Fünf Jahre offen

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Von Hartmut Dorgerloh, Julia von Blumenthal, Marion Ackermann und Sophie Plagemann
Herr Dorgerloh, wir feiern fünf Jahre Humboldt Forum. Was ist für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis aus diesem bisher einmaligen Projekt? Was hat sich als schwieriger erwiesen als gedacht, was als einfacher?

Hartmut Dorgerloh: Die wichtigste Erkenntnis lautet: Es funktioniert. Nach den vielen kontroversen Debatten um Konzept, Inhalte und Architektur ist es alles andere als selbstverständlich, dass sich das Humboldt Forum so erfolgreich etabliert hat. Mit rund 3,3 Millionen Besucher*innen pro Jahr ist das Humboldt Forum heute ein fester Bestandteil der Berliner Kulturlandschaft.

Besonders beeindruckt mich, wie vielfältig das Publikum das Haus nutzt und wie stark sich die Marke Humboldt Forum national und international entwickelt hat. Von Kita-Gruppen, für die wir bereits vor der regulären Öffnungszeit öffnen, über viele junge Besucher*innen bis hin zu einem hohen Anteil an Wiederkehrenden: Die Menschen haben sich diesen Ort auf ganz unterschiedliche Weise angeeignet. Dass dies so schnell gelingen würde, hätte ich nicht erwartet.

Gleichzeitig haben sich einige Herausforderungen erst im laufenden Betrieb gezeigt. Das Haus wurde zu großen Teilen am grünen Tisch geplant, und nicht alle Annahmen haben sich in der Praxis bewährt. So war ursprünglich vorgesehen, dass die meisten Besucher*innen den Eingang unter der Kuppel nutzen. Tatsächlich kommen nur etwa fünf Prozent auf diesem Weg ins Haus. Die große Mehrheit betritt das Humboldt Forum durch die Portale, was Auswirkungen auf die Besucherführung hat.

Auch die große Beliebtheit der Dachterrasse war in diesem Ausmaß nicht absehbar. Da sie erst spät in die Planung aufgenommen wurde, waren die Aufzüge bereits festgelegt. Deshalb kommt es dort bis heute häufig zu Wartezeiten.

 

Sie betonen immer, dass das Humboldt Forum „mehr als ein Museum“ sei. Was ist für Sie dieses „Mehr“?

Hartmut Dorgerloh: Das Humboldt Forum ist weit mehr als ein Museum. Es vereint nicht nur die Angebote verschiedener kultureller Partner*innen unter einem Dach, sondern versteht sich auch als internationales Programmhaus und Ort mit hoher Aufenthaltsqualität.

Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen hierher: von Gästen, die den „Ort der Wärme“ nutzen, den wir regelmäßig im Winter anbieten, bis hin zu Tourist*innen, die die Dachterrasse besuchen möchten. Andere kommen zu Konzerten, zu Veranstaltungen oder zum Wintermarkt. Diese Vielfalt macht das Haus besonders.

Unsere Stärke liegt darin, für sehr unterschiedliche Besucher*innen einen gemeinsamen Ort zu schaffen. Das Humboldt Forum soll Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Perspektiven und Interessen zusammenbringen und den Austausch fördern. Es versteht sich als Raum der Begegnung, der Gemeinsinn und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

Für mich ist genau das das Besondere am Humboldt Forum: Hier kommen unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch. Solche Orte sind heute wichtiger denn je.

 

Frau Ackermann, mehr als ein Museum, aber eben auch ein Museum: Das sind von der SPK das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst als Akteure des Humboldt Forums. Was müssen diese Museen heute leisten, um mehr als ein klassisches Museum zu sein?

Marion Ackermann: Grundsätzlich sollte heute jedes Museum mehr sein als ein Museum. Es sollte sich als Netzwerk verstehen, als Ort des Austauschs, der Zusammenarbeit und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Für das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst bedeutete der Umzug von Dahlem ins Humboldt Forum in vielerlei Hinsicht einen Neuanfang. Die Sammlungen wurden in neue Zusammenhänge gestellt, viele Kooperationen sind entstanden und haben andere Perspektiven eröffnet. Trotz der schwierigen Bedingungen während der Pandemie war das eine große Chance.

