{"id":59647,"date":"2022-11-02T14:36:41","date_gmt":"2022-11-02T13:36:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=59647"},"modified":"2022-11-29T18:12:33","modified_gmt":"2022-11-29T17:12:33","slug":"aus-den-wunden-erwachsen-neue-verantwortlichkeiten","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/aus-den-wunden-erwachsen-neue-verantwortlichkeiten\/","title":{"rendered":"Aus den Wunden erwachsen neue Verantwortlichkeiten"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p><em>Die Antwort von Elisabetta Corr\u00e0 auf unseren Aufruf hat uns \u00fcberrascht. In ihrem Beitrag ging es nicht um die Instrumentalisierung postkolonialer Kritik, sondern um den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Artensterben. Ihrer Lesart nach ist das Humboldt Forum zudem m\u00f6glicherweise das erste \u201eMuseum des Anthropoz\u00e4ns\u201c, in welchem sich postkoloniale Kritik mit anderen Diskursen zu etwas Neuem verbindet. Da wir uns nicht ganz sicher waren, ob wir die Autorin richtig verstanden hatten, baten wir sie, sich auf den Call for Contributions zu beziehen, woraufhin sie direkte Antworten auf die darin formulierten Fragen einreichte. Beides \u2013 der urspr\u00fcnglich eingereichte Text und ihre anschlie\u00dfenden Antworten \u2013 sind in dieser Fassung als komplement\u00e4re Erz\u00e4hlstr\u00e4nge zu lesen.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Die Erkenntnis vom Einbruch der Artenvielfalt ereilt zuverl\u00e4ssig nur diejenigen, die die majest\u00e4tischen, noch verbliebenen Wildnisgebiete unseres Planeten aufsuchen. Drastische Ver\u00e4nderungen der tierischen Gemeinschaften, ebenso wie der Klimamuster und die Verschiebung der Vegetationen nach Norden, sind sogar noch gravierender und deutlicher zu erkennen. Aber hier in Europa sehen die meisten Menschen nie die Taiga oder die immerfeuchten tropischen Urw\u00e4lder des Kongobeckens. Der Verlust der biologischen Vielfalt f\u00e4hrt durch unsere K\u00f6rper, aber wie ein Gespenst. Die westliche Gesellschaft ist n\u00e4mlich fortw\u00e4hrend mit anderen Dingen besch\u00e4ftigt. Viele von uns haben kaum Kenntnis davon. Aber fast jede*r w\u00fcrde, wenn er oder sie gefragt w\u00fcrde, das derzeitige sechste massenhafte Artensterben nicht korrekt in die europ\u00e4ische Geschichte einordnen. Folglich ignorieren wir, wie wir es dazu haben kommen lassen, warum und im Namen welches religi\u00f6sen oder politisch-empirischen Glaubens. Die Er\u00f6ffnung des Humboldt Forums im Jahr 2021 markierte im postkolonialen Diskurs Europas eine Schwelle zwischen <em>vorher<\/em> und <em>nachher<\/em>. Es ist das erste Museum des Anthropoz\u00e4ns. Es ist das Museum, das den R\u00fcckgang der biologischen Vielfalt und die \u00f6ko-evolution\u00e4ren Voraussetzungen der Zivilisation (die F\u00e4higkeit des Homo sapiens zur Nischenbildung) in Zusammenhang bringt mit deren bemerkenswertem Niedergang w\u00e4hrend der ozeanischen Unternehmungen der europ\u00e4ischen V\u00f6lker ab dem 16. Jahrhundert: der Kolonialisierung.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re, wenn die Bedeutung des Humboldt Forums eben darin best\u00fcnde, dass es die M\u00f6glichkeit bietet, einen ganzen Apparat an historischen Widerspr\u00fcchen in den \u00f6ffentlichen Raum zu stellen, welche nach wie vor das westliche Bewusstsein pr\u00e4gen? Wenn das Humboldt Forum Gelegenheit b\u00f6te, alte, fest verwurzelte Narrative auszumerzen, welche St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abgebaut und auf viel radikaler exponiertere Weise an die Zivilgesellschaft zur\u00fcckgespielt werden m\u00fcssen?