{"id":1294,"date":"2020-05-25T13:03:00","date_gmt":"2020-05-25T11:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=1294"},"modified":"2021-05-25T17:22:13","modified_gmt":"2021-05-25T15:22:13","slug":"vom-muenzturm-zum-fernsehturm","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/vom-muenzturm-zum-fernsehturm\/","title":{"rendered":"Vom M\u00fcnzturm zum Fernsehturm. H\u00f6hendominanten in der Stadtplanung von Berlin"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-html\">\n\t<aside class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row\">\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-2 like-interactions\" aria-hidden=\"true\">\n\t\t\t\t<like :textbelow=\"true\"  nonce=\"4bf727ad54\" postid= \"1294\" post-title=\"Vom M\u00fcnzturm zum Fernsehturm. H\u00f6hendominanten in der Stadtplanung von Berlin\" count=\"15\"><\/like>\n\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-8\">\n\t\t\t\t<div class=\"copy\"><p itemprop=\"abstract\" class=\"intro\">Im Jahr 1986 ver\u00f6ffentlichte der renommierte DDR-Architekturkritiker Bruno Flierl einen noch heute bedeutenden Text Berliner Stadtplanung. In diesem besch\u00e4ftigte sich Flierl mit dem Ringen von Bauherren und Architekten um symbolische Macht mittels H\u00f6hendominanten. Wer die historischen Hintergr\u00fcnde der Debatte um Kuppel und Kreuz verstehen m\u00f6chte, der sollte diesen Text kennen. Ein Auszug.<\/p><\/copy><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/aside>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>Die Idee der Dominanz in St\u00e4dtebau und Architektur entspringt dem Anspruch der bauenden sozialen Kr\u00e4fte, das f\u00fcr sie Bedeutsame in der gebauten Umwelt un\u00fcbersehbar hervorzuheben. Von allen Formen st\u00e4dtebaulich-architektonischer Dominanz ist keine so geeignet, gesellschaftliche Bedeutungen und damit Wertorientierungen strukturell \u00e4hnlich sichtbar zu machen, wie die bauliche Dominante, n\u00e4mlich die nach Lage, Gr\u00f6\u00dfe und Gestalt fixierte Geb\u00e4udedominante in einem bestimmten sozial-r\u00e4umlichen Beziehungsfeld menschlicher Ansiedlungen \u2013 zumal wenn es darum geht, das eigene gesellschaftliche Wertsystem gegen das anderer gesellschaftlicher Kr\u00e4fte oder Gesellschaftsordnungen der Gegenwart und der Vergangenheit zu setzen [&#8230;]. Und keine bauliche Dominante vermag das so wirkungsvoll wie die Vertikaldominante, die in den R\u00e4umen und in der Silhouette der Stade weithin sichtbar wird.<\/p>\n<p>Gerade in der Geschichte des deutschen St\u00e4dtebaus ist seit dem Mittelalter die H\u00f6hendominante ein bevorzugtes Mittel gewesen, zentrale gesellschaftliche Orte der Stadt baulich zu bezeichnen: die zentralen Orte den bauenden Klassen und Gruppen, ihrer institutionalisierten Macht, ihrer Ideologie, ihrer Kultur und ihres Kultes. Das zeigt auch die 750-j\u00e4hrige Geschichte von Berlin, die Geschichte der H\u00f6hendominanten, die f\u00fcr Berlin geplant und die tats\u00e4chlich gebaut wurden.