{"id":104749,"date":"2023-10-16T11:47:21","date_gmt":"2023-10-16T09:47:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=104749"},"modified":"2023-11-06T10:15:06","modified_gmt":"2023-11-06T09:15:06","slug":"mein-wort-ist-heilig","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/mein-wort-ist-heilig\/","title":{"rendered":"Mein Wort ist heilig"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p><span class=\"anleser\">Das Humboldt-Forum erl\u00e4utert auf einer Tafel die Inschrift der Kuppel des Berliner Schlosses. Was darauf zu lesen ist, bedarf seinerseits der Erl\u00e4uterung. Denn mehrere Behauptungen sind nicht nur historisch falsch. Der gesamte Text ist Ausdruck einer kulturgeschichtlichen Blindheit, die aus dem angeblichen Skandal einen wirklichen macht.<\/span><\/p>\n<p>Das Humboldt-Forum hat auf dem Dach des Berliner Stadtschlosses die seit L\u00e4ngerem angek\u00fcndigte Erl\u00e4uterungstafel zur Kuppel und ihrer Inschrift angebracht. Gegen\u00fcber dem ersten Entwurf ist der jetzige Text ein Fortschritt. Es sind aber vier Behauptungen stehen geblieben, die kritischen Anfragen nicht standhalten.<\/p>\n<p>Die Inschrift, die nach Meinung des Humboldt-Forums damals eine Provokation darstellte, hat folgenden Wortlaut: &#8222;Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.&#8220; (Apostelgeschichte Kapitel 4, Vers 12 und Brief an die Philipper Kapitel 2, Vers 20). Wenn diese Inschrift eine Antwort an die Revolution\u00e4re von 1848 war, kann sie erst nach dem 18. M\u00e4rz 1848 konzipiert worden sein. Da die Magdeburgische Zeitung vom 7. Oktober 1848 von der Fertigstellung der Kuppel berichtet (&#8222;Um die ganze Kuppel l\u00e4uft, nach altmaurischem Geschmack, eine fu\u00dfhohe vergoldete Inschrift auf blauem Grunde&#8220; und \u00fcbrigens kein Wort davon, dass die Inschrift umstritten sei), bleibt nur ein halbes Jahr zur Verfertigung und Anbringung. Das ist zwar nicht undenkbar, aber wahrscheinlicher ist, dass die Inschrift bei dem Beginn des Baus im Jahr 1844 bereits feststand, denn das Feld f\u00fcr die Inschrift musste nach deren Platzbedarf bemessen sein.<\/p>\n<p>In des K\u00f6nigs Gesangbuch fand sich bei seinem Tod im Jahr 1861 ein handschriftlicher Zettel, auf den 9. Oktober 1825 datiert, mit folgendem Gebetstext: &#8222;Herr Jesu! In dessen heiligstem Namen alle Knie sich beugen sollen, alles Heyl entspringt und die Verhei\u00dfung der Erh\u00f6hung des Gebets beruht, siehe gn\u00e4dig auf mein Seufzen der Reue und auf meinen Durst des Heils.&#8220; Demnach hat der Kronprinz die beiden Bibeltexte 23 Jahre vor der M\u00e4rzrevolution in einem Gebet kombiniert. Da es sich um einen Gebetstext handelt, ist klar, dass der Kronprinz sich selbst denen zuz\u00e4hlte, die vor Jesus die Knie beugen. Dies ist bis jetzt der einzige Hinweis auf eine Vorgeschichte der Kuppelinschrift. Wir verdanken ihn Dorothea Minkels.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach dem Grund daf\u00fcr, dass das Humboldt-Forum die Kuppelschrift f\u00fcr eine Provokation h\u00e4lt, kann der Verdacht kommen, es liege folgender Fehlschluss vor: Da uns die Aufforderung, die Knie vor Jesus zu beugen, emp\u00f6rt, muss sie doch auch 1848 emp\u00f6rt haben. Aber wer fr\u00fchere Zeiten und fernere Kulturen verstehen will, muss sich vor allem vor einem h\u00fcten: Er darf das f\u00fcr ihn Selbstverst\u00e4ndliche nicht ungepr\u00fcft f\u00fcr das immer und \u00fcberall Selbstverst\u00e4ndliche halten. Dem zu widerstehen erfordert eine beachtliche Anstrengung, der sich das Humboldt-Forum nur sehr ged\u00e4mpft beflei\u00dfigt.