<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-media-quotes\" >\n\t<div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row center-xs\">\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-sm-10 col-md-8\">\n\t\t\t\t<div class=\"swiper-outside\">\n\t\t\t\t\t<swiper :options=\"{lazy: true,pagination: {el: '.swiper-pagination', dynamicBullets: true, type: 'bullets'}}\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<swiper-slide>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<blockquote>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<h3 class=\"Zitat\">Ist postkoloniale Kritik f\u00fcr Institutionen wie das Humboldt Forum eine Ware? Ich glaube nicht. Mal abgesehen davon, dass man jahrelang \u00fcber die Kommodifizierung von schlechthin allem reden k\u00f6nnte, m\u00fcssen wir hier einen Sprung wagen (im Sinne Heideggers). Eine Institution, die Kolonialismus dem \u00f6ffentlichen Verst\u00e4ndnis darlegen will, muss sich postkoloniale Kritik als Teil ihrer Anh\u00e4ngerschaft bewahren. Nicht als Feindbild. In diesem Jahrhundert f\u00fcrchten wir uns, etwas aus der M\u00f6glichkeit heraus zu denken, dass man es in einen transformativen Diskurs verwandeln k\u00f6nnte. Aber genau dieser offene Diskurs ist meiner dezidierten Meinung nach heute notwendig, um die herk\u00f6mmlichen Narrative zu demontieren. Friktionen sind Teil der Wahrheit.<\/h3>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/blockquote>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/swiper-slide>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"swiper-pagination\" slot=\"pagination\"><\/div>\n\t\t\t\t<\/swiper>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>In j\u00fcngster Zeit haben die Debatten des Postkolonialismus den erweiterten Kontext des Kolonialismus<em> a priori<\/em> ausgeklammert. Dieser hat sich seinen Weg um die Welt gebahnt und langfristige Folgen verursacht: die \u00f6kologische Landschaft. Der Kolonialismus hat nicht nur Nationen und Zivilisationen ausgepl\u00fcndert. Er drang tief nach Afrika, Asien und Amerika vor und hat das \u00f6kologische Gleichgewicht auf diesen Kontinenten f\u00fcr immer ver\u00e4ndert. Die Strategien, die die Europ\u00e4er*innen bei der Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen anwandten, sind bis heute wirksam.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist die Diskussion \u00fcber die R\u00fcckgabe afrikanischer Kunst gleichbedeutend mit der Diskussion \u00fcber die auf den Kolonialismus zur\u00fcckgehenden aktuellen Umweltprobleme der afrikanischen L\u00e4nder. Es besteht eine frappierende Kontinuit\u00e4t zwischen dem kolonialem Wirtschaften und der heutigen Umweltausbeutung. Bestes Beispiel sind die Naturschutzgebiete. Man kann das Schicksal der \u00d6kosysteme als historische Vorlage zum Verst\u00e4ndnis kolonialistischer V\u00f6lkermorde lesen. Auf seiner Reise durch das Anthropoz\u00e4n muss das Humboldt Forum Kolonialismus, Postkolonialismus und Biosph\u00e4re zusammendenken. Menschliche Wesen und Faunen, W\u00e4lder und Ozeane wurden einer einzigartigen und koh\u00e4renten Denkweise gem\u00e4\u00df behandelt. Sicher, dieser Ansatz ist unkonventionell und entfernt sich weit von der \u00f6ffentlichen Meinung. Ein origineller Diskurs ist immer unvollst\u00e4ndig: Er gibt einer v\u00f6lligen Neukonfiguration der Konzepte Raum. Der Postkolonialismus k\u00f6nnte nun als das erz\u00e4hlt werden, was er schon immer gewesen ist: eine gemeinsame Geschichte von Mensch und Tier.<\/p>\n<p>M\u00e4chtige, hierarchische Strukturen wirkten synchron auf Tiere und V\u00f6lker. Diese Haltung stand seit Beginn der ozeanischen Abenteuer im Mittelpunkt der europ\u00e4ischen Expansion. In seinem j\u00fcngsten Buch (The <em>Nutmeg Curse<\/em>) f\u00fchrt Amitav Ghosh ein gutes Beispiel daf\u00fcr an: \u201eWie ein Planet ist die Muskatnuss von einer Reihe sich ausdehnender Sph\u00e4ren umgeben.\u201c Die globale Ausbeutung dieser w\u00fcrzigen Frucht, der Muskatnuss, nahm mit dem Einsatz von Mitteln des V\u00f6lkermords und der brutalen Aneignung von nat\u00fcrlichen Ressourcen auf den Banda-Inseln ihren Anfang. Aber die Zerst\u00f6rung war im kolonialen Denken immer \u00f6ffentliche Demonstration einer r\u00fccksichtslosen, unwiderruflichen Macht: \u201eEin Kernmythos der Gr\u00fcndung Madeiras, einer der ersten au\u00dfereurop\u00e4ischen Inseln, die kolonisiert wurde, war ein sieben Jahre dauernder Brand, durch den die dicht bewaldete Landschaft zum Zweck der Besiedlung gerodet wurde.\u201c Mit den Worten Olufemi O. Taiwos: \u201eAusbeutung, Gewalt, Imperium \u2013 all diese wiederkehrenden Elemente der Menschheitsgeschichte haben die Tendenz, sich miteinander zu verb\u00fcnden. Der globale Markt ist auf eine bestimmte Art und Weise auf Wachstum fixiert, welche zu einer \u00c4ra des Raubbaus, der Ausbeutung und schlie\u00dflich des zerst\u00f6rerischen Klimawandels gef\u00fchrt hat.