Zugleich hat sich das Verständnis von Museen weltweit verändert. Gerade die Zusammenarbeit mit internationalen Partner*innen, insbesondere in afrikanischen Ländern, hat dazu beigetragen, traditionelle, europäisch geprägte Sichtweisen zu hinterfragen und neue Formen des Austauschs zu entwickeln. Daraus haben die Museen zahlreiche Projekte und Formate entwickelt, die auf Zusammenarbeit und offene Prozesse setzen. Dazu gehören auch Formate wie die Global Cultural Assembly oder das Projekt „CoMuse: Das Kollaborative Museum“.

Das Humboldt Forum ist deshalb weit mehr als die Summe seiner Museen. Gemeinsam mit den anderen Akteuren im Haus entsteht ein Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und miteinander ins Gespräch treten. Meine Kollegin Henrietta Lidchi, seit Mai 2026 Direktorin des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, spricht in diesem Zusammenhang von einer „gemeinsamen Menschlichkeit“, die in den Mittelpunkt unserer Arbeit rücken sollte.

Letztlich geht es darum, Verbindungen zwischen Menschen herzustellen. Museen haben heute nicht nur die Aufgabe, Wissen zu bewahren und zu vermitteln, sondern auch Räume für Begegnung und Verständigung zu schaffen. Genau darin liegt ein wesentlicher Auftrag des Humboldt Forums.

 

Frau von Blumenthal, die Humboldt-Universität bringt in besonderem Maße die wissenschaftliche Perspektive in das Haus ein. Welchen Mehrwert hat die Zusammenarbeit für das Humboldt Forum und für die Humboldt-Universität?

Julia von Blumenthal: Der besondere Beitrag der Humboldt-Universität liegt in der direkten Verbindung von Forschung und gesellschaftlichem Dialog. Zu den Themen, die im Humboldt Forum verhandelt werden, können wir Perspektiven aus den Sozial-, Kultur-, Lebens- und Naturwissenschaften einbringen und aktuelle Debatten wissenschaftlich begleiten.

Gerade in einer Zeit, in der Wissenschaftsfreiheit zunehmend unter Druck gerät, halten wir es für wichtig, Wissenschaft stärker in die Öffentlichkeit zu transportieren. Das Humboldt Forum ist dafür ein idealer Ort. Mit dem Humboldt Labor betreiben wir hier einen Experimentierraum für Wissenschaftskommunikation, in dem Forschende neue Formate erproben und so verschiedene Zielgruppen erreichen können.

Ein Beispiel dafür sind Projekte, die Wissenschaft auf unerwartete und niedrigschwellige Weise vermitteln, wie etwa bei „Meet the Scientist“, kreativen Workshops oder dem Kinder-Kiez-Slam unserer Professorin für Deutschdidaktik. Solche Formate eröffnen neue Zugänge zu wissenschaftlichen Themen.

Für die Humboldt-Universität ist die Zusammenarbeit deshalb äußerst wertvoll. Sie schafft Raum für Begegnungen, Experimente und Perspektivwechsel und ermöglicht es, Wissenschaft weit über den akademischen Kontext hinaus erlebbar zu machen.

 

Frau Plagemann, das Berlin Museum zeigt im Humboldt Forum die Ausstellung BERLIN GLOBAL. Welche Themen und Formate haben hier besonders gut funktioniert, um neue oder bislang unterrepräsentierte Zielgruppen anzusprechen?

Sophie Plagemann: Als Berlin Museum verstehen wir uns als Beziehungshersteller zwischen Berlin und dem Humboldt Forum, und Brücke zwischen der Stadt und der Welt. Unser Ziel in BERLIN GLOBAL ist es, Berliner Geschichten in globale Zusammenhänge einzuordnen und für ein breites Publikum erfahrbar zu machen.