<\/p>\n<h3>Berlin von der B\u00fcrgerstadt zur Kaiserstadt<\/h3>\n<p>Das aus der Mitte des 17. Jahrhunderts durch den Stadtplan von Memhardt und die Stadtansicht von Merian \u00fcberlieferte Bild der Doppelstadt Berlin-C\u00f6lln zeigt mit hinreichender Genauigkeit das bauliche Ergebnis der Entwicklung der Stadt als mittelalterliche Handelsstadt und als kurf\u00fcrstliche Residenz, kurz bevor sie 1665 zur Garnisonsstadt mit Festungsanlagen ausgebaut wurde, wie das am anschaulichsten die Stadtansicht von Schultz zeigt. Die Stadt war Mitte der 30er Jahre des 15. Jahrhunderts als B\u00fcrgerstadt aus zwei Marktsiedlungen \u2013 aus Berlin am n\u00f6rdlichen Ufer der Spree und aus C\u00f6lln auf der s\u00fcdlichen Spreeinsel \u2013 entstanden und im Jahre 1307 zu einem st\u00e4dtischen Gemeinwesen vereint worden. Noch vor 1450 setzten sich die brandenburgischen Kurf\u00fcrsten hier fest. Um 1443 errichteten sie eine Burg n\u00f6rdlich von C\u00f6lln [\u2026] . Seitdem erfolgte der Ausbau Berlins zur Residenzstadt und der Burg zum Schloss.<\/p>\n<p>Die Idee zu einer weit sichtbaren H\u00f6hendominante im Schlossbereich stammt von K\u00f6nig Friedrich I. Nachdem er \u2013 noch als Kurf\u00fcrst Friedrich III. \u2013 1699 den Hofbildhauer Andreas Schl\u00fcter zum Schlossbaudirektor berufen hatte, gab er diesem 1701 \u2013 im Jahr der Kr\u00f6nung \u2013 den Auftrag, den in der nordwestlichen Ecke des Schlosses bei der Br\u00fccke \u00fcber den Spreegraben gelegenen M\u00fcnzturm auf 300&#8242; (etwa 94 m) zu erh\u00f6hen, damit also den neuen Turm der Residenz h\u00f6her zu bauen, als die bis dahin h\u00f6chstes Bauwerke der Stadt \u2013 die T\u00fcrme von St. Nikolai und von St. Marien. Eine solche neue Dominante f\u00fcr das Schloss erschien sicher auch deshalb w\u00fcnschenswert, weil nach dem 1697 wegen Bauf\u00e4lligkeit notwendig gewordenen Abbruch der T\u00fcrme der Domkirche der Schlossbereich in der Stadtsilhouette nicht mehr angemessen akzentuiert war. [&#8230;]<\/p>\n<p>[Doch] erst in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts wurden H\u00f6hendominanten in Berlin auch gebaut und nicht nur entworfen \u2013 und zwar an traditionellen Standorten und zu traditionellen Zwecken. Das K\u00f6nigshaus dr\u00e4ngte auf eine erh\u00f6hte architektonische Repr\u00e4sentanz von Schloss und Dom, die B\u00fcrgerschaft der Stadt brauchte ein neues Rathaus als St\u00e4tte und Ausdruck ihrer mit der Revolution von 1848 gewachsenen Wirksamkeit. Dass der von Friedrich II. gebaute Dom am Lustgarten den neuen Anspr\u00fcchen des K\u00f6nigshauses nach den Befreiungskriegen nicht mehr gen\u00fcgte, ist historisch verst\u00e4ndlich. Obwohl Schinkel f\u00fcr den beabsichtigten Umbau des Domes in den Jahren 1816 &#8211; 1819 viele Pl\u00e4ne erarbeitete, kam es 1820\/21 lediglich zu einer klassizistischen Umgestaltung des alten Bauwerkes. Aber kaum war der Umbau vollendet, da begeisterte sich der Kronprinz und sp\u00e4tere K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. daf\u00fcr, einen neuen, gro\u00dfartigen Dom zu errichten. Urspr\u00fcnglich war als Standort daf\u00fcr die Spitze der heutigen Museumsinsel, dann aber, nachdem 1823 der Bau des von Schinkel entworfenen Museums (Altes Museum) beschlossen war, die Stelle des alten Domes in unmittelbarer N\u00e4he des Schlosses vorgesehen. F\u00fcr den Dombau auf der Spreeinsel fertigte der Kronprinz selbst Skizzen an: in