\u201c Z\u00e4hlen Sie das sechste Massenaussterben hinzu.<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-media-quotes\" >\n\t<div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row center-xs\">\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-sm-10 col-md-8\">\n\t\t\t\t<div class=\"swiper-outside\">\n\t\t\t\t\t<swiper :options=\"{lazy: true,pagination: {el: '.swiper-pagination', dynamicBullets: true, type: 'bullets'}}\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<swiper-slide>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<blockquote>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<h3 class=\"Zitat\">Ich denke, dass Komplexit\u00e4t die Kritik f\u00f6rdern muss. Das Humboldt Forum blo\u00df als Symbol wei\u00dfer Dominanz abzustempeln, halte ich daher f\u00fcr sehr verk\u00fcrzt. Das geht einfach am Thema vorbei. Eine solche Aussage verst\u00e4rkt die Kritik, um sich nicht mit der Gegenwart auseinanderzusetzen. Wie Jacques Lacan sagte, bedeutet Zukunft, etwas aus seinen Wunden zu machen. Die Alternative ist: in der Vergangenheit gefangen zu sein, nur um der alten Gerechtigkeit willen die Vergangenheit zu sch\u00fctzen.<\/h3>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/blockquote>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/swiper-slide>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"swiper-pagination\" slot=\"pagination\"><\/div>\n\t\t\t\t<\/swiper>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"block block-copy\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>Der Standort des Humboldt Forums in der Stadt Berlin ist in der Tat f\u00fcr dessen kontroverse Rolle von Bedeutung. Dieser Ort gibt der neuen postkolonialen Hermeneutik einen gigantischen Impuls. Das koloniale Unternehmen impliziert spezifische Verbrechen gegen die Menschlichkeit, deren Folgen wiederum eine sekund\u00e4re, grausame Wirkung hatten. Es handelte sich hierbei um diachrone Verbrechen, die sich verh\u00e4ngnisvoll auf die nachfolgenden Generationen auswirkten. Der Kolonialismus war eine riesige Fabrik der Welt, in der wir heute leben, menschlich und \u00f6kologisch. Europ\u00e4er*innen f\u00fchrten ihn aus. Europ\u00e4er*innen planten ihn. Europ\u00e4er*innen dachten ihn. Angesichts dieser Zahlen kann man sagen, dass das Humboldt Forum einen <em>Europ\u00e4ischen Sonderweg<\/em> beschreitet. Das l\u00f6st beunruhigende Gef\u00fchle aus. Aber den intellektuellen Konflikt zwischen der Institution und der Zivilgesellschaft am Leben zu halten, Widerspr\u00fcche vor banalen L\u00f6sungen zu sch\u00fctzen, k\u00f6nnte sich auch als wunderbares Instrument herausstellen. Die Kontroverse tr\u00e4gt dazu bei, dass bei Europ\u00e4er*innen eine echte Verantwortung gegen\u00fcber der Ausrottungskrise entsteht. Die durch die Kolonialm\u00e4chte geschlagenen Wunden sind das Erbe einer Menschheit. Achille Mbembe arbeitet treffend heraus, dass die Menschheit in sozialen und politisch-\u00f6konomischen Kontexten von tiefem historischen Gewicht lebt. Wir sollten erkennen, dass die historischen, kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse nun zu einem globalisierten Zustand werden. Die schwarze, koloniale Vergangenheit wird, so Mbembe, zunehmend zur globalen Gegenwart, insofern &#8222;[&#8230;] die systemischen Risiken, denen zu Zeiten des Fr\u00fchkapitalismus nur die N**** ausgesetzt waren, inzwischen vielleicht nicht die Norm, aber zumindest doch das Schicksal aller subalternen Menschengruppen&#8220; geworden sind.(1) Mit anderen Worten: Unser heutiges Anthropoz\u00e4n ist der Ort, an dem Kolonialismus, Postkolonialismus und \u00f6kologische Zerst\u00f6rung zu einem einzigartigen humanit\u00e4ren Zusammenbruch konvergieren.