{"id":1256,"date":"2017-06-01T19:24:00","date_gmt":"2017-06-01T17:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=1256"},"modified":"2020-07-03T09:53:06","modified_gmt":"2020-07-03T07:53:06","slug":"auf-nimmer-wiederhoren","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/auf-nimmer-wiederhoren\/","title":{"rendered":"Auf Nimmer-Wiederh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-copy block-no-margin\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><h6>Mandana Seyfeddinipur, Sie sind eine Sammlerin verschwindender Sprachen \u2013 wie muss man sich das vorstellen?<\/h6>\n<p><em>Mandana Seyfeddinipur: <\/em>Das h\u00f6rt sich auf Deutsch sehr lustig an \u2013 als ob J\u00e4ger rausgehen, Sprachen einpacken und irgendwo hinbringen. So weit ist dieses Bild von unserer Arbeit auch gar nicht entfernt. Unsere Welt ver\u00e4ndert sich in einem unglaublichen Tempo \u2013 auch im Bereich der Sprachen: Sie verschwinden so rasant wie noch nie. Unser Programm vergibt daher Stipendien an Linguisten \u00fcberall in der Welt, die zum Beispiel in Papua-Neuguinea, Sibirien oder S\u00fcdamerika diese Sprachen dokumentieren.<\/p>\n<h6>Warum ist es so dringend, all diese Sprachen zu dokumentieren?<\/h6>\n<p>Von gesch\u00e4tzten 7.000 Sprachen wird die H\u00e4lfte am Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr existieren. Die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung der Welt spricht nur 25 Sprachen, also die gro\u00dfen Sprachen von Mandarin \u00fcber Spanisch und Englisch bis zum Deutschen. Die anderen mehr als 6.000 Sprachen werden vom Rest der Welt gesprochen: Das bedeutet, dass es Sprachen gibt mit nur 300 oder auch 75.000 Sprechern, das sind alles kleine Sprachen. Und die meisten dieser Sprachen sind nie aufgeschrieben worden \u2013 das hei\u00dft, die linguistische Vielfalt verschwindet vor unseren Augen, ohne eine Spur zu hinterlassen!<\/p>\n<h6>Warum verschwinden so viele Sprachen?<\/h6>\n<p>Die Gr\u00fcnde sind der Klimawechsel, die Globalisierung und Modernisierung. Wenn die Menschen in l\u00e4ndlichen Gebieten keine Zukunft mehr f\u00fcr sich sehen, gehen sie in die St\u00e4dte. Dort sorgen sie daf\u00fcr, dass ihre Kinder die Mehrheitssprache sprechen, mit der sie wirtschaftlich und sozial die gr\u00f6\u00dften Chancen haben. Und sobald die Kinder ihre herk\u00f6mmliche Sprache nicht mehr lernen, ist es vorbei. Dieser Sprachwechsel ist ein ganz normaler Prozess: Das gab es immer auf der Welt, dass Sprachen sich ver\u00e4ndern, dass Dialekte kommen und andere gehen \u2013 Latein wird ja auch nicht mehr gesprochen. Doch das Tempo, in dem das passiert, ist einfach beispiellos. Wissenschaftler vergleichen es mit dem f\u00fcnften Massensterben, als die Dinosaurier ausstarben.<\/p>\n<h6>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel nennen?<\/h6>\n<p>Ich war gerade erst in Yunnan in China, wo wir 30 chinesische Studentinnen und Studenten unterrichtet haben. Die haben erz\u00e4hlt, dass Kinder unter zehn Jahren bestimmte Sprachen gar nicht mehr sprechen. Ihre herk\u00f6mmliche Sprache sprechen die Kinder vielleicht noch zu Hause, doch in der Schule lernen sie alles auf Mandarin, untereinander sprechen sie Mandarin \u2013 und die Eltern stellen sicher, dass die Kinder das gut k\u00f6nnen. So lernen die Kinder die Sprache ihrer Herkunft nicht mehr. Dann dauert es zwei Generationen, und die Sprache ist mit ihren letzten Sprechern verschwunden.<\/p>\n<h6>Ketzerisch gefragt: Wie schlimm ist es f\u00fcr die Welt, wenn ein paar kleine Sprachen oder Dialekte sterben?