{"id":59818,"date":"2022-11-02T14:31:39","date_gmt":"2022-11-02T13:31:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/?post_type=magazine-article&#038;p=59818"},"modified":"2022-11-24T09:55:01","modified_gmt":"2022-11-24T08:55:01","slug":"die-instrumentalisierung-der-kritik","status":"publish","type":"magazine-article","link":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/die-instrumentalisierung-der-kritik\/","title":{"rendered":"Anders als alle anderen Imperien &#8211; Die Instrumentalisierung von Kritik im Humboldt Forum"},"content":{"rendered":"<section class=\"block block-html\">\n\t<aside class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row\">\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-2 like-interactions\" aria-hidden=\"true\">\n\t\t\t\t<like :textbelow=\"true\"  nonce=\"e89ca79ecc\" postid= \"59818\" post-title=\"Anders als alle anderen Imperien &#8211; Die Instrumentalisierung von Kritik im Humboldt Forum\" count=\"10\"><\/like>\n\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<div class=\"col-xs-12 col-md-8\">\n\t\t\t\t<div class=\"copy\"><p itemprop=\"abstract\" class=\"intro\">\u201eJedes Imperium erz\u00e4hlt jedoch sich und der Welt, dass es sich von allen anderen Imperien unterscheidet, dass sein Ziel nicht darin besteht, zu pl\u00fcndern und zu kontrollieren, sondern zu erziehen und zu befreien.\u201c Edward W. Said (1)<\/p><\/copy><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/aside>\n<\/section>\n\n<section class=\"block block-copy block-no-margin\" >\n    <div class=\"container-fluid\">\n\t\t<div class=\"row \">\n            <div class=\"col-xs-12 col-md-offset-2 col-md-8\">\n                <div class=\"box\">\n                    <div class=\"copy\"><p>Ethnologische Museen stehen unter Beschuss, w\u00e4hrend globale und lokale Bewegungen f\u00fcr Racial Justice, Dekolonisierung und Wiedergutmachung an Auftrieb gewonnen haben. Der Kolonialismus stellt die Museen vor die Herausforderung, Nationalgeschichte zu erz\u00e4hlen, ohne die ontologischen und epistemischen Vorannahmen zu reproduzieren, die dem westlichen Modernit\u00e4ts- und Fortschrittsprojekt eingeschrieben sind. Bislang haben Museen drei miteinander verkn\u00fcpfte Strategien angewandt, um sich von kolonialen Praktiken zu distanzieren: Sie haben den Restitutionsprozess eingeleitet, ihre Schausammlungen neu kontextualisiert und versucht, durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Werbung das Narrativ an sich zu bringen. Paradoxerweise tragen alle Methoden dazu bei, die bestehende Hegemonie zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die H\u00fcter der europ\u00e4ischen Kolonialsch\u00e4tze k\u00fcndigten Repatriierungen an: Das British Museum gab buddhistische Terrakotten zur\u00fcck, w\u00e4hrend das Ethnologische Museum Berlin in diesem Jahr die ersten Benin-Bronzen restituiert hat. Der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron wurde durch die R\u00fcckgabe einiger geraubter Objekte und daf\u00fcr, dass er Felwine Sarr und B\u00e9n\u00e9dicte Savoy mit dem Erstellen eines Restitutionsberichts betraute, zum Helden. Sein Versprechen, afrikanisches Kulturgut an den Kontinent zur\u00fcckzugeben, gilt als Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Restitutionsbewegung. Die franz\u00f6sische Kunsthistorikerin B\u00e9n\u00e9dicte Savoy, die 40 erfolglose Jahre der F\u00fcrsprache f\u00fcr Reparationen an Afrika dokumentierte und \u201edie vollst\u00e4ndige R\u00fcckgabe aller gewaltsam entwendeten oder mutma\u00dflich unter ungerechten Bedingungen erworbenen Objekte\u201c empfahl, wird in diesem Prozess als f\u00fchrende Expertin gefeiert.