<\/p>\n<p>Doch bisher beschr\u00e4nkt sich die postkoloniale Kritik auf Ethnographie, Soziologie und die Afrikawissenschaften. \u00d6kolog*innen wissen nicht mehr, als was sie bei ihren Forschungen in Kamerun, Gabun oder S\u00fcdafrika erlebt haben. Noch prek\u00e4rer ist die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit, die ihre Zeit und Leidenschaft eher in den Louvre und das British Museum investiert. Man kann sagen, dass infolgedessen das Thema Postkolonialismus in Europa mit einem gro\u00dfen, dominanten Schweigen behaftet ist. Aber postkoloniale Kritik ist eher ein radikales Infragestellen Europas als nur ein politischer oder diplomatischer Zwist. Was macht heute die europ\u00e4ische Zivilisation aus? Ist das Selbstverst\u00e4ndnis Europas in Resonanz mit den Herausforderungen unserer Zeit? Auf welche Art sind wir Europ\u00e4er*innen uns unserer westlichen Identit\u00e4t bewusst?<\/p>\n<p>Wir gehen hier von <em>westlich<\/em> in seiner streng philosophischen Bedeutung aus. <em>Westlich<\/em> bezieht sich nicht in erster Linie auf die kapitalistische Wirtschaft. Ein reiner Bezug auf die \u00d6konomie behindert die postkolonialen Kritiker*innen bei der Rekonstruktion der beispiellosen Barbarei auf den Plantagen. <em>Westlich<\/em> ist in seiner Bedeutung \u201etypisch f\u00fcr Europa\u201c, so der italienischen Philosoph Emanuele Severino: \u201eDer Westen ist die Struktur, die uns sagt, wer wir sind.\u201c An der Wurzel des Kolonialismus befindet sich ein bestimmtes Weltverst\u00e4ndnis, eine eigenartige Interpretation der Existenz. Europa ist eine Berufung, eine Richtung, eine intellektuelle Niederlassung. F\u00fcr Severino ist Europa eine <em>Episteme<\/em> (ein altgriechisches Wort f\u00fcr ein <em>Wissen-stabil-und-unbestreitbar<\/em>): eine Best\u00e4tigung des Naturverst\u00e4ndnisses in absoluter Gewissheit, um den mit dem organischen Leben einhergehenden Schmerz und das Leid zu bezwingen. Hierin liegt die Quelle der Logik, Wissenschaft und Technologie. Sowohl die sich \u00fcber die Ozeane erstreckenden Handelsnetze als auch die wissenschaftliche Expansion waren die moderne <em>Weltanschauung<\/em> dieser alten Absichtserkl\u00e4rungen, die auf die griechische Zivilisation zur\u00fcckgingen. Die westliche Welt ist das noch besser organisierte Bestreben, den Menschen durch eine vollst\u00e4ndige Eroberung der belebten Welt eine gesicherte Existenz zu verschaffen. Die Welt \u201eals Ressource\u201c, beschreibt es Ghosh \u2013 eine Fabrik, in der die einzigen wirksamen Ideen in der \u201ephysischen Unterwerfung von Menschen und Territorien\u201c bestehen, \u201eder Idee der Eroberung als Extraktionsverfahren\u201c.<\/p>\n<p>Nur durch ein tiefes Verst\u00e4ndnis der Bedeutung des westlichen Denkens wird uns deutlich, wie der Kolonialismus den Planeten verw\u00fcstet hat. Wenn sich die postkoloniale Kritik auf ein Verurteilen des globalen Kapitalismus beschr\u00e4nkt, wird das Ergebnis bescheiden ausfallen. Das Risiko besteht darin, die Dekolonisierung auf zivilen Aktivismus derjenigen ethnischen Gruppen zu beschr\u00e4nken, die am meisten unter den schrecklichen Folgen der jahrhundertelangen wei\u00dfen Vorherrschaft leiden. Das ist zu wenig angesichts des enormen Ausma\u00dfes an sozialen Ungleichheiten, die Artensterben und Klimakrise ihnen auferlegen. Ein kollektives Gewissen der Dekolonisierung ist dringend erforderlich.<\/p>\n<p>Nur die Restitutionsfrage zu thematisieren, wie es B\u00e9n\u00e9dicte Savoy getan hat, hat seine klaren Beschr\u00e4nkungen. Eine gro\u00dfe Anzahl menschlicher Erfahrungen wurde von der Kritik am Humboldt Forum ausgeschlossen. Dennoch ist es ein Symptom des Reduktionismus, \u00d6kologie und die Wissenschaft vom Artensterben auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-media-quotes\" >\n\t<div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row center-xs\">\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-sm-10 col-md-8\">\n\t\t\t\t<div class=\"swiper-outside\">\n\t\t\t\t\t<swiper :options=\"{lazy: true,pagination: {el: '.swiper-pagination', dynamicBullets: true, type: 'bullets'}}\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<swiper-slide>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<blockquote>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<h3 class=\"Zitat\">Soweit ich es verstehe, ist die postkoloniale Kritik innerhalb des Forums ein best\u00e4ndiges Work-in-Progress, ein permanentes Zwischenergebnis der Arbeit an der Best\u00e4tigung der Mission und Vision, mit der wir uns alle befassen. Sie ist ein Stimulus, ein st\u00e4ndiger Weckruf, der darauf hinweist, dass die langsame Arbeit des Verstehens in der Beziehung zu unserer Zeit wurzelt, in der Beziehung zu unserer Spezies, unseren Nationen, zu den uns umgebenden Menschen und den Menschen, die wir nie kennen werden. Ich bin der Ansicht, ein solcher Ort, ein Ort, an dem die Konfrontation mit der intimen Brutalit\u00e4t der Zivilisation m\u00f6glich ist, wird dringend ben\u00f6tigt.