<\/p>\n<p>Die Deutung der Inschrift als Provokation d\u00fcrfte wohl vor allem am Kniebeugen Ansto\u00df nehmen. Aber Niederknien ist eine mehrdeutige Geste. Ein Sieger kann einen Besiegten auf die Knie zwingen, als Dem\u00fctigung und Entw\u00fcrdigung. Es gab aber auch den Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal f\u00fcr die Opfer des Warschauer Ghettos, der gar nichts mit Entw\u00fcrdigung oder Selbstw\u00fcrdigung zu tun hatte, sondern Ausdruck des Respekts des deutschen Bundeskanzlers war vor den Opfern eines deutschen Verbrechens. In diesem Sinne hat das Knien in der christlichen Fr\u00f6mmigkeitsgeschichte als Gebetshaltung vor Gott eine lange Tradition.<\/p>\n<p>Offenbar hatte das Humboldt-Forum jene erste Interpretation irrt\u00fcmlich als die einzig m\u00f6gliche vor Augen. Die Zeitgenossen von 1848 waren dagegen gebildeter und kannten auch den nicht-entw\u00fcrdigenden Kniefall und sahen sich deshalb \u00fcberhaupt nicht provoziert.<\/p>\n<p>Ein praktischer Grund spricht zudem dagegen, dass die Inschrift als Provokation gemeint war. Von der Stra\u00dfe aus kann sie gar nicht vollst\u00e4ndig gelesen werden. Vollst\u00e4ndig lesbar ist damals wie heute die Inschrift nur vom Dach des Schlosses aus. Es ist nichts davon bekannt, dass der K\u00f6nig die Revolution\u00e4re auf das Schlossdach gebeten h\u00e4tte, damit sie die ihnen zugedachte Inschrift vollst\u00e4ndig lesen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Friedrich Wilhelm IV. h\u00e4tte zudem seine geliebte Schlosskapelle niemals als Litfa\u00dfs\u00e4ule f\u00fcr politische Losungen missbraucht. So stillos war er nicht. Politische Losungen an offizi\u00f6sen Geb\u00e4uden kamen erst im 20. Jahrhundert in Mode. Wenn der K\u00f6nig mit der Inschrift die Revolution\u00e4re h\u00e4tte provozieren wollen, w\u00e4ren andere Bibelstellen geeigneter gewesen, etwa die aus dem Brief an die R\u00f6mer Kapitel 13: &#8222;Jedermann sei untertan der Obrigkeit. Denn es ist keine Obrigkeit au\u00dfer von Gott.&#8220;<\/p>\n<p>Allerdings hat sich der Apostel Paulus damit nicht f\u00fcr eine christliche Obrigkeit ausgesprochen, es war ja die r\u00f6mische gemeint, und nicht f\u00fcr eine bestimmte Staatsform, etwa die Monarchie, sondern f\u00fcr Staatlichkeit, die dem Recht Geltung verschafft.<\/p>\n<p>In dieser ersten Behauptung wird die Funktion der Schlosskapelle Friedrich Wilhelms IV., der 1840 den preu\u00dfischen K\u00f6nigsthron bestiegen hatte, ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzt. Nahezu alle Burgen und Schl\u00f6sser Europas hatten Hofkapellen als die privaten Andachtsr\u00e4ume der Familie des Schlossherren, also des Hofes. \u00c4hnlich hatten die Bauern in ihrer &#8222;guten Stube&#8220; den &#8222;Herrgottswinkel&#8220;. Auch das im Sp\u00e4tmittelalter errichtete Berliner Schloss hatte immer eine Kapelle. Die Schlosskapelle des preu\u00dfischen K\u00f6nigs Friedrich Wilhelm IV. war also nicht etwa die erste, es war die vierte. Schon als Kronprinz hatte er sich mit Entw\u00fcrfen f\u00fcr eine neue Schlosskapelle befasst. Mit seinem Staats- und seinem Amtsverst\u00e4ndnis aber hatte die (private) Schlosskapelle wenig zu tun.<\/p>\n<p>Es stimmt zwar, dass Friedrich Wilhelm IV. eine christlich gepr\u00e4gte Monarchie anstrebte. Gepr\u00e4gt hat ihn dabei besonders die 1798 ver\u00f6ffentlichte Fragmentensammlung &#8222;Glaube und Liebe oder der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin&#8220; des Dichters Novalis. Dort findet sich auch die Ablehnung einer Verfassung als toter Buchstabe zugunsten der lebendigen und unmittelbaren Beziehungen der Liebe und Treue zwischen dem K\u00f6nig und seinem Volk: Gef\u00fchle statt Verfassung.