{"id":11992,"date":"2020-07-22T09:25:40","date_gmt":"2020-07-22T07:25:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=11992"},"modified":"2021-05-25T14:33:03","modified_gmt":"2021-05-25T12:33:03","slug":"ein-koenigtum-unter-dem-kreuz","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/ein-koenigtum-unter-dem-kreuz\/","title":{"rendered":"Ein K\u00f6nigtum unter dem Kreuz"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-html\">\n\t<aside class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row\">\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-2 like-interactions\" aria-hidden=\"true\">\n\t\t\t\t<like :textbelow=\"true\"  nonce=\"0075021593\" postid= \"11992\" post-title=\"Ein K\u00f6nigtum unter dem Kreuz\" count=\"14\"><\/like>\n\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-8\">\n\t\t\t\t<div class=\"copy\"><p itemprop=\"abstract\" class=\"intro\">Die Kuppel auf dem Humboldt Forum ist eine Abgrenzung gegen C\u00e4sarenwahn.<\/p><\/copy><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/aside>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>Zur Zeit Ludwigs XIV. herrschte unter den H\u00f6flingen in Versailles eine lebhafte Debatte dar\u00fcber, vor wem die Knie beim Betreten der Hofkirche zuerst zu beugen seien: vor dem Altar oder vor Seiner geheiligten Majest\u00e4t. Man fand eine salomonische L\u00f6sung: Die H\u00f6flinge und ihre Damen m\u00f6gen vor dem K\u00f6nig knien, der seinerseits vor dem Altar knie und so die Geste der Verehrung an Gott weiterleite.<\/p>\n<p>Im Preu\u00dfen des 19. Jahrhunderts waren die Priorit\u00e4ten klarer geregelt. An der Hofkirche, die K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. von 1845 bis 1854 \u00fcber dem Westportal des Berliner Schlosses in Gestalt einer Kuppel errichten lie\u00df, prangte eine Inschrift, die besagte, dass alle Knie sich vor Jesus beugen sollten, weil in ihm allein das Heil sei. Denkt man die Aussage des Textes zu Ende, so lautet ihr Fazit, dass die preu\u00dfischen Untertanen nicht vor dem K\u00f6nig, sondern gemeinsam mit dem K\u00f6nig vor Gott knien. Kein Herrscher und kein Staat darf sich zum Heilsbringer aufschwingen oder sich als Mittelpunkt der Welt betrachten.<\/p>\n<p>Indem Friedrich Wilhelm zum Ausdruck brachte, dass kein Mensch vor einem anderen das Knie beugen solle und das Heil allein in Gott liege, distanzierte er sich sowohl von Potentaten wie Ludwig XIV., die sich als Mittler zwischen Gott und den Menschen feiern lie\u00dfen, als auch von Tyrannen und Autokraten wie Robespierre und Napoleon, die, am Anfang einer langen Reihe selbsternannter politischer Messiasse stehend, bereit waren, f\u00fcr ihre Welterl\u00f6sungspl\u00e4ne Hunderttausende Menschen leben zu opfern. Friedrich Wilhelm selbst war zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass sein Amt lediglich ein Mandat war, das Gott ihm ebenso \u201everliehen\u201c hatte wie der Lehnsherr dem Vasallen ein Lehen und f\u00fcr das er in besonderem Ma\u00dfe Rechenschaft abzulegen habe. Diesen Gedanken brachte er auch im Apsismosaik des Charlottenburger Mausoleums zum Ausdruck. Dort lie\u00df er seine Eltern dergestalt verewigen, dass diese nach ihrem Tod Christus die ihnen anvertrauten K\u00f6nigskronen zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p>Aus diesem Amtsverst\u00e4ndnis heraus grenzte sich Friedrich Wilhelm sogar vom Absolutismus seiner eigenen Vorfahren ab. Bekanntlich hatte Preu\u00dfens erster K\u00f6nig Friedrich I. beim Umbau des Berliner Schlosses das westliche Hauptportal von Johann Friedrich von Eosander als einen r\u00f6mischen Triumphbogen ausf\u00fchren lassen, um sich in die Tradition der antiken Imperatoren zu stellen. Nachdem er 1713 gestorben war, bem\u00fchte Eosander sich um die Gunst seines Nachfolgers, des Soldatenk\u00f6nigs Friedrich Wilhelm I.