der Gestalt einer doppelt\u00fcrrmigen gotischen Kathedrale. F\u00fcr den Standort des Domes am Schloss legte Schinkel 1827 auf Wunsch des Kronprinzen den Entwurf f\u00fcr eine zum Museum am Lustgarten hin orientierte dreischif\ufb01ge Basilika im altchristlichem Stil vor: mit zwei, zu beiden Seiten angeordneten T\u00fcrmen, die nur doppelt so hoch wie das Schloss sein sollten. Realisiert wurde davon nichts. Doch den Kronprinzen besch\u00e4ftigte der Dombau auch weiterhin. Anfang der 30er Jahre skizzierte er eine in Richtung Zeughaus orientierte dreischif\ufb01ge Basilika \u2013 ebenfalls im altchristlichen Stil \u2013 mit zwei zu beiden Seiten angeordneten T\u00fcrmen an der R\u00fcckfront der Kirche, unmittelbar an der Spree, die mit einer H\u00f6he von 320\u2019 (etwa 100 rn) damals alle anderen Bauwerke Berlins \u00fcberragt h\u00e4tten. Noch h\u00f6her wollte Wilhelm Stier den Dom bauen, als er 1840 im Sinne einer Alternative zur Konzeption des Kronprinzen eine zweit\u00fcrmige Basilika mit gro\u00dfem Chorturm von 445&#8242; (140 m) vorschlug \u2013 ohne jedoch Beachtung zu finden. Gottfried St\u00fcler dagegen hielt sich an die Bauidee des Kronprinzen und entwarf 1845 den Dom als f\u00fcnfschiffige Basilika mit zwei seitlichen, aber an der Vorderfront zum Lustgarten hin angeordneten T\u00fcrmen, die die seinerzeit schon beabsichtigte H\u00f6he haben sollten. Dieser Entwurf wurde zur Ausf\u00fchrung angenommen. Die begonnenen Arbeiten an den Grundmauern neben dem alten Dom mussten jedoch nach der M\u00e4rzrevolution 1848 eingestellt werden. Ein zweiter Entwurf St\u00fclers aus den Jahren 1864-58 sah den Dom als Zentralbau mit einer hohen Kuppel von 98 m H\u00f6he vor \u2013 nunmehr im Stil der italienischen Hochrenaissance. Friedrich Wilhelm IV. wollte mit seinen vielf\u00e4ltigen Bestrebungen zum Neubau des Domes am Schloss die Idee verwirklichen, ein bauliches Monument zum Dank f\u00fcr die Siege von 1813 und 1815 zu errichten, zugleich wollte er unter der Losung ,,F\u00fcr Thron und Altar\u201c die institutionelle Einheit von Staat und Kirche demonstrieren und den Berliner Dom im bewussten Gegensatz zum K\u00f6lner Dom zur Hauptkirche des Protestantismus in Preu\u00dfen machen. Doch auch der Zentralkuppelbau St\u00fclers blieb unverwirklicht. Daf\u00fcr entstand nach St\u00fclers Entwurf in denselben Jahren 1854 &#8211; 58 die einst von Eosander geplante, aber nun in Funktion und Gestalt ver\u00e4nderte Kuppel \u00fcber dem Portal II des Schlosses mit einer H\u00f6he von 60 m, einschlie\u00dflich Laterne von 67 m: n\u00e4mlich als Kuppel \u00fcber einer neuen Schlosskapelle.<\/p>\n<p>Inzwischen hatte die B\u00fcrgerschaft Berlins beschlossen, sich ein neues Rathaus zu bauen, das im Unterschied zu fr\u00fcheren Rath\u00e4usern in Berlin und C\u00f6lln als bauliche Dominante in Stadtbild nicht mehr zu \u00fcbersehen sein sollte: das wegen seiner roten Klinker sp\u00e4ter so genannte ,rote\u2018 Rathaus. Entw\u00fcrfe f\u00fcr Umbauten des alten Rathauses hatte bereits Schinkel 1817 angefertigt. Aber erst nach einem Wettbewerb 1857\/58 erhielt Waesemann den Auftrag, ein neues Geb\u00e4ude zu errichten. Er tat dies im Stile oberitalienischer Renaissance-Architektur