<\/p>\n<p>Was hier vor allem zu kritisieren ist, ist ein famili\u00e4res Politikverst\u00e4ndnis, das auch heute noch Verf\u00fchrungspotential entwickeln kann wie der Ruf nach dem starken Mann, der durchgreift und von institutionellem Formelkram sich nicht aufhalten l\u00e4sst. Glaube, Liebe, Treue haben ihren Geltungsbereich in den pers\u00f6nlichen Nahbeziehungen. Auf dem Feld der Politik bedarf es dagegen zum Schutz der Freiheit der Institutionen der Machtkontrolle, wie man in der Aufkl\u00e4rung erkannt und zuerst in der Verfassung der USA und dann in der ersten franz\u00f6sischen realisiert hat.<\/p>\n<p>Die Romantik aber beurteilte die Franz\u00f6sische Revolution nicht nach dieser ersten Phase, sondern sah nur die folgende Diktatur des Wohlfahrtsausschusses. Auch der junge Friedrich Wilhelm IV. hat wohl die Hinrichtung des franz\u00f6sischen K\u00f6nigspaars geradezu als Trauma erlebt.<\/p>\n<p>Von der Ankn\u00fcpfung an ein idealisiertes (also verzeichnetes) Mittelalter erwartete die Romantik die Heilung von den Zerrissenheiten und Entfremdungen der Moderne, f\u00fcr die man den mechanistischen Geist der Aufkl\u00e4rung verantwortlich machte. Den Gegenpol bildeten Liberale und Demokraten, die durch Verfassungs-Institutionen eine ausgleichende und vermittelnde Politik bef\u00f6rdern wollten. Die Romantik ist mit schuld an Deutschlands Sonderwegen beim &#8222;langen Weg nach Westen&#8220; (Heinrich August Winkler).<\/p>\n<p>Friedrich Wilhelm IV. strebte einen St\u00e4ndestaat an, wie ihn damals Friedrich Schlegel, Schelling und der sp\u00e4te Fichte empfahlen. Das hie\u00df: Nur so viel &#8222;Demokratie&#8220;, wie es im Sp\u00e4tmittelalter gab. Der Reichstag und die Landtage waren ja nicht v\u00f6llig machtlos, weil sie \u00fcber Steuern und Staatsverschuldung zu entscheiden hatten und den Landesherrn beraten durften. Sie waren aber nicht demokratisch gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Christlich sollte diese Monarchie einerseits sein, weil das Christentum als Beruhigung gegen revolution\u00e4re Unruhe galt, und zweitens durch die besonders enge Verbindung von Thron und Altar in den protestantischen L\u00e4ndern. Diese ging auf das Reservatum ecclesiasticum des Augsburger Religionsfriedens von 1555 zur\u00fcck, welches anordnete, dass Bisch\u00f6fe, die zur Reformation \u00fcbertraten, sowohl das Bischofsamt als auch ihr Amt des Landesherrn ihres Territoriums verloren. Daraufhin wurde in protestantischen L\u00e4ndern das Bischofsamt den Landesherren \u00fcbertragen, zun\u00e4chst provisorisch, de facto aber bis zur Abdankung der F\u00fcrsten im Jahr 1918. Diese enge Verbindung von Thron und Altar war aber keine Neuerung Friedrich Wilhelms IV. Die Bezugskirche f\u00fcr den K\u00f6nig als Bischof war aber nat\u00fcrlich nicht seine Privatkapelle, sondern der Berliner Dom.