Zwischen Idealisierung und Kritik

6 Min. Lesezeit

Gegen Ende seines langen Lebens, im Oktober 1854, fasste Alexander von Humboldt in einem Brief an seinen Herausgeber Johann Georg von Cotta zusammen, was er für seine bedeutendsten wissenschaftlichen Verdienste hielt: die „Geographie der Pflanzen und das damit verbundene Naturgemälde der Tropen, die Theorie der isothermen Linien und die Beobachtungen über den Erdmagnetismus“. Aus heutiger Sicht, mit Blick auf die weltweite Aufmerksamkeit, die dem preußischen Forschungsreisenden noch immer zukommt, ist das eine sehr bescheidene Haltung. Es stellt sich daher die Frage, welche Bedeutung Humboldt heutzutage für uns hat und worin sein wichtigster Beitrag zur Wissenschaft, zur gesellschaftlichen Entwicklung sowie zum geistigen Fortschritt seiner Zeit bestand. Eines der zentralen Anliegen anlässlich der Feier seines 250. Geburtstages in diesem Jahr ist es somit, nicht nur den historischen Humboldt besser kennenzulernen, sondern auch seine Bedeutung für die Herausforderungen der heutigen Zeit klarer zu definieren.

Interpretationen weltweit

Das facettenreiche Leben des kosmopolitischen Gelehrten, seine vielschichtigen Interessen sowie seine tiefgründigen Kommentare zu Gegebenheiten seiner Zeit bieten die Grundlage für sehr unterschiedliche Blicke auf seine Person und sein Werk. Es sind andere Aspekte, die uns in Deutschland im Hinblick auf unseren berühmten Landsmann beschäftigen, als etwa in Frankreich oder Spanien; und die Sicht auf Humboldt in Lateinamerika ist wiederum eine andere als in den Vereinigten Staaten. Zudem haben sich die unterschiedlichen Interpretationen auch im Laufe der Geschichte verändert und an den jeweiligen Zeitgeist angepasst.

Während Humboldt in Deutschland heute gerne als Gallionsfigur der Umweltbewegung gesehen wird, ebenso als Pionier des international vernetzten wissenschaftlichen Arbeitens oder als Inspiration für den vorurteilsfreien interkulturellen Austausch, hat eine für das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) durchgeführte Studie in Bezug auf Lateinamerika einen anderen Blick auf ihn offenbart. Hier sind es vor allem seine offene Kritik des Kolonialsystems, sein Aufzeigen eines Weges zur wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Modernisierung des Kontinents sowie sein transdisziplinärer Ansatz, der Geistes- und Naturwissenschaften mit gesellschaftlichem Engagement verbindet, die des Erinnerns wert sind.

Besonders geschätzt wird auch seine Begeisterung für die amerikanische Natur, seine positive sowie optimistische Sicht auf die „Neue Welt“ sowie seine Aufwertung prähispanischer Kulturen. In den Vereinigten Staaten wird an dieser Stelle gerne seine Verbindung zum Präsidenten Jefferson sowie zu anderen Founding Fathers genannt, wobei Humboldt gerne mit den Idealen der Gründungsphase der Nation assoziiert wird – ein Bezug, den auch er selbst hergestellt hat. Auch sein vehementer Einsatz gegen die Sklaverei sowie seine Begeisterung für die Umsetzung der Werte der Aufklärung in der jungen Demokratie werden hier positiv vermerkt.

Kritische Stimmen

Jedoch gibt es in beiden Teilen Amerikas auch kritische Stimmen: Es ist vor allem die Einbindung Humboldts in die Interessen der spanischen Krone, die negativ bewertet wird – besonders seine Expertise im Bereich des Bergbaus, die ihn als Teil des kolonialen Ausbeutungsprogrammes erscheinen lässt. Zudem wird ihm vorgeworfen, sich nicht genügend Gedanken über die Auswirkungen der von ihm weitergegebenen Information im politischen Kontext gemacht zu haben, insbesondere was die Weitergabe von geografischem und statistischem Wissen an die Regierung der USA betrifft.