Die Ausstellung BERLIN GLOBAL erzählt die Geschichte der Stadt interaktiv, spricht besonders junge Menschen an und macht zugleich die internationalen Verflechtungen Berlins sichtbar.

Darüber hinaus entwickeln wir die Ausstellung kontinuierlich weiter. In den vergangenen fünf Jahren haben wir gemeinsam mit Vereinen, Initiativen, Künstler*innen und weiteren Akteur*innen der Stadtgesellschaft neun sogenannte Freiflächenprojekte realisiert. Dabei wurden aktuelle Fragen des urbanen Zusammenlebens aufgegriffen und gemeinsam in Ausstellungsformate übersetzt. So setzen wir unseren Anspruch um, mit der Stadtgesellschaft für die Stadtgesellschaft zu arbeiten und vielfältigen Perspektiven und Themen einen Platz im Humboldt Forum zu geben.

Besonders wichtig ist uns dabei die Nachhaltigkeit. Aus einzelnen Projekten sind langfristige Kooperationen und regelmäßige Veranstaltungsformate entstanden, etwa mit der inklusiven Kunstwerkstatt Kreuzberg. Auf diese Weise schaffen wir dauerhafte Beziehungen und machen die vielfältigen Stimmen der Stadtgesellschaft im Humboldt Forum sichtbar.

 

Frau von Blumenthal, wie gelingt der Wissenschaft hier im Humboldt Forum der Dialog mit den Bürger*innen der Stadtgesellschaft?

Julia von Blumenthal: Ein gutes Beispiel ist unsere aktuelle Ausstellung On Water. WasserWissen in Berlin, die Forschungen der gesamten Berlin University Alliance zusammenführt, also der Humboldt-Universität, der Freien Universität, der Technischen Universität und der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Dabei beschränken wir uns nicht auf die Ausstellung selbst. Ein wichtiger Teil unseres Konzepts ist es, die Themen in den Stadtraum zu tragen und direkt erfahrbar zu machen. So bieten wir etwa Wasserspaziergänge rund um die Spreeinsel an, die Fragen nachhaltiger Stadtentwicklung, öffentlicher Infrastruktur und unseres Umgangs mit Wasser aufgreifen.

Unser Ziel ist es, Wissenschaft niedrigschwellig und lebensnah zu vermitteln. Wir möchten Menschen dort erreichen, wo sie sich bewegen, und sie zum Mitdenken und Mitdiskutieren einladen. Gerade auf diese Weise kommen wir mit Menschen ins Gespräch, die vermutlich keinen klassischen wissenschaftlichen Vortrag besuchen würden.

Die positiven Rückmeldungen zeigen, dass durch unsere Formate Wissenschaft nahbar wird und neue Zielgruppen erschlossen werden. Genau darin sehen wir eine wichtige Aufgabe des Humboldt Forums: Wissenschaft in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen.

 

Herr Dorgerloh, die kollaborative Zusammenarbeit mit internationalen Partner*innen und Communitys liegt in der DNA des Humboldt Forums. Wo steht das Haus heute bei diesem Thema? Was wurde erreicht?

Hartmut Dorgerloh: Kooperation und Kollaboration gehören zum Selbstverständnis des Humboldt Forums. Wir arbeiten praktisch nie allein, sondern gemeinsam mit nationalen und internationalen Partner*innen aus Kultur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Ko-Kuration, Dialog und gemeinsames Lernen prägen unsere Arbeit.

Das zeigt sich in unterschiedlichen Projekten: Wir laden etwa Chöre aus der Stadt ein, die an einem Wochenende das gesamte Haus mit Musik erfüllen, oder entwickeln gemeinsam mit dem National Museum of Tanzania und dem Ethnologischen Museum Ausstellungen zur Geschichte Tansanias. Auch Formate wie die Transkontinentale oder das Resident Music Collective entstehen in enger Zusammenarbeit mit internationalen Akteur*innen aus Film, Performance und Musik.