und unter deutlichem Einfluss von Entw\u00fcrfen Schinkels zu \u00f6ffentlichen Bauten. Der 74 m hohe quadratische und nach oben sich nicht verengende Turm hat der Grundform, Gliederung und Proportion nach gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit mit dem von Schinkel 1819 entworfenen Turm der Kirche am Spittelmarkt. Mit seiner beleuchteten Uhr war er in vielen Stra\u00dfen Berlins weithin zu sehen, nicht zuletzt auch in der Stra\u00dfe Unter den Linden: als point de vue \u00fcber dem Schloss \u2013 nicht gerade zur Freude der preu\u00dfisch-deutschen Aristokratie. Dass der Rathausturm immer wieder von denen so rmissliebig betrachtet wurde, die in erster Linie auf die staatliche Repr\u00e4sentanz der Hauptstadt aus waren, lag nicht einfach an seiner H\u00f6he und an seiner Sichtbarkeit in der Stadtsilhouette. Denn weder der weitaus h\u00f6here Turm der Petrikirche, der 1852 mit 111 m H\u00f6he als der h\u00f6chste Turm Berlin: errichtet worden war, noch die Nikolaikirche, die nach einer Umgestaltung im Jahre 1885 ihren zweiten, 80 m hohen Turm erhalten hatte, boten in dieser Hinsicht Anlass zur Kritik. Der Rathausturm \u2013 zumal in seiner relativ nahen Distanz zum Schlossbereich \u2013 st\u00f6rte als Symbol b\u00fcrgerlicher Demokratie. Noch Hitler rniss\ufb01el dieser Turm im Stadtbild, vor allem von der Stra\u00dfe Unter den Linden aus, derart, dass er ihn am liebsten abgerissen h\u00e4tte. Das Verh\u00e4ltnis zwischen dem immer wieder geplanten, aber nicht realisierten Domneubau \u2013 f\u00fcr den die Schlosskuppel nur vor\u00fcbergehend ein Ausgleich sein konnte \u2013 und dem im Bau befindlichen Rathaus mit seinem Turm mag die Entscheidung befl\u00fcgelt haben, die Errichtung des neuen Domes neben dem Schloss nun nicht l\u00e4nger zu verschieben. K\u00f6nig Wilhelm I. (1861-1888), ermutigt durch den Sieg \u00fcber \u00d6sterreich im sogenannten Deutschen Krieg, schrieb 1867 einen Wettbewerb zum Dombau aus und stellte das Ziel, mit dem Bau eine Dankeskirche zur Erinnerung an diesen Sieg zu errichten [&#8230;]. Die meisten der eingegangenen Entw\u00fcrfe orientierten auf einen Zentralbau mit Kuppel. Die gr\u00f6\u00dfte H\u00f6he sollten mit 400\u2019 (etwa 125 m) die Kuppeln in den Entw\u00fcrfen von Ende\/IB\u00f6ckmann und von Gropius\/Schmieden haben. Die gleiche H\u00f6he war auch f\u00fcr die zwei T\u00fcrme eines gotischen Langhauses im Entwurf von Statz vorgesehen. Den absoluten H\u00f6henrekord erreichte jedoch der Dom im Entwurf von Spielberg, der einen \u2013 den T\u00fcrmen am Gendarmenmarkt verwandten \u2013 Turm von 560\u2019 (etwa 175 m) H\u00f6he \u00fcber dem kuppelgekr\u00f6nten Altarraum der Domkirche vorschlug. Dies w\u00e4re der h\u00f6chste Bau nicht nur Berlins, sondern ganz Deutschlands geworden, h\u00f6her als der K\u00f6lner Dom mit seinen 160 rn hohen T\u00fcrmen, dessen versp\u00e4tete Vollendung seit 1842 in Gang gekommen war und der nun \u2014 wie zuvor das Stra\u00dfburger M\u00fcnster \u2014 zum Leitbild baulicher H\u00f6hendominanz zu werden versprach. ]a, der Spielbergsche Dom w\u00e4re zu dieser Zeit sogar das h\u00f6chste Bauwerk der Welt geworden.