{"id":104734,"date":"2023-10-16T11:48:21","date_gmt":"2023-10-16T09:48:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=104734"},"modified":"2023-10-26T09:58:19","modified_gmt":"2023-10-26T07:58:19","slug":"streit-ums-kuppelkreuz-ein-berliner-kulturkampf","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/streit-ums-kuppelkreuz-ein-berliner-kulturkampf\/","title":{"rendered":"Streit ums Kuppelkreuz \u2013\u00a0ein Berliner Kulturkampf"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p><span class=\"main\">Es ist nicht zu \u00fcberh\u00f6ren: Immer wieder gibt es Aufregungen um Religion \u2013 in einer Gesellschaft, die von sich mehrheitlich denkt, sie sei doch s\u00e4kular geworden. Man nimmt Ansto\u00df an religi\u00f6sen Zeichen, an allzu viel sichtbarer Pr\u00e4senz von Religion in der \u00d6ffentlichkeit. Moscheebauten sind nach wie vor umstritten, sind f\u00fcr viele Menschen in unserem Land mindestens gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Der K\u00f6lner Streit um Muezzin-Rufe ist noch nicht ausgestanden. Und auch die unser Land geschichtlich viel l\u00e4nger pr\u00e4gende christliche Religion trifft es. So meinte man im Berliner Au\u00dfenministerium, f\u00fcr eine G7-Konferenz im Rathaus M\u00fcnster ein Kreuz entfernen zu m\u00fcssen, das ein Zeugnis aus der Zeit des westf\u00e4lischen Friedens ist. Mit R\u00fccksicht auf wen eigentlich? Ein anderes Beispiel: Die deutsche Staatsministerin f\u00fcr Kultur nimmt Ansto\u00df an einem Kreuz, das Teil der historischen Rekonstruktion des Berliner Schlosses ist. Und sie unterst\u00fctzt ein Projekt, das ein von unten kaum lesbares Band um die Kuppel, mit von einem Preu\u00dfenk\u00f6nig gemixten Bibelspr\u00fcchen, \u00fcberblenden soll.<\/p>\n<p>Welch\u2018 eigent\u00fcmlicher Kulturkampf! Der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil der Weltbev\u00f6lkerung geh\u00f6rt einer Religionsgemeinschaft an, aber in Berlin meint man, sich von Religionszeichen distanzieren und auf die Gef\u00e4hrlichkeit von Religion hinweisen zu m\u00fcssen, und h\u00e4lt dies f\u00fcr einen Beitrag zu einem globalen kulturellen Dialog. Ist das nur und einfach deutscher Provinzialismus?<\/p>\n<p>Der Berliner Streit ist durchaus komplexer Art und wurde und wird auf unterschiedlichen thematischen Feldern ausgefochten. Zun\u00e4chst entz\u00fcndete er sich an der Heilung einer Wunde im Herzen Berlins: Es geht um die historische Mitte der Stadt, ihre kostbarste Stelle, n\u00e4mlich die Insel zwischen zwei Armen der Spree. Hier stand \u00fcber drei Jahrhunderte hinweg das Stadtschloss der preu\u00dfischen K\u00f6nige, einer der gro\u00dfen barocken S\u00e4kularbauten in Deutschland. Im 2.Weltkrieg zu einem erheblichen Teil zerst\u00f6rt, nach dem Kriegsende aber trotzdem Herberge f\u00fcr Ausstellungen, wurde es auf Anordnung des kommunistischen Parteichefs der DDR,Walter Ulbricht, 1950 gesprengt \u2013 als Symbol des preu\u00dfischen Militarismus. An dessen Stelle entstand ein Aufmarsch- und Paradeplatz. Ich habe dies immer als einen kulturbarbarischen Akt empfunden, an den die g\u00e4hnende Leere des Ortes im Zentrum der Stadt bis in die 70er Jahre auf schmerzliche Weise erinnerte. Sie wurde Mitte der 70er Jahre gef\u00fcllt mit dem Bau des \u00abPalastes der Republik\u00bb \u2013 das bauliche und kulturelle Vorzeigeprojekt der DDR. Er wurde Ort der Volkskammersitzungen und gro\u00dfer Veranstaltungen wie der SED-Parteitage und der Unterhaltungsrevuen \u00abEin Kessel Buntes\u00bb. Auch wenn es wahrlich kein passendes Parlamentsgeb\u00e4ude war (wie sich 1990 mit der ersten freien Volkskammer zeigte), haben doch viele Menschen ganz freundliche Erinnerungen an \u00abErich Honeckers Lampenladen\u00bb. Weil es darin ein buntes Unterhaltungsprogramm gab, subventioniertes Essen, eine funktionierende Kegelbahn und sogar Telefonzellen, aus denen man fast ohne Bezahlung mit dem Westen telefonieren konnte.