<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-headline block-no-margin  hyph-disable\" >\n\t<div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"box\">\n\t\t\t\t\t\t<h2 class=\".h3\">Abschied vom Ruhmestempel<\/h2>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/section>\n\n\n\n\n<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>In einer Pr\u00e4sentationsskizze, die er dem neuen K\u00f6nig vorlegte, steigerte er den imperialen Gestus des Triumphportals durch das Aufsetzen eines zweigeschossigen Kuppelturms, der, w\u00e4re er realisiert worden, eine H\u00f6he von ann\u00e4hernd 80 Metern erreicht h\u00e4tte. Als Obergeschoss sah Eosander einen Monopteros vor, der dem barocken Typus eines Ruhmestempels folgte. Die Laterne \u00fcber der Kuppelschale f\u00fcgte er aus weiblichen Hermenpilastern zusammen, auf denen eine riesige Krone lastete. Den Abschluss sollte eine Wetterfahne bilden, die eine nackte Venus, die Stammmutter der C\u00e4saren, inmitten einer Strahlenglorie zeigte.<\/p>\n<p>Durch seine Verdienste, so die Quintessenz des Entwurfs, hat das Haus Hohenzollern sich wie die r\u00f6mischen Kaiser ewigen Ruhm und damit auch einen Anspruch auf imperiale Gr\u00f6\u00dfe erworben; beides schien vom Himmel durch das 1701 entstandene preu\u00dfische K\u00f6nigtum gew\u00e4hrt worden zu sein. Allerdings hatte Eosander sich gr\u00fcndlich verrechnet. Im Unterschied zu seinem Vater war der Soldatenk\u00f6nig an monarchischer Repr\u00e4sentation nicht interessiert. Die ambitionierten Planspiele fielen den Sparma\u00dfnahmen zum Opfer, Eosander kam mit seiner Demission einer Entlassung zuvor.<\/p>\n<p>Das Kuppelprojekt wurde erst wieder akut, nachdem Karl Friedrich Schinkel die mittelalterliche Erasmuskapelle des Schlosses f\u00fcr Wohnzwecke umgebaut hatte. Nun gab es f\u00fcr den Bau einer Kuppel einen praktischen Grund: Raum f\u00fcr eine neue Kapelle zu schaffen. Diese L\u00f6sung war von allen denkbaren Varianten die preiswerteste &#8211; und die symboltr\u00e4chtigste. Die Hofkirche wurde zum exponiertesten Raum, anders als in Versailles, wo das Schlafzimmer des Sonnenk\u00f6nigs den Mittelpunkt der Schlossanlage bildete.<\/p>\n<p>Kaum hatte Friedrich Wilhelm 1840 den Thron bestiegen, fertigte er eigene Entwurfszeichnungen an, wobei er zun\u00e4chst erwog, Eosanders zweigeschossigen Kuppelturm in verminderter Gr\u00f6\u00dfe in die Formensprache der Antike zu \u00fcbertragen (was zeigt, dass Eosanders Pr\u00e4sentationszeichnung Mitte des neunzehnten Jahrhunderts noch bekannt war). Allerdings befriedigte das Ergebnis wegen seiner Kleinteiligkeit nicht.<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-headline block-no-margin  hyph-disable\" >\n\t<div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"box\">\n\t\t\t\t\t\t<h2 class=\".h3\">Der Regent leistet Verzicht<\/h2>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/section>\n\n\n\n\n<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>Deutlich besser proportioniert war der 1845 von Friedrich August St\u00fcler erarbeitete Ausf\u00fchrungsentwurf. Dar\u00fcber hinaus hatte St\u00fcler die Kuppel als explizite Antithese zu Eosanders Ruhmestempel konzipiert. Statt ausschlie\u00dflich dem Prestige des K\u00f6nigs diente sie vorrangig der Ehre Gottes und den kultischen Bed\u00fcrfnissen der Menschen. An die Stelle \u00fcbereinanderget\u00fcrmter S\u00e4ulenw\u00e4lder trat ein schlichtes Pfeileroktogon. Die Laterne bestand nicht mehr aus weiblichen Hermen, sondern aus Cherubim. Die Krone wurde gegen Palmzweige, Symbole des himmlischen Friedens und des ewigen Lebens, ausgetauscht, w\u00e4hrend Venus dem Kreuz weichen musste. Und schlie\u00dflich wurden die G\u00f6tterfiguren, die Eosanders Kuppelfu\u00df bev\u00f6lkerten, durch acht Propheten des Alten Testaments ersetzt. Diese standen den biblischen Erz\u00e4hlungen zufolge meist in Opposition zu den K\u00f6nigen ihrer Zeit, besonders, wenn diese sich nicht an Gottes Gebote hielten. An St\u00fclers Kuppel erschienen sie somit nicht nur als K\u00fcnder Christi, sondern auch als moralische W\u00e4chter und Mahner, ja als Supervisoren des k\u00f6niglichen Regiments.