<\/p>\n<p>In all diesen F\u00e4llen werden die R\u00fcckf\u00fchrungsbem\u00fchungen aus Sicht der Kolonisator*innen dargestellt: Durch westliches Dokumentieren der erfolglosen F\u00fcrsprache, das Verfassen des Berichts und die Einleitung des R\u00fcckf\u00fchrungsprozesses werden die Geschichten der gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfe und die dahinter stehenden Ideologien verdr\u00e4ngt. Die Betonung der R\u00fcckgabe des Objekts dient der Verschleierung des springenden Punkts: die Anerkennung der Verbrechen, die an den afrikanischen Nationen begangen wurden, und der Ideale und Gesetze, die sie rechtfertigten. Es f\u00e4llt schwer, Savoys Verfahrensempfehlungen nicht als eine Erweiterung des internationalen Rechts oder, genauer gesagt, der gesetzgewordenen christlichen Doktrin zu verstehen, die die ontologischen und epistemischen Unterschiede und die Bewertung der verschiedenen kulturellen Systeme als minderwertig und anleitungsbed\u00fcrftig im Umgang mit dem Wiedergutmachungsprozess erfand. Die Wiedergutmachungserz\u00e4hlung unter Kontrolle zu haben verwandelt Differenz in sozialen Wert und perpetuiert das imperialistische, \u00dcberlegenheit f\u00fcr sich beanspruchende, kapitalistische Patriarchat. Weder das eine noch das andere liefert eine kritische Bestandsaufnahme des kolonialen Erbes oder tr\u00e4gt dazu bei, das in Museen institutionell eingebettete, mit der W\u00fcrdigung von Erinnerung und Verdinglichung von Differenz einhergehende, verborgene System der Unterdr\u00fcckung abzubauen.<\/p>\n<p>Die vier Institutionen des Humboldt Forums \u2013 Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Ethnologisches Museum Berlin und Museum f\u00fcr Asiatische Kunst sowie Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin \u2013 haben es besonders schwer, ein positives Narrativ f\u00fcr sich zu entwickeln. Das Geb\u00e4ude, in dem die ethnologische Sammlung untergebracht ist, wurde abgerissen und mit architektonischen Elementen neu aufgebaut, die imperiale Werte affirmieren. Eine teilweise rekonstruierte Fassade des einstigen, f\u00fcr den preu\u00dfischen K\u00f6nig Friedrich erbauten Berliner Schlosses und eine die Kuppel kr\u00f6nende Laterne unter einem vier Meter hohen Kreuz sind visuelle Symbole des preu\u00dfischen Protestantismus und bekr\u00e4ftigen die westlichen Ideen, die die Einrichtung angeblich in Frage stellt. Dar\u00fcber hinaus ehrt der Name die Gebr\u00fcder Humboldt, deren Werk ein Produkt der Kolonialzeit ist. Das Wort \u201eForum\u201c erinnert an das (Heilige) R\u00f6mische Reich Deutscher Nationen. Es stellt auch eine Verbindung zu architektonischen Merkmalen der Renaissance her (z. B. der Piazza) \u2013 als die Europ\u00e4er*innen Kapitalismus, wissenschaftliche Revolution und Freihandel erfanden und damit die <em>Racial Categorisation<\/em> von Menschen rechtfertigten und Menschenhandel legalisierten.<\/p>\n<p>Wie andere Museen nutzt auch das Humboldt Forum seine Website, um Institutionskritik in ein optimistisches PR-Narrativ zu verwandeln. Die Reaktionen der vier Direktor*innen auf kritische Diskussionen um das Forum und die positiven Interpretationen der Kritik durch die Redaktion veranschaulichen diesen Punkt.<\/p>\n<p>In der Rubrik <a href=\"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/was-sagen-die-akteure\/\">\u201eGespr\u00e4ch&#8220;<\/a> des Online-Magazins des Forums erfahren die Leser*innen, welche Rolle die vieldiskutierte Fassade und das goldene Kreuz nach Ansicht der vier Direktor*innen f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der postkolonialen Debatte gespielt hat und spielen k\u00f6nnte. Die Antworten sind scheinbar eindeutig: Die Pr\u00e4sidentin der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin teilt uns mit, dass keine*r der vier Direktor*innen am architektonischen Entscheidungsprozess beteiligt war. Der Direktor des Berliner Stadtmuseums und Chefkurator des Landes Berlin erkl\u00e4rt, dass die Institution den Bau nicht verteidigt. Der Generaldirektor des Humboldt Forums und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss ist der Meinung, dass die Programmarbeit f\u00fcr ein Publikum, das keinen \u201ebiografischen Bezug\u201c zum Forum hat, das Schloss zu einem produktiven Ort f\u00fcr Dekolonisierung machen wird. Auch der Direktor der Staatlichen Museen zu Berlin geht davon aus, dass die Kontextualisierung der ausgestellten Objekte und \u201eden Bereich des Globalen in der Kunst und der Ethnologie in die Mitte der Stadt\u201c zu bringen das Problem schon l\u00f6sen wird.