<\/p>\n<p>Dieser Palast musste \u2013 nach einer Entscheidung noch der letzten DDR- Regierung \u2013 wegen schwerer Asbestbelastung in den 90er Jahren abgerissen werden. Damit entstand eine neue Entscheidungssituation: Wiederaufbau des Palastes oder Neubau oder Wiedergewinn von Geschichte? Eine vom Deutschen Bundestag berufene internationale Expertenkommission (deren Mitglied ich als Bundestagspr\u00e4sident war) hat nach langer und intensiver Diskussion den doppelten Vorschlag gemacht: (Teil-)Rekonstruktion von Kubatur und historischer Fassade des alten Schlosses und Unterbringung der reichen au\u00dfereurop\u00e4ischen Sammlungen der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz im innen modernisierten Schloss. Das Berliner Zentrum sollte ein Ort der Weltoffenheit, der Weltbez\u00fcge werden, f\u00fcr die der Name Humboldt steht! Neben die europ\u00e4ische Kulturgeschichte, die in den benachbarten H\u00e4usern der Museumsinsel pr\u00e4sentiert wird, sollte die globale Kulturgeschichte treten und zum lebendigen Austausch einladen. Nicht um ein Museum sollte es gehen, sondern um einen Ort kulturellen Dialogs und aktueller Kommunikation. Die Idee des Humboldt Forums war geboren und es war die Idee einer Verbindung von Alt und Neu, von Geschichte und Moderne.<\/p>\n<p>Der Deutsche Bundestag machte sich den Kommissionsvorschlag zu eigen, fasste mit jeweils gro\u00dfer Mehrheit Beschl\u00fcsse zu Humboldt Forum und Berliner Schloss, zu einem Architekturwettbewerb, zur Finanzierung von Bau und Nutzung. Beschl\u00fcsse mit h\u00f6herer Autorit\u00e4t sind in einer parlamentarischen Demokratie eigentlich nicht m\u00f6glich. Trotzdem: Widerwillen und Abwehr, H\u00e4me und Kritik bei einem Teil der \u00d6ffentlichkeit, des Feuilletons, der B\u00fcrger blieben.<\/p>\n<p>Inzwischen ist der Bau errichtet, die ethnologischen Sch\u00e4tze sind umgezogen und ausgestellt, eine wahre F\u00fclle und Pracht, das Humboldt Forum ist er\u00f6ffnet, beginnt zu leben \u2013 und bleibt dennoch Gegenstand von Kritik und Streit. Aber es hat inzwischen ein Themenwechsel stattgefunden: Die Idee des Dialogs der Kulturen ist in den Schatten des Postkolonialismus-Diskurses geraten, ein wohl unvermeidlicher Vorgang. Damit wird aus der intendierten Verbindung von Alt und Neu, von Geschichte und Moderne ein Widerspruch zwischen Form und Inhalt, zwischen Au\u00dfen und Innen, zwischen historischem Kleid und neuer Funktion. Und damit ver\u00e4ndert sich auch der Blick auf Kreuz und Bibelspruch auf der Schlosskuppel, die Teil der historischen Rekonstruktion des Schlosses sind. Diese werden nunmehr interpretiert als Zeichen eines christlich legitimierten Kolonialismus, als Zurschaustellung westlicher \u00dcberlegenheit. Der in ihnen sichtbare christliche Herrschaftsanspruch verhindere einen offenen Dialog der Kulturen, weil Zeichen f\u00fcr \u00abPaternalismus, Dominanz und Ausgrenzung\u00bb, so die Staatsministerin Claudia Roth: \u00abDas Humboldt Forum ist ja nicht der Vatikan\u00bb. Deshalb wird auf der dem Publikum zug\u00e4nglichen Dachterrasse eine historisch distanzierende Erl\u00e4uterungstafel installiert und deshalb soll in einer Kunstaktion die (von unten kaum lesbare) Bibelinschrift n\u00e4chtens \u00fcberblendet werden mit Ausz\u00fcgen aus Grundgesetz und Menschenrechtserkl\u00e4rung.Welch Aufmerksamkeit f\u00fcr Kreuz und Bibelspruch! Welch Angst auch vor Geschichte.