Das Humboldt Forum versteht sich als demokratischer Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven und Lebensrealitäten sichtbar werden und miteinander ins Gespräch kommen. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit einem breiten Publikum zugänglich zu machen, ist ein Kernprinzip des Hauses.

Gleichzeitig erleben wir, dass das Humboldt Forum international große Wertschätzung genießt. Viele unserer Partner*innen sehen es als bedeutenden Ort, an dem ihre Themen und Geschichten sichtbar werden. Auch jüngere Besucher*innen nutzen das Haus als Lernort für Fragen von Kolonialismus, globalen Verflechtungen und gesellschaftlichem Wandel. Zugleich spielt die Architektur eine größere Rolle, als wir zunächst erwartet hatten: In sozialen Medien wird das Humboldt Forum von vielen jungen Menschen auch als visuell attraktiver Ort wahrgenommen. Das zeigt, dass es ganz unterschiedliche Zugänge zu diesem Haus geben kann, die nebeneinander bestehen.

Unsere internationale Zusammenarbeit zeigt immer wieder, dass Geschichte und Kultur aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Genau dieser Austausch verschiedener Sichtweisen ist für uns ein großer Gewinn und ein wesentlicher Teil dessen, was das Humboldt Forum ausmacht.

 

Frau Ackermann, wie haben die Diskurse um Provenienz und Restitution die Ausstellungsarbeit konkret verändert?

Marion Ackermann: Das Humboldt Forum hatte durch seine hohe nationale und internationale Sichtbarkeit einen Booster-Effekt, es hat die Debatten über Provenienzforschung und Restitution beschleunigt und stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das war wichtig, denn diese Themen betreffen die grundlegende Verantwortung von Museen im Umgang mit ihren Sammlungen.

In den vergangenen Jahren haben wir dabei viele Erfahrungen gesammelt und viel gelernt. Ein entscheidender Punkt: Mit einer Restitution endet ein Prozess nicht, vielmehr beginnt oft ein neuer. Die Rückgabe von Objekten eröffnet die Möglichkeit weiterer Zusammenarbeit, gemeinsamer Forschung und neuen Formen kultureller Partnerschaft. Das zeigt sich beispielsweise bei den „Benin-Bronzen“, wo wir mit den unterschiedlichen Akteur*innen in Nigeria sowohl auf fachlicher Ebene als auch im kulturdiplomatischen Austausch neue gemeinsame Wege suchen.

Wir haben auch gelernt, wie wichtig Transparenz ist – für uns mittlerweile ein zentrales Prinzip. Es geht darum, Bestände sichtbar zu machen, ihre Herkunft nachvollziehbar zu dokumentieren und Zugänglichkeit zu ermöglichen. Auch der Umgang mit „Human Remains“ ist ein anderer als noch vor 10 Jahren, wir wissen, wie wichtig Re-Humanisierung ist.

Vor diesem Hintergrund widmet sich das Humboldt Forum in den kommenden Jahren dem Thema Eigentum und Erbe. Dabei wollen wir Fragen von Herkunft, Besitz, Verantwortung und kulturellem Erbe aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Denn mittlerweile ist deutlich geworden, dass Restitution nur eine von mehreren möglichen Antworten sein kann. Oft stehen Kooperation, gemeinsames Forschen oder geteilte Verantwortung im Mittelpunkt. Insgesamt verstehen wir diese Themen heute deutlich differenzierter und vielschichtiger als noch vor einigen Jahren.

 

Frau Plagemann, wir haben viel auf die vergangenen fünf Jahre geblickt. Richten wir den Blick nach vorn: Wie lange wird BERLIN GLOBAL noch im Humboldt Forum zu sehen sein, und gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Sophie Plagemann: Nach unserer derzeitigen Planung wird BERLIN GLOBAL als Eröffnungsausstellung des Landes Berlin noch bis Anfang 2028 im Humboldt Forum zu sehen sein. Das gibt uns die Möglichkeit, die Ausstellung über einen längeren Zeitraum weiterzuentwickeln und uns anschließend stärker auf den neuen Standort des Berlin Museums am Köllnischen Park mit dem Märkischen Museum und dem Marinehaus zu konzentrieren.