<\/p>\n<p>Ihre Vorbehalte anbei gestellt, haben sich alle vier Direktor*innen daf\u00fcr entschieden, \u00f6ffentliches Gesicht dieser nationalen Institution zu sein. Keine Antwort zu haben oder den Bau nicht zu \u201everteidigen\u201c, erm\u00f6glicht es dem Geb\u00e4ude, die koloniale Vergangenheit zu projizieren, indem es, in einer der beiden am st\u00e4rksten sanierten St\u00e4dte der Europ\u00e4ischen Union, seine architektonischen Innovationen mit der visuellen Sprache des Wohlstands und Reichtums zur Schau stellt. Es \u00fcberl\u00e4sst der Logik der Unternehmens\u00f6konomie, die grundlegenden Elemente der sozialen Ordnung, der Autorit\u00e4t, Identit\u00e4t, Legitimit\u00e4t und der Nationalpolitik zu formulieren. Die Kommentare der Direktor*innen lassen einen misstrauisch werden gegen\u00fcber der Programmarbeit des Forums, die auf Besucher*innen abzielt, die keinen \u201ebiografischen Bezug\u201c zum Schloss haben. Diese Aussage wirft Fragen auf: Welches Publikum hat keinerlei Bezug zur griechisch-r\u00f6mischen Antike, zur Renaissance oder zur Kolonialarchitektur? Und wie, in postkolonialer Hinsicht, inszeniert Deutschland eigentlich das europ\u00e4ische Projekt der Moderne? Die vier Intendant*innen des Humboldt Forums \u00fcberzeugen nicht durch ihre Bereitschaft, Wissen zu dekolonisieren, ziehen sich aus dem Entscheidungsprozess zur\u00fcck, behaupten keine Deutungshoheit zu haben und gehen von einem unwissenden Publikum aus. Die Entkopplung der Exponate vom Geb\u00e4ude stellt einen weiteren gescheiterten Versuch dar, den Zusammenfluss westlicher Interessen zu erz\u00e4hlen, ohne die kolonialistische Ideologie anzuerkennen, die indigenen V\u00f6lkern Krankheiten und Sklaverei einbrachte und afrikanische Menschen als Waren und Eigentum verschiffte.<\/p>\n<p>Der Artikel auf der Website des Forums <a href=\"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/wer-setzte-welche-zeichen\/\">\u201eWer setzt welche Zeichen \u2013 und warum?&#8220;<\/a> befasst sich mit dem goldenen Kreuz, das bei \u201evielen Menschen\u201c kontroverse Reaktionen hervorrief, die n\u00e4mlich das Kreuz \u00f6ffentlich als unmissverst\u00e4ndliches Symbol christlicher Macht anprangerten, das nicht an die Spitze des Geb\u00e4udes geh\u00f6re. Wie der Titel andeutet, werden im Text monarchische und religi\u00f6se Elemente an der Fassade aufgef\u00fchrt. Durch den Vergleich mit anderen architektonischen Elementen spielen die Autor*innen die Gr\u00f6\u00dfe, Position und offensichtliche Symbolik des goldenen Kreuzes an der Spitze eines Objekte aus der Kolonialzeit beherbergenden und ausstellenden Geb\u00e4udes herunter. Die Redakteur*innen erkl\u00e4ren, dass sie mehrere Meinungen in einem Dossier zusammengetragen haben und fassen dessen Inhalt f\u00fcr die Leser*innen zusammen. Die Debatte wird also nicht nur durch den eingeschr\u00e4nkten Zugang zu verschiedenen Meinungen, sondern auch durch \u201eDiversity\u201c-Kuratierung gelenkt. Es \u00fcberrascht nicht, dass die erste Meinung, die die Redakteur*innen auff\u00fchren, die Meinung von Theolog*innen ist, die das Kreuz \u2013 f\u00fcr Theolog*innen wenig \u00fcberraschend \u2013 als Symbol der Hoffnung und des Friedens interpretieren. Der Leitartikel kommt zu dem Schluss, dass das Kreuz f\u00fcr eine Kreuzung steht, einen \u201eBegegnungspunkt unterschiedlichster Richtungen und Positionen\u201c. Nat\u00fcrlich ist die redaktionelle Herangehensweise an das Thema ein Paradebeispiel f\u00fcr erfolglose institutionelle Instrumentalisierung von Kritik. Der R\u00fcckgriff auf eine christliche Friedensrhetorik tr\u00e4gt nicht zu den globalen Dekolonisierungsbem\u00fchungen bei, die das Forum anzuf\u00fchren behauptet.