<\/p>\n<p>Der Deutsche Bundestag hat etwas gewiss Widerspr\u00fcchliches beschlossen, n\u00e4mlich f\u00fcr einen modernen Zweck ein historisch teilrekonstruiertes Geb\u00e4ude. Das gibt es allerdings anderswo auch: die Umwidmung herrschaftlicher Schl\u00f6sser zu b\u00fcrgerlichen Kultureinrichtungen. Aber das zwingt zur Kl\u00e4rung des eigenen, aktuellen Verh\u00e4ltnisses zum geschichtlichen Erbe! Zu diesem Erbe geh\u00f6rt hier eben auch ein Sakralbau \u2013 und die heute offensichtlich anst\u00f6\u00dfige Tatsache, dass ein religi\u00f6ses Symbol die Kuppel eines weltlichen Geb\u00e4udes kr\u00f6nt. Der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV., ein noch einigerma\u00dfen absolutistischer Herrscher und sehr frommer Christ zugleich, hatte ab 1844 in dem \u00e4lteren Schloss eine Kapelle errichten lassen, nicht un\u00fcblich in Schl\u00f6ssern, und mit Kuppel und Kreuz und Bibelumschrift versehen. Diese Umschrift ist die Kombination zweier Bibelzitate und lautet: \u00abEs ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind\u00bb (Apg. IV,12 und Philipper II,10). Dieses pers\u00f6nlich-demonstrativ religi\u00f6se Bekenntnis ist nun Anlass f\u00fcr Kritik und Distanzierung und wilde Interpretationen: Damit verherrliche sich der K\u00f6nig als oberster Bischof seiner protestantischen Staatskirche, werde die Verbindung von Thron und Altar dokumentiert, alle Knie sollten sich letztlich vor dem \u00abwei\u00dfen Mann\u00bb beugen, das sei Zeugnis des Gottesgnadentums\u2026<\/p>\n<p>Welch Unf\u00e4higkeit und Unwille, religi\u00f6sen Text und religi\u00f6ses Zeichen noch zu verstehen und historisch angemessen zu lesen! Der preu\u00dfische K\u00f6nig war gewiss kein Demokrat und spielte in der deutschen Geschichte eine problematische Rolle. Aber Kreuz und Bibelzitat belegen eher nicht seinen absoluten Herrschaftsanspruch oder den des Christentums. Schlie\u00dflich sollen alle Menschen, auch er als K\u00f6nig, ihre Knie beugen vor Jesus Christus und ihm Rechenschaft geben. Der Kniefall nicht als politische Unterwerfung, sondern als Geste religi\u00f6sen Respekts.<\/p>\n<p>Ist solcherart religi\u00f6ses Bekenntnis und ist die biblische Botschaft der Dialektik von Erniedrigung und Erh\u00f6hung, die im Kreuz symbolisiert ist, heute noch lesbar und verstehbar? Kann man ihnen mit Toleranz oder wenigstens mit historischem Verst\u00e4ndnis begegnen? Darum geht es beim Berliner Streit.Wird die Erinnerung an die christliche Pr\u00e4gung unserer Geschichte, deren sichtbare Gegenw\u00e4rtigkeit, inzwischen als so peinlich empfunden, dass man sich von ihr distanzieren muss? \u00abUm die Toleranz ist es schlecht bestellt, wenn nicht einmal der Anblick eines 150 Jahre alten Textes ertragen wird, dem doch niemand zustimmen muss\u00bb, meint Richard Schr\u00f6der zurecht.<\/p>\n<p>Und das Kreuz auf der Kuppel? Es wird zum Stein des Ansto\u00dfes. Es soll keinen Platz haben d\u00fcrfen an einem Ort der Begegnung verschiedener Kulturen und Religionen, weil es nur noch als Zeichen von Herrschaft und Unterdr\u00fcckung gelesen wird, gelesen werden darf? Trotz der Gewalt- und Kolonialgeschichte des Christentums, der sich die Christen zu stellen haben, wird man fragen d\u00fcrfen, ob diese Interpretation des Kreuzes die einzig angemessene ist und ob mit diesem Zeichen nicht vielmehr auch eine andere Geschichte, eine ganz andere Botschaft verbunden ist. Es ist jedenfalls durchaus ein neuer und irritierender Absolutheitsanspruch, dass unter dem Zeichen des Kreuzes interkultureller und interreligi\u00f6ser Dialog nicht m\u00f6glich sein soll und deshalb das Humboldt Forum von dieser religi\u00f6sen Zutat zu reinigen sei. Als geriete das Humboldt Forum sonst in Gefahr, ein Ort der Exekution christlicher \u00dcberlegenheit zu werden. Eine absurde Angst