<\/p>\n<p>Freilich enthielt die neue Kuppel auch eine Abgrenzung vom Freiheitsgedanken der Aufkl\u00e4rung und der demokratischen Revolution von 1848. Da Friedrich Wilhelm sich in der Pflicht sah, die ihm von Gott auferlegte Last der Krone bis zu seinem Tode zu tragen, konnte er sie weder weggeben noch ihre Rechte im Rahmen einer Verfassungs\u00e4nderung schm\u00e4lern. Beides w\u00e4re in seinen Augen ein unstatthafter Akt der Selbsterm\u00e4chtigung gewesen. Ebenso wenig war es ihm m\u00f6glich, eine Krone aus der Hand eines Menschen anzunehmen, was erkl\u00e4rt, weshalb er die deutsche Kaiserw\u00fcrde ablehnte, die ihm die Frankfurter Nationalversammlung 1849 antrug. Innerhalb dieser Logik war Friedrich Wilhelms Herrschaftsidee total, aber nicht totalit\u00e4r. Total, weil sie den K\u00f6nig ganz der Herrschaft einer h\u00f6heren Macht unterstellte; geradezu antitotalit\u00e4r, weil sie jede Form von Autokratie oder C\u00e4sarenwahn ausschloss. In diesen Zusammenhang sind auch Kreuz und Inschrift einzuordnen. Die Verehrung Jesu durch alle Wesen begr\u00fcndet sich biblisch mit der absoluten Selbsthingabe am Kreuz und dem unbedingten Gehorsam gegen\u00fcber Gott. Ebendiese Selbsthingabe und dieser Gehorsam waren auch f\u00fcr Friedrich Wilhelm verpflichtend.<\/p>\n<p>Angesichts dieses kunsthistorischen Befundes erweisen sich die in j\u00fcngster Zeit ge\u00e4u\u00dferten Bef\u00fcrchtungen, Kreuz und Inschrift propagierten eine reaktion\u00e4re politische Gesinnung und religi\u00f6se Intoleranz, die nicht zu einer demokratischen, weltoffenen Gesellschaft passten, als Pauschalisierungen, welche die eben aufgezeigten Sinnschichten verdecken. Unser Anliegen sollte es jedoch sein, m\u00f6glichst viele Sinnschichten sichtbar zu machen, um so zu jener epochen- und kultur\u00fcbergreifenden Gesamtschau zu gelangen, die der Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt in seinen \u201eWeltgeschichtlichen Betrachtungen\u201c mit dem Bild einer \u201egro\u00dfen ethnographischen Geisteslandkarte\u201c umschrieben hat. Sinn einer solchen Karte, die \u201eallen Rassen, V\u00f6lkern, Sitten und Religionen im Zusammenhang\u201c gerecht wird, ist es, das Gefangensein in der eigenen Zeitschicht und \u201eKulturh\u00fclle\u201c zu durchbrechen und das Wissen um Wandel und Vielfalt als den \u201egr\u00f6\u00dften geistigen Besitz\u201c zu begreifen.<\/p>\n<p>Wie Wandel und Vielfalt angemessen (nach-)vollzogen werden k\u00f6nnen, hat Friedrich Wilhelm IV. am Eosanderportal demonstriert. Anstatt es ikonographisch zu bereinigen, hat er es durch die Hinzuf\u00fcgung der Kuppel kritisch kommentiert und damit einen Dialog initiiert, den wir aufgreifen k\u00f6nnen &#8211; vorausgesetzt, wir verstehen Dialog nicht als eine Unterhaltung Gleichgesinnter und lassen die Vergangenheit in der ihr eigenen Sprache zu Wort kommen.<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kuppel auf dem Humboldt Forum ist eine Abgrenzung gegen C\u00e4sarenwahn.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":12005,"template":"","magazine-topic":[],"magazine-format":[7],"magazine-author":[357],"class_list":["post-11992","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-format-gastbeitrag","magazine-author-peter-stephan"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/11992","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/11992\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12005"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11992"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=11992"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=11992"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=11992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}