<\/p>\n<p>Dem Humboldt Forum wurde ebenfalls vorgeworfen, mit seiner Werbekampagne imperialistische Haltungen zu vertreten. Unter dem Titel \u201eMehr Humble Forum, bitte&#8220; (2) kritisierte die ZEIT ein Designb\u00fcro und das Humboldt Forum f\u00fcr seine kolonisierende Plakatkampagne. Das Plakat wurde in mehreren Varianten gestaltet, die alle auf der gleichen Design-Idee basierten: Die erste Ebene zeigte vier unterschiedlich eingef\u00e4rbt Quadranten, die zweite das quadratische Humboldt-Forum-Logo, die dritte Ebene verschmolz Bilder von vier Figuren zu einer harmonischen, menschlichen Figur entlang der Teilungsachsen. Das Bild war perfekt auf den Text abgestimmt, setzte die Unterschiede der Objekte einander gegen\u00fcber und zueinander in Kontrast, hob sie hervor und erzeugt dennoch eine gewisse Einheit. Es lenkte den Blick der Betrachter*innen auf eine aus vier verschiedenen Figuren zusammensetzte menschliche Gestalt. Aus gestalterischer Sicht war das Plakat handwerklich hervorragend. Es beachtete alle Designprinzipien: Ausgewogenheit, Hervorhebung, Dynamik, Wiedererkennbarkeit, Wiederholung, Proportion, Rhythmus, Abwechslung und Einheit. Es pr\u00e4sentierte ein faszinierendes, Neugierde weckendes Objekt. Die Autorinnen von \u201eMehr Humble \u2026\u201c vertraten jedoch die Ansicht, dass diese Bilder heilige Objekte entweihen und kulturell aneignen w\u00fcrden und so einer imperialistischen Haltung Vorschub leisten w\u00fcrden. In Bezug auf das Versprechen des Humboldt Forums, seine Praktiken zu dekolonisieren, vermittelten die Plakate keine koh\u00e4rente Botschaft au\u00dferhalb der Koordinaten des wei\u00dfen <em>First-World-Self<\/em>.<\/p>\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung des \u201eHumble\u201c-Artikels war erfolgreich. Das Humboldt Forum reagierte, indem es tat, was es mit dem Geb\u00e4ude nicht tun konnte \u2013 es zog die Plakate aus dem Verkehr und kehrte das Problem unter den Teppich. Im Online-Magazin des Forums wurden die Vorw\u00fcrfe von \u201eMehr Humble Forum, bitte!\u201c weder zur Kenntnis genommen noch angesprochen. Dieses Schweigen deutet darauf hin, dass die Autorinnen von \u201eMehr Humble\u201c zu Recht davon ausgehen, dass das Magazin des Humboldt Forums wahrscheinlich keinen Dissens zulassen und einen seine Werbekampagne kritisierenden Artikel ver\u00f6ffentlichen wird. W\u00e4hrend das Forum bestrebt ist, <a href=\"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/was-sagen-die-akteure\/\">\u201ealle Menschen zu erm\u00e4chtigen mitzugestalten&#8220;<\/a>, scheinen die Direktor*innen und Redakteur*innen des Forums nicht erm\u00e4chtigt genug, die imperialistische Wertelogik in ihrer Arbeit zu erkennen oder zu verurteilen. Anstatt die strukturelle Gewalt von Wissensproduktion aufs Neue zu beschw\u00f6ren, h\u00e4tten die vier Institutionen Offenheit produktiv nutzen und ihr Gewicht daf\u00fcr einsetzen k\u00f6nnen, eine Kultur der Empathie aufzubauen. Das Abhalten einer Pressekonferenz und das Eingest\u00e4ndnis, dass das Humboldt Forum einen Fehler gemacht hat, w\u00fcrde Transparenz und Komplexit\u00e4ten bei der Bew\u00e4ltigung der Dekolonisierungsherausforderungen vermitteln. Noch dringlicher w\u00e4re, dass die vier Institutionen ihr nachhaltiges Engagement f\u00fcr die Dekolonisierung der Kultur unter Beweis stellen, indem sie eine systematische Auswertung von Verteilungsgerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion in ihrer Ausstellungspraxis, Programmgestaltung und Markenkommunikation konzipieren und umsetzen \u2013 wovon derzeit nichts zu erkennen ist.