und eine erschreckende Vorstellung, ja Unterstellung, von einem dialogunf\u00e4higen, reaktion\u00e4ren Christentum! Christen sollten sich dagegen wehren d\u00fcrfen und energisch widersprechen. Und darauf bestehen, dass institutionelle Bilderst\u00fcrmerei und die S\u00e4uberung \u00f6ffentlicher Orte nicht die Voraussetzung f\u00fcr friedliche kulturelle und weltanschauliche Pluralit\u00e4t und f\u00fcr interkulturellen Dialog sein m\u00fcssen, sein d\u00fcrfen. Der neutrale Staat (gerade auch als Tr\u00e4ger des Humboldt Forums) hat weder das Recht noch die Pflicht zur Nivellierung vorhandener religi\u00f6s-weltanschaulicher Pluralit\u00e4t. Es sei denn, es ginge nur noch um den allerkleinsten gemeinsamen Nenner \u2013 die Unsichtbarkeit von Religion und das Unsichtbarmachen von widerspr\u00fcchlicher eigener Geschichte. Religions- und Meinungsfreiheit bedeuten allerdings nicht, von der Religion bzw. der Weltanschauung der Anderen nicht behelligt zu werden. Es sollte ebenso wenig eine Pflicht geben, den zu uns Kommenden ein geschichtlich-kulturell ges\u00e4ubertes Land anbieten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Denn wer in Deutschland lebt bzw. in dieses Land gekommen ist, der befindet sich nicht in einem leeren Land, sondern in einem geschichtlich und kulturell umfassend gepr\u00e4gten Land, zu dessen Pr\u00e4gungen eben Christentum und auch Aufkl\u00e4rung geh\u00f6ren. Diese Pr\u00e4gung ist sichtbar in der Alltagskultur wie im Erscheinungsbild unseres Landes \u2013 vom Wochen- und Jahresrhythmus des Arbeitens und Feierns bis zur baulichen Sichtbarkeit der christlichen Religion z. B. auch und sogar an einem alten und wieder errichteten Schloss in Berlin. Gewiss, die weltanschaulich-religi\u00f6se Vielfalt nimmt zu durch Migration und durch kulturellen Austausch in einer entgrenzten Welt. S\u00e4kularisierungsprozesse bef\u00f6rdern Religionsfremdheit oder -ablehnung. Aber folgert daraus die Pflicht des neutralen Staates, geschichtlich-kulturelle Pr\u00e4gungen liquidieren zu sollen? Eher sollte es seine Pflicht sein, zum Respekt gegen\u00fcber dieser Pr\u00e4gung einzuladen, aber ebenso zur Mitwirkung an deren lebendiger Ver\u00e4nderung und Weiterentwicklung.<\/p>\n<p>Der einzelne Mensch mag eine Erbschaft ausschlagen k\u00f6nnen, eine Gesellschaft kann es nicht. Sie muss das kulturelle Erbe annehmen, daran ankn\u00fcpfen, sich mit ihm auseinandersetzen, es pflegen und verwandeln. Eine Gesellschaft ist immer auch eine Erinnerungsgemeinschaft, das Erinnern ein wesentlicher Teil von Kultur. Das kann auch eine Last sein: Zu Deutschland geh\u00f6rt die Erinnerung an den Holocaust \u2013 eine Erbschaft, die nicht auszuschlagen ist!<\/p>\n<p>Der Staat, auch der s\u00e4kulare Staat, ist ein Abstraktum gegen\u00fcber der Kultur. Diese ist ja ein immer geschichtlich gepr\u00e4gtes Ensemble von Lebens-Stilen, Lebens-Praktiken, von \u00dcberlieferungen, Erinnerungen und Erfahrungen, von Einstellungen und \u00dcberzeugungen, von \u00e4sthetischen Formen und k\u00fcnstlerischen Gestalten. Als solche pr\u00e4gt Kultur die Identit\u00e4t einer Gruppe, einer Gesellschaft, einer Nation. Die Kultur und darin insbesondere die K\u00fcnste schaffen Erfahrungsr\u00e4ume menschenvertr\u00e4glicher Ungleichzeitigkeit, in denen die Menschen jenseits ihrer Marktrollen \u2013 der Markt kennt uns ja nur als Produzenten und Konsumenten \u2013 agieren und sich wahrnehmen k\u00f6nnen. Hier, in der Kultur, wird \u00fcber Herkunft und Zukunft, \u00fcber das Bedr\u00e4ngende und das M\u00f6gliche, \u00fcber Sinn und Zwecke, \u00fcber das Eigene und das Fremde reflektiert, kommuniziert, gespielt und gehandelt. Kultur ist eben mehr als normativer Konsens, als kollektive Werte\u00fcbereinstimmung. Das mag sie alles auch sein, aber Kultur ist vor allem Raum der Emotionen, der Artikulation und Ber\u00fchrung unserer Sinne, Raum des Leiblichen, des Sichtbaren wie des Symbolischen \u2013 und darin auch und gerade des Religi\u00f6sen und des Weltanschaulichen. Sie ist der Ort der Differenzen, ihrer Sch\u00e4rfung und ihrer Milderung zugleich.