<\/p>\n<p>Dass die Erwartung des Paulus, es werden sich alle Knie vor dem am Kreuz erniedrigten, aber von Gott erh\u00f6hten Jesus beugen, als Absage an eine Verfassung und eine souver\u00e4ne Volksvertretung zu verstehen sei, h\u00e4tte der K\u00f6nig mitteilen m\u00fcssen, so wie auch wir ohne die Erl\u00e4uterungen den angeblich giftigen Hintersinn der Inschrift schwerlich entdeckt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Aber auch die Aussage, dass der K\u00f6nig &#8222;sich nur Gott verpflichtet f\u00fchle&#8220;, ist in der Inschrift nicht zu finden. Hier wird nicht ausgelegt, sondern hineingelegt, wie es gerade passt. Suggeriert wird, ein Christ k\u00f6nne sich derartig Gott verpflichtet wissen, dass dadurch alle anderen Verpflichtungen suspendiert seien. Je mehr sich Konfessionslosigkeit verbreitet, umso mehr ger\u00e4t in Vergessenheit, wie Christen ihr Gottesverh\u00e4ltnis verstehen. Das Vakuum wird mit Karikaturen aufgef\u00fcllt, die der Pflege des eigenen Feindbilds entgegenkommen. Das kann das Verst\u00e4ndnis geschichtlicher Gestalten erheblich erschweren.<\/p>\n<p>Nach biblischem Verst\u00e4ndnis d\u00fcrfen diejenigen, die sich Gott verpflichtet wissen, nicht das Recht beugen und namentlich nicht das Recht der Schwachen ohne Beistand, wof\u00fcr oft aufgez\u00e4hlt werden: Fremdlinge, Witwen und Waisen. Jesus hat durch die Kombination von zwei Zitaten aus der Thora (5. Buch Mose Kapitel 6, Vers 5 und 3. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18) das Doppelgebot der Liebe formuliert und ausdr\u00fccklich bemerkt, das Gebot der N\u00e4chstenliebe sei dem der Gottesliebe gleich (Matth\u00e4us Kapitel 22, Vers 37 f.).<\/p>\n<p>In der Tat hat Friedrich Wilhelm IV. sich durch Gott zum K\u00f6nig berufen verstanden. Er hat das aber nicht, wie das die Erl\u00e4uterung des Humboldt-Forums nahelegt, als Freibrief f\u00fcr Willk\u00fcr verstanden, sozusagen nihilistische R\u00fccksichtslosigkeit mit Berufung auf Gott, sondern als Herrschaftsmandat, f\u00fcr dessen Aus\u00fcbung er dem Mandator, Gott, Rechenschaft schuldet. Also Herrschaft in der Verantwortung vor Gott.<\/p>\n<p>Nach der v\u00f6llig unverantwortlichen Willk\u00fcrherrschaft der Nazizeit haben die V\u00e4ter und M\u00fctter des Grundgesetzes es f\u00fcr geboten gehalten, in der Pr\u00e4ambel an die Verantwortung vor Gott zu erinnern. Den Revolution\u00e4ren war das allein &#8211; verst\u00e4ndlicherweise &#8211; zu wenig Machtkontrolle. Aber wir g\u00e4ben viel darum, wenn uns die zwei Diktaturen enthemmter Herrschaft ohne Gewissenbindung erspart worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Knien des K\u00f6nigs vor Gott hat der K\u00f6nig einen anschaulichen Kommentar im Mausoleum f\u00fcr seine Eltern in Charlottenburg geliefert. Auf seine Anregung ist dort dargestellt, wie seine Eltern vor dem thronenden Christus knien &#8211; nicht als unterworfene oder gedem\u00fctigte, sondern anbetend &#8211; und ihre Kronen zur\u00fcckgeben. Sie hatten sie ja von Gott nur geliehen bekommen.<\/p>\n<p>Auch des K\u00f6nigs Verh\u00e4ltnis zur Volksvertretung und zur Verfassungsfrage ist um einiges komplexer, als das Humboldt-Forum es darstellt.<\/p>\n<p>Friedrich Wilhelm IV. hat sich durchaus einer Volksvertretung verpflichtet gef\u00fchlt. 1847 hat er von sich aus und gegen seine R\u00e4te alle preu\u00dfischen Provinzst\u00e4nde zu einem &#8222;Vereinigten Landtag&#8220; zusammengerufen, der Wahlen zu einer preu\u00dfischen Nationalversammlung beschloss. Mit dieser hat der K\u00f6nig \u00fcber eine gemeinsame Verfassung verhandelt, aber man konnte sich nicht einigen. Der Streitpunkt war aber nicht die Frage: Verfassung ja oder nein, und: gew\u00e4hlte Volksvertretung anerkennen, ja oder nein, sondern: Volkssouver\u00e4nit\u00e4t oder F\u00fcrstensouver\u00e4nit\u00e4t; Gewaltenteilung oder k\u00f6nigliche Pr\u00e4rogative (das hei\u00dft: generelles Vetorecht) und schlie\u00dflich: naturrechtlich beziehungsweise durch Vernunft begr\u00fcndete Menschenrechte, die dem Menschen als Menschen zukommen, oder vom K\u00f6nig gew\u00e4hrte oder vereinbarte Grundrechte der Untertanen.