<\/p>\n<p>Wie sehr dieser Geist der H\u00f6henkonkurrenz insgesamt den Wettbewerb beherrschte, wird auch dadurch offenbar, dass die \u201eDeutsche Bauzeitung\u201c die Entw\u00fcrfe einheitlich im ma\u00dfst\u00e4blichen H\u00f6henverglech des neuen Domes zum Rathausturm und zum Schloss mit seiner Kuppel vorstellte, nicht aber im Vergleich zum h\u00f6chsten Turm der Petrikirche. Trotz des gro\u00dfen Aufwandes, den dieser erste gro\u00dfe \u00f6ffentliche Wettbewerb in Deutschland mit sich brachte, und trotz der gro\u00dfen Beachtung, die er fand, kam es anschlie\u00dfend zu keiner Entscheidung f\u00fcr den Dombau [&#8230;]. Erst unter dem Eindruck des Sieges im Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg 1870\/71 und der in Versailles vollzogenen deutschen Reichsgr\u00fcndung kam die Idee eines Siegesdornes und die Vorstellung von einer protestantischen Hauptkirche \u2013 nunmehr\u00a0 des ganzen deutschen Kaiserreiches \u2013 wieder ins Bewusstsein. Von den Anfang der 70er Jahre zur Diskussion gestellten Ideen verdient vor allem die st\u00e4dtebauliche Konzeption von Orth aus dem Jahre 1871 erw\u00e4hnt zu werden. Orth schlug vor, die Stra\u00dfe Unter den Linden \u00fcber den Lustgarten hinaus, \u00fcber die Spree hinweg und durch die mittelalterliche Stadt hindurch als Kaiser-Wilhelm-Stra\u00dfe zu verl\u00e4ngern und den Dom nicht am Lustgarten, sondern im Zuge dieser Stra\u00dfe zu errichten. Die Stra\u00dfe wurde in den 80er Jahren gebaut. Die r\u00e4umliche Trennung des Domes vom Schloss wurde jedoch vom Kaiser selbst abgelehnt. Sie kam auch sp\u00e4ter nicht in Betracht, als Schm\u00fclling\/Halmhuber 1889 den Vorschlag unterbreiteten, den Dom etwa am Standort der heutigen Volksb\u00fchne zu bauen. Denn inzwischen hatte sich die Vorstellung gefestigt, den Dom nach dem Entwurf von Raschdorff, den Kaiser Wilhelm II. unmittelbar nach seiner Kr\u00f6nung 1888 zum Dombaumeister berufen hatte, zu errichten. Raschdorff hatte, nachdem seit der Weihe des vollst\u00e4ndig aufgebauten K\u00f6lner Domes im Jahre 1880 der Drang zum Domneubau in Berlin weiter angewachsen war, bereits 1884 mit Arbeiten f\u00fcr den Dom begonnen. 1887\/88 legte er dann ein Projekt vor, das in der ersten Variante einen mit drei Kuppeln bekr\u00f6nten Dom, in einer zweiten Variante aber einen Zentralbau mit Kuppel und vier Eckt\u00fcrmen vorsah. In beiden F\u00e4llen wollte er das Bauwerk mit dem Schloss durch einen Pontile \u00fcber die inzwischen gebaute Stra\u00dfe in Richtung Marienkirche und durch einen hochaufragenden Turm anstelle des alten Apotheken\ufb02\u00fcgels des Schlosses verbinden. Mit diesem Schlossturm, der bis zur Spitze 140 m H\u00f6he haben und auch als Glocken- und Uhrturm dienen sollte, wollte Raschdorff eine alte Idee von Schl\u00fcter verwirklichen. Dass er mit ihm zugleich einen wirksamen Kontrapunkt zum Rathaus setzen wollte, offenbart die Einzeichnung dieses als Konkurrenz empfundenen Turmes in seinem Entwurf. Der Schlossturm wurde nicht gebaut, doch der Zentralbau mit Kuppel und vier Eckt\u00fcrmen \u2013 wenn auch im einzelnen abgewandelt \u2013 wurde nach dem 1893 erfolgten Abriss des alten Domes in den Jahren 1894 -1905 endlich verwirklicht. Die wuchtige Kuppel erhielt eine H\u00f6he von 76 m, bis