Gelegentlich wird auch der Vorwurf laut, dass seine Zusammenarbeit mit der lokalen Wissenschaft sowie die erhaltene Hilfestellung und das Wissen der indigenen Kulturen nicht genügend Beachtung bei der Bewertung seines Verdienstes fände. Auch in den Vereinigten Staaten hat vor allem die Tatsache, dass Humboldt die kolonialen Strukturen des spanischen Kolonialreiches für seine Expeditionsreise nutzte, zu einer kritischen Haltung geführt.

Ideen verbinden

Wie entstehen diese unterschiedlichen Sichtweisen? Zum Teil ist dies sicherlich dem Umstand geschuldet, dass im Gegensatz zu anderen herausragenden Naturforschern oder bekannten Entdeckungsreisenden Humboldt nicht für eine bestimmte Theorie oder eine konkrete Entdeckung steht. Seine bedeutenden Leistungen waren allumfassend: Über jegliche Grenzen von Wissensgebieten, aber auch geografischer Regionen und historischer Epochen hinweg stellte er Bezüge her.

Wie schon sein Bruder Wilhelm im Jahr 1793 bemerkte, war es seine Stärke, Ideen zu verbinden und „Ketten von Dingen zu erblicken“, mit der „ungeheuren Tiefe des Denkens“, seinem „unerreichbaren Scharfblick“, und der „Schnelligkeit der Kombination“, die sich bei ihm mit „eisernem Fleiß, ausgebreiteter Gelehrsamkeit und unbegrenztem Forschergeist“ verband. Mit diesen besonderen Fähigkeiten war Humboldt nicht nur als Naturwissenschaftler, Expeditionsreisender und Schriftsteller tätig, sondern auch als Geschichtsschreiber, Diplomat, Wissenschaftsmanager, Künstler und sogar als Mäzen.

Bei dieser Bandbreite an möglichen Bezügen hängt die Bedeutung, die wir ihm zusprechen, natürlich stark davon ab, was eigentlich genau wir in ihm suchen. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart sind es unterschiedliche Themen, die die Leute bewegen, welche jeweils einen merklichen Einfluss auf die Bedeutung haben, die wir ihm beimessen. Zudem bedingen sich diese unterschiedlichen Sichtweisen auch gegenseitig: alles ist miteinander verbunden, nicht nur in Humboldts Werk, sondern auch in der internationalen Wahrnehmung seiner Person. Je mehr er im 19. Jahrhundert von den neu entstandenen Nationen Amerikas zum geistigen Anführer der Unabhängigkeitsbewegung stilisiert wurde, desto mehr überdeckte seine liberale politische Haltung in Madrid seine wissenschaftlichen Verdienste.

Postkoloniale Konstruktion?

Je mehr wir heute Humboldt als ersten Netzwerker, ersten Visionär des Globalismus oder ersten Klimaschützer bezeichnen, dabei aber Zeitgenossen ausblenden, die sich damals bereits mit denselben Themen beschäftigt haben, desto stärker werden Gegenstimmen auch und gerade in Amerika laut. Diese weisen darauf hin, dass der Mythos von Humboldt als „einsames Genie“ lediglich eine postkoloniale Konstruktion ist, die jeglicher Grundlage entbehrt. Dieser Diskussion einer adäquateren Sichtweise, die auf Humboldts kontinuierliche Bezugnahme auf hispanoamerikanische Wissensbestände seiner Zeit eingeht, war beispielsweise im August 2019 in Quito eine Tagung mit dem Titel The Invention of Humboldt gewidmet.

Auch andere wissenschaftliche Konferenzen auf beiden Seiten des Atlantiks wollen zu einer Revision dieses idealisierten Humboldtbildes beitragen und auf seine Einbettung in die zeitgenössischen Wissensstrukturen sowie den praktizierten transatlantischen Informationsaustausch hinweisen. Dies ist durchaus als positiv zu bewerten, denn so fördert die Beschäftigung mit Humboldt nicht nur die interkulturelle Kommunikation, sondern auch den konstruktiven Austausch zwischen den unterschiedlichen Sichtweisen. Es ist ein vielversprechender Ansatz, zumal sich die genannte Kritik zum Teil eher an unseren Rezeptionsweisen entfacht, als dass sie auf die Person Humboldts selbst zielt.

Autor*in
Sandra Rebok

Sandra Rebok ist Wissenschaftshistorikerin. Sie hat über viele Jahre im Spanish National Research Council in Madrid gearbeitet und zahlreiche Bücher und Aufsätze zu Alexander von Humboldt verfasst.