<\/h3>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/blockquote>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/swiper-slide>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"swiper-pagination\" slot=\"pagination\"><\/div>\n\t\t\t\t<\/swiper>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"block block-copy block-no-margin\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>Das Humboldt Forum muss im historischen und \u00f6kologischen Kontext unserer Gegenwart innerhalb eines bestimmten Rahmens betrachtet werden. Ich nenne diesen Rahmen <em>deep history<\/em>, Tiefengeschichte. <em>Deep history<\/em>, um genau zu sein eine \u00f6kologische Geschichtsschreibung, liefert uns eine sehr vielschichtige und facettenreiche Interpretation der kolonialen Vergangenheit. Die Geschichte von Nationen und Menschen geht in die Geschichte von Faunen und Lebensr\u00e4umen \u00fcber. All diese Geschichten wiederum helfen uns, die K\u00e4mpfe um Menschen- und B\u00fcrgerrechte zu beleuchten. Ein Museum f\u00fcr das Anthropoz\u00e4n legt diese Zusammenh\u00e4nge offen und pr\u00e4sentiert sie. Und das ist seine Hauptaufgabe. Sie impliziert, dass die Wunden der Vergangenheit nicht durch gute Absichten entfernt, annulliert oder verborgen werden k\u00f6nnen. Die Folgen von Artensterben und V\u00f6lkermord sind <em>meta-temporal<\/em> und begleiten uns nach wie vor. Sie sind zum Bleiben verdammt. In dieser Hinsicht sind Europ\u00e4er*innen und Afrikaner*innen sehr unterschiedlich positioniert. Aber wir ertragen die Aggression der Vergangenheit gemeinsam. <em>Der Kolonialismus ist das Taufbecken unserer Modernit\u00e4t<\/em>, wie Achille Mbembe sagte.<\/p>\n<p>Nur auf diese Weise, so vermute ich, ist innerhalb der postkolonialen Kritik eine aktualisierte Ethik \u00fcberhaupt m\u00f6glich. Sie nimmt die globale Wunde des Kolonialismus an.<\/p>\n<p>Ein dem Kolonialismus gewidmetes Museum muss die Unumkehrbarkeit der Wunde bewahren. Nur diese Narbe kann helfen, das europ\u00e4ische Denken zu \u00fcbersteigen. Diese Bewegung \u00f6ffnet eine <em>Lichtung<\/em> f\u00fcr einen neuen Rechtsraum, der jedem einzelnen Lebewesen auf der Erde offensteht. Kapitalismus, Kolonialismus, Imperialismus und die technologische Aneignung der Realit\u00e4t m\u00fcssen als Symptom eines Denkens verstanden werden, das auf die Objektifizierung des Planeten ausgerichtet ist. Eine Alternative ist dringend erforderlich. Dann, um es mit den Worten Emanuele Severinos zu sagen: \u201e[&#8230;] wird sich die Chance auftun, dar\u00fcber nachzudenken, was die Last der westlichen Identit\u00e4t herbeif\u00fchrt, und die Geschichte der ganzen Welt. Wir werden uns befragen [&#8230;]\u201d.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(1) Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Suhrkamp 2014, S. 18<\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"featured_media":63473,"template":"","magazine-topic":[],"magazine-format":[],"magazine-author":[1570],"class_list":["post-59647","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-author-elisabetta-corra"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/59647","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/59647\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62930,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/59647\/revisions\/62930"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/63473"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59647"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=59647"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=59647"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=59647"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}