Humboldt Forum
Menü
© SHF / Stephan Falk
Fenster an der Lustgartenseite

2018 M10 11

Tausend Fenster für ein Schloss. Technische Anforderungen an einen guten Durchblick

von Hans-Dieter Hegner

Die Wirkkraft der barocken Fassade des Berliner Schlosses im Stadtraum war und ist eine der größten Triebfedern für die Rekonstruktion des historischen Gebäudes. Die einstigen Fassaden werden mit dem Entwurf des Architekten Franco Stella akkurat wiederhergestellt. Die Ostseite nimmt sich dagegen angenehm zurück und überzeugt durch eine klare Komposition aus Sichtbetonfertigteilen aus Weißzement auf hohem Qualitätsniveau.

Über tausend Fenster hat das Gebäude – etwa je zur Hälfte historische und moderne. Sie sind generell als Kastenfenster ausgebildet und können so besondere technische Herausforderungen meistern. Die historischen Fenster sollen nach außen das historische Fassadenbild zeigen, nach innen aber alle modernen Anforderungen an Energieeffizienz, Tageslichteinfall oder Sicherheit erfüllen. Diese Fenster haben gewaltige Ausmaße: Das größte Portalfenster etwa misst 5,50 × 9,50 Meter. Holzfenster in dieser Größe benötigen für gewöhnlich eine nachhaltige Materialauswahl, eine gute Planung sowie eine spezielle Fertigung und Montage. Mit ihren Elektromotoren zur automatischen Öffnung und zur Betätigung der verschiedenen Behänge im Fensterzwischenraum handelt es sich bei derlei Fenstern um wahre Maschinen.

Die Konstruktion der neuen Schlossfenster hatte viele Anforderungen zu erfüllen. Dabei waren die Architekturvorgaben zur Herstellung und den zu verwendenden Materialien nur die eine Seite; eine andere bestand in den höchsten Anforderungen, die von Seiten der Staatlichen Museen zu Berlin an das Innenraumklima, den Sonnenschutz und die Lichtsteuerung gestellt wurden. Sensible asiatische Kulturgüter aus Papier oder Textil vertragen keine Sonne. Und zudem sind für die wertvollen Exponate ein erhöhter Einbruchschutz und eine Überwachungsfähigkeit sicherzustellen – ganz zu schweigen von den hohen Schallschutzanforderungen, die für das Humboldt Forum umzusetzen sind; schließlich sind Museen und Veranstaltungsorte vom hohen Geräuschpegel einer Großstadt abzukoppeln.

Arbeiter machen sich an die Montage der Fenster. © SHF
Blick auf die Fenster des Lustgartenportals, April 2017.  © SHF/Stephan Falk

Aber auch zukunftsorientierte, bautechnische Anforderungen sind zu beachten gewesen. Immerhin wird das Schloss die Energieeinsparverordnung um 30 Prozent unterschreiten und so für Energieeffizienz sorgen. Das heißt, dass energetisch besonders effiziente Fenster einzubauen waren. Eine hohe Luft- und Schlagregen-Dichtigkeit waren sowohl am Fenster als auch am Gebäudeanschluss sicherzustellen. Für die Stiftung Humboldt Forum als spätere Betreiberin ist es darüber hinaus wichtig gewesen, eine hohe Dauergebrauchstauglichkeit und Wartungsfreundlichkeit zu erzielen.

So ging es zunächst um die Auswahl des Materials. Dabei stand von Anfang an fest, dass man Fenster aus weiß beschichtetem Holz einsetzen wollte. Für dieses Vorhaben wurden verschiedene Hölzer auf Resistenz, Rohdichte und Härte hin untersucht. Aber auch die Frage des Harzaustrittes oder des Holzschutzes wurden geprüft. Man einigte sich schließlich auf die Verwendung von europäischer Weißeiche. Dieses Holz ist zwar etwas teurer als im Budget veranschlagt, die Nachhaltigkeit des Materials aber wird auch spätere Generationen noch von der Wahl überzeugen.

Die Beschläge wiederum waren so auszuwählen, dass bei bis zu 20.000 Betätigungszyklen eine Lebensdauer von mindestens 70 Jahren prognostiziert werden kann. Der Autor nimmt indes an, dass die Fenster auch in 200 Jahren noch einwandfrei funktionieren werden.

Da die Fenster nicht nur schöne, sondern ebenso anspruchsvolle Bauteile der Schlossfassade sind, hat die Stiftung Humboldt Forum ihre Herstellung von der Holzauswahl bis zur Montage durch einen externen Sachverständigen begleiten lassen. So sind wir nun wirklich sicher, dass der Blick durch Berlins schönste Fenster wunderbare Emotionen erzeugen und die Nutzer nachhaltig beglücken wird.

Hans-Dieter Hegner wurde Anfang 2016 als Vorstand für den Baubereich der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss berufen. Der Bauingenieur war zuvor als Referatsleiter im Bundesministerium verantwortlich für die Themen Ingenieurbauwesen, Nachhaltiges Bauen, Bauforschung und für verschiedene baukulturelle Fragen.

Spread the word

#humboldtforum