<\/p>\n<p>Hier standen die der Aufkl\u00e4rung entstammenden Positionen der Position der Sieger \u00fcber Napoleon, der Heiligen Allianz, gegen\u00fcber, die Rechte nicht aus Natur und Vernunft, sondern durch Alter und Herkommen legitimiert sahen.<\/p>\n<p>Auch stimmt es, dass Friedrich Wilhelm IV. den von der preu\u00dfischen Nationalversammlung am 26. Juli 1848 vorgelegten Verfassungsentwurf (Charta Waldeck) abgelehnt hat. Es stimmt aber nicht, dass der K\u00f6nig mit Berufung auf das Gottesgnadentum jede Verfassung abgelehnt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nach den gescheiterten Verhandlungen mit dem Parlament hat er auf Dr\u00e4ngen seiner Minister einseitig am 5. Dezember 1848 seinen L\u00e4ndern eine Verfassung oktroyiert, auf die er in revidierter Form 1850 einen Eid abgelegt hat. An diesen hat er sich auch dann noch gehalten (&#8222;mein Wort ist heilig und ich breche es nicht&#8220;), als andere deutsche F\u00fcrsten nach dem Erstarken der restaurativen Kr\u00e4fte die Verfassungen ihrer L\u00e4nder kassierten haben.<\/p>\n<p>Diese Verfassung hat durchaus &#8222;die Rolle des K\u00f6nigs im Staat&#8220; definiert, allerdings auf eine Weise, die weit hinter den Forderungen der Liberaldemokraten zur\u00fcckblieb. Denn sie gestand dem K\u00f6nig ein umfassendes Vetorecht zu, durchbrach den Grundsatz der Gewaltenteilung und gab ein Drei-Klassen-Wahlrecht vor. Aber der Grundrechtsteil kam den Erwartungen zumal der Liberalen weit entgegen, sodass viele diese &#8222;Verfassung von oben&#8220; als halben Erfolg betrachteten. Durch diese Verfassung von 1850 wurde Preu\u00dfen von einer absolutistischen zu einer konstitutionellen Monarchie. Sie wurde erst 1920 durch eine demokratische Verfassung abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Einen Alleing\u00fcltigkeitsanspruch des Christentums erhebt die Inschrift tats\u00e4chlich &#8211; wie fast alle Religionen, aber auch einige nicht religi\u00f6se \u00dcberzeugungssysteme: &#8222;Der Marxismus ist allm\u00e4chtig, weil er wahr ist&#8220; (Lenin). Dagegen erhebt die Inschrift keinen Herrschaftsanspruch des Christentums. Das Neue Testament kennt keine Weltherrschaftsversprechen f\u00fcr Christen und auch keine Aufforderung zur Unterwerfung Ungl\u00e4ubiger. Vielmehr wird den Christen \u00f6fters Verfolgung um ihres Glaubens willen in Aussicht gestellt. Das Neue Testament kennt lediglich einen Missionsbefehl (Matth\u00e4us Kapitel 28, Vers 19), n\u00e4mlich allen V\u00f6lkern das Evangelium zu verk\u00fcnden &#8211; durch das Wort, nicht durch Gewalt.<\/p>\n<p>Zwar ist dieser Missionsbefehl gelegentlich auch als Kriegsgrund missbraucht worden. Es hat zudem in 2000 Jahren auch F\u00e4lle von Zwangstaufen Besiegter gegeben. Dagegen gab es jeweils innerkirchlichen Widerspruch. Zwangstaufen waren n\u00e4mlich nach christlicher Lehre immer verboten.<\/p>\n<p>Jesu Botschaft ist herrschaftskritisch und lehnt Gewalt ab, wie besonders die Bergpredigt des Matth\u00e4usevangeliums belegt. Im Markusevangelium hei\u00dft es: &#8222;Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre V\u00f6lker nieder, und ihre M\u00e4chtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer gro\u00df sein will unter euch, der soll euer Diener sein&#8220; (Kapitel 10, Vers 42 f. par.). Der Versuch Papst Gregors VII., 1076 im Investiturstreit eine christliche Theokratie zu errichten, ist gescheitert. Ein christliches Kalifat, das Kaiser und Papst in einem Amt vereinigt h\u00e4tte, ist nie angestrebt worden. &#8222;Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist&#8220; (Markus Kapitel 12, Vers 17 par.).