<\/p>\n<p>In ihren Ausstellungen distanzieren sich die Museen vom Kolonialismus, indem sie beim Kontextualisieren, Katalogisieren und Beschriften ihrer Sammlungen W\u00f6rter wie \u201egestohlen\u201c, \u201egepl\u00fcndert\u201c und \u201eStrafexpeditionen\u201c verwenden. Dass das Humboldt Forum diese Technik anwendet, ist in jeder einzelnen Ausstellung sichtbar. Die Urspr\u00fcnge und Background Storys der ausgestellten Objekte sind detailliert dokumentiert und mit Informationen zu deutschen Sammlern, Milit\u00e4rs und \u201ekollaborativen K\u00f6nigreichen\u201c sowie zu Klimawandel, Gender und Racial History angereichert. Die \u00fcppig kontextualisierten R\u00e4ume bieten eine \u00fcberw\u00e4ltigende F\u00fclle an Informationen, w\u00e4hrend die Vitrinen sich an einer High-End-Version einer Industriedesign-Shopping Mall-\u00c4sthetik orientieren. Wie in vielen fr\u00fcheren Rezensionen erw\u00e4hnt, konnte die Ausstellung \u201eschrecklich sch\u00f6n, Elefant \u2013 Mensch \u2013 Elfenbein\u201c als kuratorischer Erfolg gewertet werden. Zwei Elemente unterschied sie von anderen Ausstellungen: Neben einer typischerweise \u00fcbertriebenen Multimedia-Kontextualisierung wurde in einem Ausstellungsteil ein Fahrzeug gezeigt, das mutma\u00dflich von einem gejagten Tier zerst\u00f6rt wurde, und die Toninstallation eines sterbenden Elefanten. Diese beiden Elemente machten die Ausstellung konzeptionell solide und ergreifend. Man musste die Ausstellung nicht einmal sehen oder die Erkl\u00e4rung lesen, um ihre wichtigste Aussage zu erfassen: Die menschliche Spezies t\u00f6tet Tiere und das ist falsch. Die Toninstallation erzeugte Mitgef\u00fchl, Reue und war ein Appell f\u00fcr eine gerechtere Welt. Leider zeigen die \u00fcbrigen Exponate weder die verheerenden Folgen der Eroberung f\u00fcr die kolonisierten V\u00f6lker und \u00d6kologien noch haben sie eine \u00e4hnlich starke emotionale Aussagekraft.<\/p>\n<p>Um sich in seiner Ausstellungspraxis noch weiter vom Kolonialismus zu distanzieren, ist das Forum dem j\u00fcngsten Museumstrend gefolgt, zeitgen\u00f6ssische Werke von K\u00fcnstler*innen mit erkennbarer ethnischer oder nationaler Herkunft zu erwerben und sich dadurch als zeitgem\u00e4\u00dfes \u201eUniversalmuseum\u201c dazustehen. Auf die Frage, warum zeitgen\u00f6ssische Kunst in einem ethnologischen Museum gezeigt werden sollte, antwortete einer der vier Direktor*innen, dass Museen sich <a href=\"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/moderne-kunst-hinter-barocken-fassaden\/\">\u201et\u00e4glich mit solchen Katalogisierungen auseinandersetzen m\u00fcssen&#8220;<\/a>. Doch um zeitgen\u00f6ssische Kunst zu zeigen, bedarf es mehr als nur der Katalogisierung. Es zeugt von einer gewissen Naivit\u00e4t zu behaupten, dass die Kunst &#8222;uns ermutigen wird, uns mit unserem kolonialen Erbe auseinanderzusetzen&#8220;, und gleichzeitig zu erkl\u00e4ren, dass die siegreichen Entw\u00fcrfe f\u00fcr die Treppenh\u00e4user des Geb\u00e4udes sehr erfolgreich sind, weil &#8222;die Berliner Sammlungen ihre Wurzeln in der Kunst- und Wunderkammer des Barockschlosses haben&#8220;. Alle europ\u00e4ischen Museen begannen als barocke Kunst- und Wunderkammern; die Objekte in diesen Kontext zur\u00fcckzuverwandeln, vermag dem Kolonialismus wenig entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Auch Justine Gagas Installation \u201eIndignation\u201c dient der Aneignung von Kritik. Spruchb\u00e4nder mit den Worten \u201eFundamentalisme\u201c, \u201eRacisme\u201c und \u201eCorruption\u201c an den achtzehn S\u00e4ulen aus Gaskanistern sollen <a href=\"https:\/\/www.humboldtforum.org\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/5_Zeitgenoessische-Kunst-und-Architektur.pdf\">\u201edie Auswirkungen der Kolonialzeit in der Gegenwart&#8220;<\/a> thematisieren. Das Werk \u00fcbt jedoch keine Kritik an den Humboldt-Forum-Sammlungen oder kolonialen Praktiken. Stattdessen sind die S\u00e4ulen das perfekte Paradigma des Kolonialismus: Die upgecycelten Objekte vermitteln das Stereotyp eines afrikanischen Kontinents, der von Slumbewohnern bev\u00f6lkert ist, die ihrer kulturellen Geschichte beraubt sind. Die Ausstellung best\u00e4tigt, dass die ethnografische Ann\u00e4herung an das Wissen \u00fcber &#8222;Kolonien&#8220; seit dem kolonialen Austausch keine gro\u00dfen Fortschritte gemacht hat.