<\/h6>\n<p>Man muss sich einfach \u00fcberlegen, warum wir Menschen im Laufe unserer Geschichte diese ganze Vielfalt an Sprachen herausgebildet haben: Darin ist das Wissen der Menschheit gespeichert, Wissen \u00fcber Pflanzen, Medizin, Anbau, Kochen, \u00fcber soziale Verh\u00e4ltnisse und Beziehungen. Unsere Weltsicht pr\u00e4gt auch unsere Sprachen. Wir verlieren diese unglaubliche Vielfalt, bevor wir sie in Ans\u00e4tzen verstanden haben. Au\u00dferdem sind unsere Museen voll von Objekten aus fr\u00fcheren Tagen \u2013 doch das Wissen \u00fcber diese Objekte steckt in den Sprachen!<\/p>\n<h6>Haben Sie beim Sammeln Priorit\u00e4ten?<\/h6>\n<p>Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache. Wir setzen die Priorit\u00e4t auf die bedrohtesten Sprachen, im Moment k\u00f6nnen wir uns nicht um die Dialekte k\u00fcmmern. Es gibt auch nicht viele Linguistinnen und Linguisten, die diese Arbeit machen. Und wir sind die einzigen, die diese Dokumentationsarbeit weltweit unterst\u00fctzen. Die Volkswagenstiftung hat das Programm zehn Jahre lang gef\u00f6rdert, das ist jetzt aber ausgelaufen. Wir haben keine m\u00e4chtige WHO im R\u00fccken.<\/p>\n<h6>Wenn man sich die Landkarte gef\u00e4hrdeter Sprachen anschaut: Es sind ja nicht nur ferne Regionen betroffen, sondern auch Europa und Deutschland?<\/h6>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich. In Europa ist die Vielfalt ja schon relativ stark wegradiert. In Deutschland kann man das Friesische nehmen: Da ist nicht mehr viel \u00fcbrig, was am Leben erhalten werden kann. Wir Linguistinnen und Linguisten selbst greifen in diesen Prozess \u00fcbrigens nicht ein. Wir dokumentieren, solange wir das noch k\u00f6nnen. Falls die Gemeinschaft ein Interesse hat, die Sprache zu erhalten, kann der \/ die Linguistin\/ in als Berater helfen. Man kann zum Beispiel aus dem Material Kinderb\u00fccher herstellen. Das Problem ist nur: Man kann Kindern in der Schule in zwei Stunden w\u00f6chentlich beibringen, so viel man will \u2013 wenn sie die Sprache nicht drau\u00dfen sprechen und keinen Grund haben, sie zu sprechen, wird sie das nicht \u00fcberleben.<\/p>\n<h6>Mehrsprachigkeit bedeutet keine \u00dcberforderung f\u00fcr Kinder?<\/h6>\n<p>Nein, es gibt aber immer noch Eltern, die glauben, ihre Kinder w\u00fcrden keine Sprache richtig lernen, wenn sie mit mehreren Sprachen aufwachsen. Dieser Irrglaube ist erstaunlich, weil inzwischen sehr viel Forschung die Vorteile der Mehrsprachigkeit belegt. Wenn Freunde mich als Linguistin danach fragen, gebe ich immer folgendes Beispiel: Man gebe einem Kind einen Ball, und einem anderen Kind einen Ball, einen Kochl\u00f6ffel sowie einen Topf. Beide Kinder spielen jeweils drei Tage mit diesen Objekten. Welches Kind hat wohl am Ende mehr gelernt? \u2013 Dann gucken mich die Eltern immer an und fragen: Ist es so einfach? Und ich sage: Genau so einfach kann es sein.<\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Antje Weber.<\/em><\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Linguistin Mandana Seyfeddinipur erkl\u00e4rt das weltweit erschreckend rasante Verschwinden von Sprachen. W\u00e4hrend Alexander von Humboldt in die Welt reiste, blieb sein Bruder Wilhelm zuhause und erforschte am Schreibtisch die fremden Sprachen. Zu seinem 250. Geburtstag diskutieren wir \u00fcber Sprachen gestern und heute.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":4863,"template":"","magazine-topic":[],"magazine-format":[5],"magazine-author":[73],"class_list":["post-1256","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-format-interview","magazine-author-mandana-seyfeddinipur"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/1256","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/1256\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4863"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1256"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=1256"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=1256"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=1256"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}