{"id":1248,"date":"2019-09-13T16:45:00","date_gmt":"2019-09-13T14:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=1248"},"modified":"2020-05-22T17:04:16","modified_gmt":"2020-05-22T15:04:16","slug":"wir-schuetzen-was-wir-lieben","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/wir-schuetzen-was-wir-lieben\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir sch\u00fctzen, was wir lieben.&#8220;"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-copy block-no-margin\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><h6>Frau Wulf, als Autorin und Journalistin haben Sie sich immer wieder mit der Wissenschaftsgeschichte an der Schwelle zum 19. Jahrhundert besch\u00e4ftigt. Was macht diese Zeit f\u00fcr Sie so spannend?<\/h6>\n<p><em>Andrea Wulf:<\/em> Meine B\u00fccher, die sich mit dieser Zeit besch\u00e4ftigen, verstehe ich im Kern als Reflexionen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur. Gerade die Zeit der Aufkl\u00e4rung und der fr\u00fchen Romantik \u2013 also die Zeit Alexander von Humboldts \u2013 pr\u00e4gt bis heute unsere Sicht auf die Welt. Die Art und Weise, wie wir heute zum Beispiel mit der Natur umgehen, ist im entscheidenden Ma\u00dfe im 18. und 19. Jahrhundert gepr\u00e4gt worden. Damals setzte sich die Vorstellung durch, dass der Mensch die Natur mittels Wissen kontrollieren k\u00f6nne. Zudem schuf die Industrialisierung eine Entfremdung von der Natur. Wenn wir also wirklich begreifen wollen, wie wir heute ticken, dann m\u00fcssen wir die Zeit Alexander von Humboldts besser verstehen lernen.<\/p>\n<h6>Das hei\u00dft im Umkehrschluss aber auch, dass man Alexander von Humboldt nur aus seiner Zeit heraus begreifen kann?<\/h6>\n<p>Ja, anders geht das nicht. Ich werde ja gerne als die Humboldt-Biografin bezeichnet. Aber meine Biografie hei\u00dft ja im Untertitel &#8222;Die Erfindung der Natur&#8220;. Es ist also nicht nur eine Biografie Humboldts, es ist die Darstellung einer Idee \u2013 der Idee, dass Natur und Welt ein lebendiger Organismus sind. Nat\u00fcrlich ist Alexander von Humboldt derjenige, der diese Vorstellung quasi erfunden hat; aber mein Buch enth\u00e4lt zugleich auch acht weitere Mini-Biografien von Zeitgenossen, die Humboldt mit dieser Idee beeinflusst hat. Denken Sie nur an Leute wie Thomas Jefferson oder Johann Wolfgang von Goethe. Man kann Personen der Zeitgeschichte niemals aus ihren historischen Kontexten herausrei\u00dfen; auch Alexander von Humboldt nicht. Ich werde in letzter Zeit immer wieder gefragt, was Humboldt wohl zu diesem oder jenem Problem der Gegenwart gesagt h\u00e4tte. Das wei\u00df ich nat\u00fcrlich auch nicht. Das einzige, worauf ich verweisen kann, sind Aspekte aus Humboldts Schaffen, die uns auch heute noch in unserem Denken inspirieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h6>Der zeit- und ideengeschichtliche Kontext ist zum Verst\u00e4ndnis eines Lebens sicherlich wichtig. Dazu gesellt sich oft aber noch ein sehr spezifischer Charakter. Was f\u00fcr ein Typ war dieser Alexander von Humboldt eigentlich?<\/h6>\n<p>Wenn ich nur ein Wort h\u00e4tte, mit dem ich seinen Charakter beschreiben sollte, dann w\u00fcrde ich das Wort &#8222;Rastlosigkeit&#8220; w\u00e4hlen. Humboldt hat von sich selbst behauptet, er f\u00fchle sich zuweilen, als w\u00fcrde er von tausend S\u00e4uen gejagt. In ihm sei ein Treiben, dass er f\u00fcrchte, er w\u00fcrde den Verstand verlieren. Alexander von Humboldt war also ein Getriebener. Wenn ich dann noch ein zweites Wort h\u00e4tte, dann w\u00e4re es &#8222;Neugier&#8220;. Humboldt will erkennen, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Er