Bis dahin haben wir noch einiges vor. Besonders freuen wir uns auf die künftigen Jahresthemen des Humboldt Forums, die zeigen, wie produktiv die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteur*innen im Haus sein kann.

Für das kommende Thema Eigentum und Erbe planen wir unter anderem eine Film- und Diskussionsreihe. Dabei wollen wir Fragen von Erinnerungskultur und historischem Erbe anhand von Dokumentarfilmen und Gesprächen beleuchten. Im Mittelpunkt stehen dabei Themen wie das NS- und das DDR-Erbe sowie ihre Bedeutung für die Gegenwart. Unser Ziel ist es, den Dialog über die Geschichte Berlins und ihre Auswirkungen bis heute weiterzuführen.

 

Herr Dorgerloh, es gibt verschiedene Ideen für die künftige Nutzung der Berlin-Flächen im Humboldt Forum. Was wäre aus Ihrer Sicht das überzeugendste Konzept?

Hartmut Dorgerloh: Dafür gibt es bei uns einen einfachen Grundsatz: „Don’t talk about us without us – otherwise it’s against us.“ Das gilt auch für die Debatten über das Humboldt Forum. Wir verfolgen die zahlreichen Ideen und Vorschläge zur Zukunft des Hauses mit Interesse. Zugleich sind wir überzeugt, dass diese Diskussion gemeinsam mit den Partner*innen geführt werden sollte, die Verantwortung für diesen Ort tragen.

Nach fünf Jahren verfügen wir über wertvolle Erfahrungen mit unserem Publikum, mit internationalen Partner*innen und mit den unterschiedlichen Akteurinnen im Haus. Sie zeigen, dass das Humboldt Forum immer dann besonders erfolgreich ist, wenn die Kernidee eines Forums einlöst: ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Vielfalt zu sein.

Aus meiner Sicht geht es deshalb weniger darum, zusätzliche Sammlungspräsentationen zu schaffen. Wichtiger ist es, die Zusammenarbeit zwischen den Partner*innen weiter auszubauen und das Humboldt Forum noch stärker als Raum für Dialog und unterschiedliche Perspektiven zu profilieren.

Welche Nutzung die Berliner Flächen künftig erhalten, entscheidet das Land Berlin. Wir werden unsere Erfahrungen in diese Diskussion einbringen und sind offen für verschiedene Entwicklungen. Entscheidend ist, dass sie die besondere Idee des Humboldt Forums als Ort des Austauschs und der Begegnung stärken.

Marion Ackermann: Uns ist ein Konzept der Verdichtung und damit auch der Intensivierung wichtig, und zu überdenken, wie wir die Themen des Museums Europäischer Kulturen, das in Dahlem ausstellt, integrieren können. Die europäische Perspektive sollte nicht separiert sein. Gerade an den Bruchstellen der Kontinente und Kulturen ereignet sich unglaublich viel.

 

Herr Dorgerloh, die Hausleitungen haben zum fünften Jubiläum ein aktualisiertes Leitbildverständnis verabschiedet. Warum war das notwendig und worin unterscheidet es sich vom vorherigen?

Hartmut Dorgerloh: Die Aktualisierung war wichtig, weil sich das Humboldt Forum in den vergangenen fünf Jahren weiterentwickelt hat. Hinzu kommt, dass ich inzwischen als Einziger noch zu denjenigen gehöre, die vor fünf Jahren das erste gemeinsame Selbstverständnis formuliert haben. Deshalb war es wichtig, mit den Kolleginnen noch einmal intensiv darüber zu sprechen, welche Ziele uns heute verbinden und welches gemeinsame Verständnis wir von diesem Ort haben.

Mit den Erfahrungen aus dem täglichen Betrieb, den Begegnungen mit unserem Publikum und der Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partner*innen hat sich dieses Verständnis weiter geschärft. Das neue Leitbild ist deshalb keine grundsätzliche Neuausrichtung. Es baut auf den bisherigen Überzeugungen auf, präzisiert sie jedoch und reagiert auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören Entwicklungen in der Museums- und Wissenschaftslandschaft ebenso wie aktuelle politische und gesellschaftliche Herausforderungen.