<\/p>\n<p>Zeitgen\u00f6ssische afrikanische Kunst in einem ethnologischen Museum zu zeigen suggeriert, dass sie im westlichen Sehens- und Wissenssystem einen geringeren Wert hat. Kunstwerke in Auftrag zu geben, die <a href=\"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/magazin\/artikel\/wider-koloniales-unrecht\/\">\u201edie unterschiedlichen Positionen und Perspektiven bei der Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte&#8220;<\/a> verdeutlichen, ist ein ebenso schwerer Fehler wie die Debatte \u00fcber das Kreuz durch <em>Gaslighting<\/em> (psychologische Manipulation) des Publikums abzuwiegeln. Dekolonisierung stellt die ethische Forderung an Museen, ihren Besucher*innen bei der Anerkennung der Folgen von Eroberung, Handel und Ausbeutung zur Seite zu stehen. Statt Kritik zu \u00fcben, haben die Museen diese bisher instrumentalisiert und so den Status quo implizit unterst\u00fctzt. Ich habe hierf\u00fcr drei aktuelle Strategien skizziert: die Verbreitung von Restitutionsgeschichten in den Massenmedien, die Nutzung von \u00d6ffentlichkeitsarbeit zur Gl\u00e4ttung von Konflikten und das \u00c4ndern der Exponatbeschriftungen. Es fehlen sich selbst reflektierende, kultursensible Ausstellungen, die das Publikum dazu anleiten sich zu fragen, inwiefern und auf welche Weise Museen an der Reproduktion der ideologischen Macht des kapitalistischen, wei\u00dfe \u00dcberlegenheit f\u00fcr sich beanspruchenden Patriarchats beteiligt sind. Es bleibt zu hoffen, dass die Dauerausstellungen fluider werden, um so die gewaltsamen Wechselwirkungen zwischen Wissen und Macht im Museum wirksam in Frage zu stellen \u2013 indem die Besucher*innen dazu aufgefordert werden, sich ihre Handlungsmacht bei der Aufrechterhaltung oder Ablehnung historischer Bedingungen bewusst zu machen, die Ausl\u00f6ser f\u00fcr planetare Krisen und neoliberal-faschistische Reaktionen sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(1) Edward W. Said. &#8222;Blind Imperial Arrogance.&#8220;<em>\u00a0Los Angeles Times<\/em>, July 20, 2003. <a href=\"https:\/\/www.latimes.com\/archives\/la-xpm-2003-jul-20-oe-said20-story.html\">https:\/\/www.latimes.com\/archives\/la-xpm-2003-jul-20-oe-said20-story.html<\/a><\/p>\n<p>(2) Teresa Koloma Beck and Priya Basil. \u201cMehr Humble Forum, bitte!\u201d Zeit Online, September 21, 2021, \u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2021-09\/humboldt-forum-ethnologisches-museum-plakatwerbung-vorurteile-kolonialisierung-historie\">www.zeit.de\/kultur\/2021-09\/humboldt-forum-ethnologisches-museum-plakatwerbung-vorurteile-kolonialisierung-historie<\/a><\/p>\n<\/div>\n                <\/div>\n            <\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t    <\/div>\n<\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"featured_media":59865,"template":"","magazine-topic":[],"magazine-format":[],"magazine-author":[1575],"class_list":["post-59818","magazine-article","type-magazine-article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","magazine-author-gorda-stan"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/59818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/magazine-article"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/59818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62230,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-article\/59818\/revisions\/62230"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/59865"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"magazine-topic","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-topic?post=59818"},{"taxonomy":"magazine-format","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-format?post=59818"},{"taxonomy":"magazine-author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humboldtforum.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/magazine-author?post=59818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}