<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Das Allgemeine Preu\u00dfische Landrecht, das 1794 in Kraft trat, gew\u00e4hrte bereits &#8222;die vollkommene Glaubens- und Gewissensfreiheit&#8220;. In der vom K\u00f6nig beeideten preu\u00dfischen Verfassung von 1850 hie\u00df es: &#8222;Die Freiheit des religi\u00f6sen Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsgemeinschaften und der gemeinsamen h\u00e4uslichen und \u00f6ffentlichen Religionsaus\u00fcbung wird gew\u00e4hrleistet. Der Genuss der b\u00fcrgerlichen und staatsb\u00fcrgerlichen Rechte ist unabh\u00e4ngig von dem religi\u00f6sen Bekenntnisse.&#8220;<\/p>\n<p>In einer Presseerkl\u00e4rung des Humboldt-Forums liest man: &#8222;Mit der nachtr\u00e4glich aufgesetzten Kuppel, Kreuz und Bibelspruch . . . forderten (die Hohenzollern) eine Unterwerfung aller Menschen unter das Christentum.&#8220; Eine solche Forderung war bisher unbekannt. Und an wen soll sie sich gerichtet haben? Da muss das Humboldt-Forum eine grundst\u00fcrzende Entdeckung gemacht haben. Denn was wir bisher sicher wussten, war dies: Die Hohenzollern haben keine Weltmission betrieben und die preu\u00dfischen Landeskirchen auch nicht. Sie waren kritisch bis ablehnend gegen\u00fcber den entstehenden Missionsgesellschaften eingestellt, die vor allem von pietistischen und erweckten Laien getragen wurden. Solche Aktivit\u00e4ten &#8222;von unten&#8220; waren denen &#8222;da oben&#8220; suspekt.<\/p>\n<p>Die Erl\u00e4uterung des Humboldt-Forums beginnt mit folgenden Worten:.<\/p>\n<p>Das stimmt zwar. Aber eine Kuppel geh\u00f6rte zur barocken Planungsphase um 1700 sehr wohl. Aber der Soldatenk\u00f6nig hatte diese Kuppel als Geldverschwendung gestrichen. Die Entw\u00fcrfe von Friedrich Wilhelm IV. haben teils an Eosanders Entwurf angekn\u00fcpft. Oben auf der Kuppel von Eosanders &#8222;Neuem M\u00fcnzturm&#8220; befand sich eine Krone und \u00fcber dieser: ein Reichsapfel &#8211; mit Kreuz!<\/p>\n<p>Wenn es wichtige Argumente gegen das Kuppelkreuz und die Kuppelinschrift gibt, w\u00e4re der demokratisch gebotene Weg, den Parteien des Bundestags, der ja den originalgetreuen Wiederaufbau des Schlosses beschlossen hat, zu empfehlen, noch einmal dar\u00fcber abstimmen zu lassen, ob Kreuz und Kuppelinschrift entfernt werden sollen oder nicht, statt endlos zu n\u00f6rgeln auf der Grundlage wilder Interpretationen der Inschrift.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><em>Der Verfasser war SPD-Fraktionsvorsitzender in der frei gew\u00e4hlten Volkskammer der DDR und bis 1. Januar 2019 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Nationalstiftung. Er ist Vorsitzender des F\u00f6rdervereins Berliner Schloss.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eFacetten der Gegenwart\u201c. 52 F.A.Z.-Essays aus dem Epochenjahr 2022.<\/em><\/p>\n<p><em>Herausgegeben von Daniel Deckers. Brill \/ Sch\u00f6ningh Verlag. Paderborn 2023. 528 S., geb., 34,90 Euro.<\/em><\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"block block-accordion\">\n\t<div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row\">\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n\t\t\t\t<div class=\"box\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<block-accordion inline-template>\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"accordion\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<block-accordion-item inline-template item-headline=\"Die Passagen der Infotafel im Wortlaut\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div ref=\"item\" data-id=\"DiePassagenderInfotafelimWortlaut\" class=\"block-accordion-item vue-initialize\" aria-expanded=\"false\" :aria-expanded=\"active ? 