Besonders wichtig war uns, das Humboldt Forum noch klarer als einen Ort des demokratischen Miteinanders zu beschreiben. Kunst-, Wissenschafts- und Meinungsfreiheit bilden dafür eine zentrale Grundlage. Zugleich verstehen wir das Haus als Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, kontroverse Fragen diskutiert und gesellschaftliche Debatten offen geführt werden können.

Das aktualisierte Leitbild spiegelt damit wider, was wir in den vergangenen Jahren gelernt haben, und beschreibt, wofür das Humboldt Forum heute steht: für Austausch, Vielfalt und den respektvollen Dialog in einer offenen Gesellschaft.

 

Ein Blick in die nahe Zukunft und in die etwas fernere: Was ist zum fünften Jubiläum geplant, und worauf können wir uns im zweiten Halbjahr 2026 besonders freuen?

Hartmut Dorgerloh: Das fünfte Jubiläum feiern wir mit fünf besonderen Angeboten für unser Publikum. Alle Partner*innen beteiligen sich mit eigenen Programmen – von Aktionstagen und Konzerten bis hin zu besonderen Formaten in den Ausstellungen. Dazu gehören auch beliebte Blicke hinter die Kulissen, die Einblicke in den Betrieb dieses technisch komplexen Hauses ermöglichen und die Arbeit der vielen Mitarbeitenden sichtbar machen, die das Humboldt Forum tragen.

Im Mittelpunkt des zweiten Halbjahrs 2026 steht dann das neue gemeinsame Schwerpunktthema Mein, Dein, Unser!?. Über zwei Jahre hinweg werden wir uns mit Fragen von Eigentum, Erbe, Verantwortung und Zugehörigkeit beschäftigen – Themen, die weit über den Kulturbereich hinausreichen und alle Partner*innen im Haus verbinden.

Gemeinsam mit dem Käte Hamburger Kolleg „Heritage in Transformation“ (inherit), dem Goethe-Institut und internationalen Partner*innen aus verschiedenen Weltregionen bringen wir globale Perspektiven in die Diskussion ein. Dabei geht es um Fragen wie: Wem gehört die Stadt? Wem gehören Ressourcen, Traditionen oder kulturelles Erbe?

Eine wichtige Rolle wird dabei die zeitgenössische Kunst spielen. Den Auftakt bilden mehrere internationale Ausstellungen und Projekte, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Einen ersten Vorgeschmack liefert bereits die Ausstellung AGUA – Kunst und Kosmologien des Wassers, die im November eröffnet und zugleich den Bogen zum neuen Jahresthema schlägt.

So wird sich das Humboldt Forum in den kommenden Jahren mit einer der zentralen Fragen unserer Zeit beschäftigen: Wie gehen wir mit dem um, was wir besitzen, nutzen, teilen, bewahren oder an kommende Generationen weitergeben möchten?

Pressegespräch (leicht gekürzte Fassung) zum Start der Jubiläums „Fünf Jahre offen“ am 24. Juni 2026, Moderation: Nina Mayrhofer, Pressesprecherin der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Authors
Hartmut Dorgerloh

Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh ist Kunsthistoriker und Archäologe und seit dem 1. Juni 2018 Generalintendant des Humboldt Forums und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss.

Julia von Blumenthal

Prof. Dr. Julia von Blumenthal ist Politikwissenschaftlerin und seit dem 1. Oktober 2022 Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin.

Marion Ackermann

Prof. Dr. Marion Ackermann ist Kunsthistorikerin und seit dem 1. Juni 2025 Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der das Ethnologische Museum und Museum für Asiatische Kunst gehören.

Sophie Plagemann

Sophie Plagemann ist Kuratorin und Kulturmanagerin und seit dem 1. September 2024 künstlerische Direktorin des Berlin Museums und Vorständin der Stiftung Stadtmuseum Berlin.