wird dabei angetrieben von einer gro\u00dfen Liebe zur Natur. Zwar tr\u00e4gt er auf seiner Reise durch Amerika 42 wissenschaftliche Messinstrumente mit sich herum; auf der anderen Seite aber betont er immer wieder, dass man die Natur f\u00fchlen m\u00fcsse. Das ist f\u00fcr mich eine der ganz gro\u00dfen Botschaften Humboldts. Meiner Meinung nach fehlt das den heutigen Wissenschaften. Wir reden \u00fcber Daten; aber keiner traut sich \u00fcber Gef\u00fchle zu reden. Wir werden aber nur dauerhaft sch\u00fctzen und bewahren, was wir auch lieben.<\/p>\n<h6>Dass Humboldt der Denker der gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge war, das wird Ihnen sicherlich schon am Beginn Ihrer Recherche bewusst gewesen sein. Was aber war bei der Besch\u00e4ftigung mit diesem Ausnahmetalent f\u00fcr Sie selbst die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung?<\/h6>\n<p>Die Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft. Ich kannte Humboldt zuvor nahezu ausschlie\u00dflich als Wissenschaftler. So habe ich ihn verstanden. Die Br\u00fccke aber, die er zwischen Gef\u00fchl und Erkenntnis, zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven geschlagen hat, die war f\u00fcr mich wirklich eine \u00dcberraschung. Darin lag auch der Grund daf\u00fcr, dass ich nach <em>Die Erfindung der Natur <\/em>noch ein zweites Buch \u00fcber Humboldt gemacht habe. Ich wollte hier den K\u00fcnstler etwas mehr in den Fokus r\u00fccken. Ich denke n\u00e4mlich, dass uns heute diese selbstverst\u00e4ndliche Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft fehlt. Ich selbst bin das beste Beispiel: Schon in der Schule hat man mir immer gesagt, dass meine Talente auf der k\u00fcnstlerischen und nicht auf der logisch-wissenschaftlichen Seite l\u00e4gen. Heute schreibe ich B\u00fccher \u00fcber Wissenschaftsgeschichte. Man hat mich also vollkommen falsch unterrichtet. Wir dr\u00e4ngen unsere Kinder bereits in der Schule in die Kategorien &#8222;k\u00fcnstlerisch-kreativ&#8220; und &#8222;mathematisch-wissenschaftlich&#8220;. Das ist ein gro\u00dfes Problem unserer Gesellschaft.<\/p>\n<h6>So gesehen ist es vermutlich nur konsequent, dass man mit dem Humboldt Forum im Berliner Schloss ein Ausstellungshaus, das Kunst und Wissenschaft zusammendenken will, nach den Gebr\u00fcder Humboldt benannt hat, oder?<\/h6>\n<p>Das muss sich erweisen. Wenn es tats\u00e4chlich gelingt, dass in dem Haus interdisziplin\u00e4r gedacht und gehandelt und eine holistische Sicht auf die Welt gezeigt wird, dann w\u00e4re das gro\u00dfartig. Das aber wird am Ende nur die Praxis zeigen.<\/p>\n<p>Interview: Ralf Hanselle<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Wulf ist die derzeit bekannteste Humboldt-Biografin weltweit. Ihr Buch &#8222;Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur&#8220; verkaufte sich millionenfach. Im Interview erz\u00e4hlt die Erfolgsautorin, was sie an dem Naturforscher bis heute faszinierend findet.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":5622,"template":"","magazine-topic":[111],"magazine-format":[5],"magazine-author":[74],"class_list":["post-1248","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-topic-humboldt-brueder","magazine-format-interview","magazine-author-andrea-wulf"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/1248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/1248\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=1248"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=1248"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=1248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}