zur Spitze der Laterne ma\u00df sie 101 m. Seitdem war der Dom die zentrale bauliche H\u00f6hendominante in Berlin: wegen seiner Gr\u00f6\u00dfe, wegen seines Standortes am Schloss und im Zentrum der Stadt und wegen seiner Gestalt. Er war es in einem solchen Ma\u00dfe, dass der Bau des Stadthauses im Jahre 1911 als notwendig gewordenem Erweiterungsbau der Magistratsverwaltung mit seinem 101 m hohen Kuppelturm im Unterschied zum Bau des Rathauses f\u00fcnfzig Jahre zuvor nicht mehr als Konkurrenz empfunden wurde. Und auch gegen\u00fcber den vielen anderen Kircht\u00fcrmen der Stadt, die nach der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. (1888) unter dem Patronat der Kaiserin Auguste Victoria in den Stadtbezirken rings um das alte Zentrum herum \u2013 in der Regel 50 bis 80 m hoch \u2013 planm\u00e4\u00dfig entstanden, behauptete sich der Dom souver\u00e4n. Mit dem Bau des Domes und des Stadthauses endet in Berlin die bauliche H\u00f6henkonkurrenz gesellschaftlicher Zentralit\u00e4t, wie sie f\u00fcr die gesamte Entwicklung der Stadt vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein als Ausdruck des Widerspruchs zwischen landesherrlicher und staatlicher Machtdemonstration einerseits und kommunaler Selbstbehauptung andererseits, zwischen kurf\u00fcrstlicher, k\u00f6niglicher und kaiserlicher Residenzstadt und b\u00fcrgerlicher Kommune so charakteristisch war. Aber es endete nicht das Streben nach baulicher H\u00f6hendominanz \u00fcberhaupt. Im Gegenteil: es setzte sich gesteigert fort, zumal ab 1900 der normale Bebauungspegel der Innenstadt auf etwa 25 m angestiegen war. Was sich \u00e4nderte, waren Funktion und Baugestalt der H\u00f6hendominanten. Dabei wurde auch die Konkurrenz zwischen Turm und Kuppel auf neue Weise fortgesetzt [\u2026].<\/p>\n<p><em>Der Text wurde erstmals im Jahr 1986 in dem von Karl-Heinz Klingenbuch herausgegebenem Sammelband \u201eStudien zur Berliner Kunstgeschichte\u201c publiziert; VEB E.A. Seemann Verlag, Leipzig.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1986 ver\u00f6ffentlichte der renommierte DDR-Architekturkritiker Bruno Flierl einen noch heute bedeutenden Text Berliner Stadtplanung. In diesem besch\u00e4ftigte sich Flierl mit dem Ringen von Bauherren und Architekten um symbolische Macht mittels H\u00f6hendominanten. Wer die historischen Hintergr\u00fcnde der Debatte um Kuppel und Kreuz verstehen m\u00f6chte, der sollte diesen Text kennen. Ein Auszug.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":10558,"template":"","magazine-topic":[92,142],"magazine-format":[80],"magazine-author":[79],"class_list":["post-1294","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-topic-berliner-schloss","magazine-topic-geschichte-des-ortes","magazine-format-historisches-lesestuck","magazine-author-bruno-flierl"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/1294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/1294\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10558"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=1294"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=1294"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=1294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}