<\/p>\n<p>Kultur aber ist immer \u2013 es gibt kein geschichtliches Gegenbeispiel \u2013 religions- und weltanschauungsdurchwirkt. Wie es auch umgekehrt Religion und Weltanschauung immer nur in geschichtlich-kulturell gepr\u00e4gter Gestalt gibt. Der gegen\u00fcber der Kultur unweigerlich abstrakte Staat \u2013 mit seinem Institutionengef\u00fcge und Regelwerk, dem Funktionieren seiner administrativen Strukturen \u2013 w\u00fcrde als Bilderst\u00fcrmer nicht mehr neutral sein, sondern zugleich religionsfeindlich und kulturfeindlich werden. Positiv gewendet: Religionsfreundlichkeit und Kulturfreundlichkeit sind nicht g\u00e4nzlich voneinander zu trennen. Deshalb muss der Staat seine Grenzen kennen, nichtautorit\u00e4re Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber Kultur und Religion \u00fcben, muss um Abw\u00e4gungen, Ausgleiche,Anerkennungen bem\u00fcht sein und weniger mit Verboten oder S\u00e4uberungsaktionen auf kulturell-religi\u00f6se Konflikte reagieren. Daran ist zu erinnern angesichts des Streits um Kuppelkreuz und Bibelspruch auf dem Berliner Schloss. Eine Gesellschaft der Diversit\u00e4t und des Respekts ist keine der Nivellierung, sondern eine Gesellschaft sichtbarer Vielfalt \u2013 von Kultur und von Religion! Genau das sollte und k\u00f6nnte an einem Ort praktiziert werden, der dem Dialog der Kulturen und der globalen Kommunikation gewidmet ist.<\/p>\n<p>Das Eigene (darf man dieses Wort noch verwenden?) sollte sichtbar sein und bleiben k\u00f6nnen: Das Kreuz steht auch f\u00fcr die widerspr\u00fcchliche \u00abwestliche\u00bb Freiheitsgeschichte, f\u00fcr die konfliktreiche Entstehungs- und Verwirklichungsgeschichte der Ideen von Menschenw\u00fcrde und Menschenrechten. An deren christliche Pr\u00e4gung zu erinnern bedeutet keine Exklusion von Menschen anderer Kulturen, denn die errungenen Rechte und Freiheiten gelten f\u00fcr alle, sind Grundlage einer gemeinsamen politischen Kultur und unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr friedliches Zusammenleben und kulturellen Dialog.<\/p>\n<p>Was w\u00e4ren das f\u00fcr Gastgeber, die peinlich ber\u00fchrt die eigene Geschichte verleugneten, den Unschuldsengel spielten, wie Schlemihl schattenlos aus der Vergangenheit kommen wollten und Mimikry betrieben, um m\u00f6glichst unkenntlich und m\u00f6glichst wenig anst\u00f6\u00dfig zu sein! Das w\u00e4re wirklich nur deutscher Provinzialismus.<\/span><\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst in COMMUNIO \u2013 Internationale Katholische Zeitschrift.<\/em><\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"featured_media":104743,"template":"","magazine-topic":[],"magazine-format":[110],"magazine-author":[1827],"class_list":["post-104734","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-format-debatte","magazine-author-wolfgang-thierse"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/104734","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/104734\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104748,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/104734\/revisions\/104748"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=104734"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=104734"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=104734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}