'true' : 'false'\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<button class=\"accordion-button-with-icon block-accordion-item-head\" :class=\"{'button-active': active}\" ref=\"head\" aria-controls=\"acc_69f2b32c73253\" id=\"acc_title_69f2b32c73258\" @click=\"toggle\" @keydown=\"key\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div><span class=\"button-label\">Die Passagen der Infotafel im Wortlaut<\/span><\/div><span class=\"button-icon icon-plus\" aria-hidden=\"true\"><\/span>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/button>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div ref=\"body\" class=\"block-accordion-item-content\" id=\"acc_69f2b32c73253\" role=\"region\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"wrapper copy\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>\u201eW\u00e4hrend die Kuppel gebaut wurde, brach 1848 die Revolution in Berlin aus. Sie kostete \u00fcber 300 Menschen das Leben. Eine zentrale Forderung war eine vom Landtag erarbeitete Verfassung. Sie sollte die Macht des K\u00f6nigs einschr\u00e4nken. In dieser Situation war die Inschrift an prominenter Stelle eine Provokation.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuch die Funktion der neuen Kuppel als Schlosskapelle war eine Botschaft. Die Bekr\u00f6nung des Schlosses mit Kuppel und Kreuz machte den christlichen Charakter der Monarchie deutlich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer K\u00f6nig machte damit (sc. mit der Inschrift RS) unverst\u00e4ndlich deutlich, dass er sich nur Gott verpflichtet f\u00fchle, nicht aber einer gew\u00e4hlten Volksvertretung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Kuppel des Berliner Schlosses geh\u00f6rte nicht zur Barocken Bauphase um 1700, sondern entstand erst 1844 bis 1853.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer K\u00f6nig behauptete mit der Inschrift einen Allgemeing\u00fcltigkeits- und Herrschaftsanspruch des Christentums.\u201c<\/p>\n\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"row\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"col-xs-9 col-md-9\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"box\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/block-accordion-item>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/block-accordion>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"featured_media":104741,"template":"","magazine-topic":[],"magazine-format":[110],"magazine-author":[],"class_list":["post-104749","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-format-debatte"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/104749","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/104749\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107717,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/104749\/revisions\/107717"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104741"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104749"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=104749"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=104749"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=104749"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}