Die Wahrheit der Anderen

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Davidstern, Kreuz, Halbmond – mit diesen drei Symbolen verbindet jeder etwas. Aber jeder etwas anderes. Mit diesen Zeichen werden die monotheistischen Religionen vermeintlich auf einen Nenner gebracht. Doch es ist ein unmögliches Unterfangen, denn die Glaubensgemeinschaften sind nicht einmal innerhalb ihrer Gemeinden einer Meinung.

Und eigentlich sind es auch nicht einmal originär religiöse Symbole. Der in sich verwobene Stern aus zwei Dreiecken wurde im Laufe der Jahrhunderte von vielen Kulturen belegt, bis die Nationalsozialisten ihn für ihre Zwecke missbrauchten und er später erstarkt seinen Platz auf der Flagge Israels fand – auch hier übrigens nicht ohne heftige Diskussionen. Religiös gesehen ist die Menora ein sehr viel eindeutiger zuzuordnendes Symbol des Judentums. Auch der Halbmond fand seine Verbreitung insbesondere auf der Flagge des Osmanischen Reiches – ein sunnitisch geführter Staat. In der islamischen Bildsprache dominiert dagegen die Kalligraphie.

Es sind die Allianzen, die sich zwischen den Machthabern und der jeweiligen Religion schmieden, die diese Symbole verbreiten. Diente der Fisch noch als geheimes Erkennungszeichen unter Christen, stand das Kreuz für den theologischen Inhalt ihrer Religion. Nächstenliebe und Demut wird vielleicht ein gläubiger Christ sagen, das Sterben und das Leid von Jesus Christus; für viele Nicht- Christen verbindet sich mit diesem das Leid, das im Namen oder unter den Augen der Kirche geschehen ist. Aber es ist nicht nur der persönliche Bezug, den wir sofort herstellen, der räumliche ist ein ebenso entscheidender. Der Davidstern in der Synagoge nimmt Bezug auf die jüdische Geschichte, im säkularen Kontext steht er zumeist für den Staat Israel. Wir schlussfolgern vom Kontext des Symbols auf seine Bedeutung. Religiöse Symbole setzen Akzente. Sie erwecken eine Vorstellung von dem, was oder wer sich dort aufhält, wer erwünscht ist. Wer seinen Horizont zu öffnen bereit ist, wer in einen ebenbürtigen, respektvollen Dialog mit den anderen treten möchte, muss mit den Worten Navid Kermanis der Wahrheit des Anderen Raum geben.

Das House of One ist ein solcher Raum. Es ermöglicht eine zwanglose Begegnung und bietet Rückzugssphären. Das Konzept beinhaltet einen in keiner Weise geprägten, die restlichen Bereiche verbindenden Begegnungsort, fern von jeglicher religiöser Symbolik. So wie das Gebäude auch in seiner äußerlichen Erscheinung keinen Einfluss auf die Werte des Ankommenden nimmt. Es ist der öffentliche Raum – Plätze und Gebäude – der uns Möglichkeiten bietet, zu denen jeder ungefragt Zutritt erhält, sich seiner Ebenbürtigkeit sicher sein kann. Die Stadtarchitektur prägt unser Denken und Handeln, setzt Zeichen nach außen. Sie legt das sichtbare Fundament zur Demokratie. Wer ist „wir“, wer sind „die anderen“ – das soll ein offener, demokratischer Raum nicht belegen. Gebäude, deren Zweck es ist, der Gesellschaft als Ganzes zu dienen, brauchen auch in ihrer Erscheinungsform die Offenheit, die religiöse Symbole widerlegen. Das House of One ist der Religion gewidmet. Aber nicht zum Selbstzweck. Es sucht den Dialog, oder besser: den Austausch. Die Wahrheit des Anderen. Wir selber bestimmen das „wir“, worüber wir uns definieren. Wir sind eine pluralistische Gesellschaft, das ist um so viel spannender als Uniformität. Aber nur der, der sich auf den anderen einlässt, wird ihn kennenlernen – und auch selbst wahrgenommen werden. Symbole werden von einer Gruppe geprägt und kennzeichnen unsere Zugehörigkeit. Jeder weiß, ob er sich angesprochen fühlen kann. Fügte ich mehrere verschiedene Symbole zusammen, hätte ich bestenfalls meine Gruppe vergrößert. Eine Einladung an alle unter Respektierung ihrer Zugehörigkeit bliebe aus. Symbole engen uns ein. Das House of One ist ein Sakralbau. Eine Möglichkeit, verschiedene Perspektiven der Weltanschauungen kennenzulernen und dabei selbst in seiner eigenen wahrgenommen zu werden. Und verzichtet gerade deshalb auf religiös geprägte Symbole.

Von Neugier und Wissensdurst getriebene Menschen wie Humboldt haben es uns vorgemacht: Beobachten, Gedanken machen, Erkenntnisse sammeln – nicht aufhören, den eigenen Horizont zu erweitern, ohne sich auf den bereits vorhandenen Denkmustern auszuruhen. Da wir bereits als Kinder der Globalisierung jeden Winkel der Erde zu kennen glauben, können wir uns wieder der unmittelbaren Umgebung widmen. Wahrscheinlich finden wir hier das Unbekannte: die Menschen, mit denen wir leben. Sie gehören nicht einfach zu den Symbolen, die wir ihnen zuschreiben, Davidstern, Kreuz und Halbmond. Die Diversität innerhalb der Religionen ist unfassbar weit und schön. Wir lesen die Tora jedes Jahr von Neuem und werden niemals aufhören, für uns persönlich Neues zu entdecken. Wer fest in seiner Tradition steht, kann sich in die empathische Welt der anderen begeben. Er wird das Verbindende und das Trennende finden. Beides brauchen wir. In einem gemeinsamen Haus am Petriplatz wird das Licht jeden Raum erfüllen. Symbolisch kommt es von oben. Aber hier unten sind es wir, die letztendlich den Raum mit Leben füllen.

Autor*in
Foto von Esther Hirsch
Esther Hirsch

Esther Hirsch wurde 1970 in Berlin geboren. Sie ist eine von drei theologischen Referentinnen im House of One und Kantorin in der Synagoge Sukkat Schalom.