büchern brauchen wir heute Parlamente, um Raum zu schaffen für strittige und abweichende Denkweisen. Wir brauchen Versammlungen, die stark und flexibel genug sind, um demokratischen, situativen und tiefgründigen Perspektiven zu den Objekten der Welt gerecht zu werden – zu jenen Objekten, die von Humboldt gesammelt wurden, und zu jenen, die bald im Humboldt Forum ihren Platz finden werden. Mit Interesse und Vorfreude sehen wir diesem Forum entgegen, das ein Raum für die Öffentlichmachung der Dinge sein wird, indem es eine Vielzahl von Sichtweisen auf ihren tieferen Sinn, ihre Bedeutungen und Zwecke vereinen wird.

Miruna Achim ist Associate Professor an der Universidad Autónoma Metropolitana-Cuajimalpa in Mexiko-Stadt. Sie hielt diesen Festvortrag anlässlich des 250. Geburtstags von Alexander von Humboldt am 14. September 2019 im Humboldt Forum.

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