Das Kreuz in meinem Entwurf

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Das Kreuz in meinem Entwurf

Das Wettbewerbsprogramm sah zunächst nur eine Wiederherstellung des Kuppelvolumens vor. Die originalgetreue Rekonstruktion ihrer Fassade war eine Option, die aber nicht verbindlich vorgegeben war. In den unterschiedlichen Wettbewerbsbeiträgen von 2008 fand man entweder eine moderne Kuppel ohne Kreuz oder die originalgetreu rekonstruierte Kuppel mit Kreuz – so auch in meinem Entwurf. Der Wettbewerbsgewinn war fast zehn Jahre vergangen und die Kuppel im Rohbau schon erstellt, als erste Einwände gegen eine Rückkehr des Kreuzes an seinen Ursprungsort öffentlich wurden.

Das Kreuz auf der Schlosskuppel

Vielleicht hätte sich die Debatte um das Kreuz überhaupt nicht entzündet, wenn der Bau keine Rekonstruktion, sondern ein historisches Original gewesen wäre. Denn das Entfernen eines symbolischen Zeichens von einem religiösen Gebäude – sei es das Kreuz aus einer Kirche, sei es der Halbmond aus einer Moschee oder der Davidstern aus einer Synagoge – würde in einer demokratisch- pluralistische Gesellschaft immer als unwürdiger Akt empfunden werden.

Ein Akt, der meines Erachtens auch im Fall einer Umnutzung des Gebäudes – zum Beispiel von einer Kirche in einen Ausstellungsraum – nicht zu rechtfertigen wäre.

In der Geschichte des Kirchenbaus sind Kuppel und Kreuz immer als Einheit zu finden; eine Kuppel ohne ein Kreuz spräche nicht mehr für eine Kirche, sondern nur noch für einen Tempel, wie im Fall des altrömischen Pantheons, oder für einen Profanbau, dessen erstes, sehr berühmtes Beispiel Palladios Villa “La Rotonda” ist. Ich denke, dass mit dem Verlust des Kreuzes auch das Verständnis der ursprünglichen Nutzung und historischen Bedeutung der Kuppel verloren ginge. Ohne Kreuz könnte die Kuppel uns über seine Geschichte sogar Falsches erzählen. Und die Inschrift um die Kuppel verstärkt unser Wissen über die staatlich-formale Beziehung der preußischen Könige zum Christentum.

Dem wiederholt vorgetragenen Einspruch, dass die ursprüngliche Errichtung von Kuppel und Kreuz als “reaktionäres Signal“ im Sinne einer königlichen Danksagung für die gottgelenkte Niederschlagung der Revolution von 1848 zu verstehen gewesen sei, bin ich an anderer Stelle bereits entgegengetreten.

Die Schlosskuppel sollte nicht in die reiche Tradition derjenigen Kirchen eingereiht werden, die im Dank an Gott für die Beendigung einer lebensbedrohenden Gefahr, insbesondere der Pestausbrüche des Sechszehnten und Siebzehnten Jahrhunderts, gebaut wurden. Einen Kuppelentwurf mit Kreuz gab es bereits in Eosanders Planung, wie auch anderthalb Jahrhunderte später, im Entwurf Stülers, der sich zur Zeit der Aufstände in 1848 bereits kurz vor der baulichen Vollendung befand. Die zeitliche Einordnung ist einem uns überlieferten Gemälde ganz eindeutig zu entnehmen.

Allgemein, so scheint es mir, würden die Gegner einer Rückkehr des Kreuzes nur eine den politisch-architektonischen Idealen unserer Zeit angepasste Rekonstruktion akzeptieren.

Dagegen steht jedoch – in einer schwer zu versöhnenden Beziehung – die Idee einer Rekonstruktion der Architektur, die für das Erlernen und Erinnern der Geschichte “wie sie war” steht, und nicht wie wir sie heute gerne hätten.

Autor*in
Foto von Franco Stella
Franco Stella

Der Architekt Prof. Franco Stella gewann 2008 den Wettbewerb um den Wiederaufbau des Humboldt Forums im Berliner Schloss. Seit 1990 unterrichtet er an der Universität Genua. Zudem führt er ein Architekturbüro in Vicenza.