Dieser Artikel ist Teil des Features „… eine Welt, in der Kolonialität nicht mehr möglich ist.

Editorial

4 Min Lesezeit

David Blankenstein, Michael Dieminger, Ibou Diop, Michael Mathis und Amel Ouaissa

In Zukunft werden in diesem neu entstandenen Raum im Herzen Berlins, dem Humboldt Forum, Menschen aufeinandertreffen, Debatten geführt und Bilder öffentlichen Lebens entstehen. Dies wird auch unter dem Eindruck der Form und Symbolik des Gebäudes geschehen. Mit seiner Architektur, seiner Benennung nach den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt sowie den im Humboldt Forum künftig ausgestellten Objekten aus sämtlichen Kontinenten treten verschiedene Geschichten miteinander in Beziehung: Geschichten von Macht und Wissen, Bildung und Kultur als Teil der Stadt und als Teil der Welt, der proklamierten Weltoffenheit seiner Namensgeber, Geschichten der Kulturen, die unter seinem Dach versammelt sind sowie die ihrer Zeugnisse und derer Wege dorthin. Diese Geschichten verbinden das Humboldt Forum auch mit Unrecht und Schmerz, die durch preußische, deutsche und europäische Machtausübung Menschen weltweit über Jahrhunderte hinweg zugefügt wurden und die bis heute präsent sind. Das Humboldt Forum ist so nicht nur ein Symbol der Macht, es ist auch eines der Ohnmacht, eines des Verlusts der Hoheit über den eigenen Körper, das eigene Leben, die eigene Vergangenheit.

Kolonialismus und Kolonialität

Die rekonstruierten Fassaden der einstigen Hohenzollernresidenz stehen also nicht nur für eine architektonische und städtebauliche Leistung. Sie erinnern an die historischen Bedingungen des Reichtums, untrennbar verbunden mit einer seiner Quellen, der Ausbeutung von Kolonien und den in ihnen lebenden Menschen. Die Geschichte der ehemaligen Machthaber an diesem Ort ist auch die von kolonialer Herrschaft, von Genoziden wie dem an den Herero und Nama, dem Handel mit versklavten Schwarzen Menschen, auch die von global agierenden Handelsreisenden und bewaffneten Milizen, Missionar*innen des christlichen Glaubens, Forscher*innen und Kunsträuber*innen.

Die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst sowie die der Humboldt Universität haben Ursprünge in kolonialer Zeit und beruhen auf kolonialen Praktiken des Sammelns und der Produktion und Verbreitung von Wissen. Die Objekte aus diesen Sammlungen, die in den Ausstellungen des Humboldt Forums präsentiert werden, sind nicht nur Zeugnisse von Kulturgeschichte in vielen Regionen der Welt, sondern auch Zeichen kolonialer Kontinuitäten. Ein erheblicher Teil der Objekte wurde von europäischen Reisenden, Missionar*innen, Kolonialverwaltern und Militärs mit der Macht ihrer Autorität oder mit physischer Gewalt ihren Besitzenden entwendet, in ungleichen Handelsbeziehungen erworben, unter Missachtung ihrer sozialen Funktionen und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen entfernt, oder in Raubgrabungen aus der Erde geholt. Basierend auf kolonialen und rassistischen Denkmustern wurden sie mit Fremdzuschreibungen versehen, deren Macht auch heute noch die Vorstellungen von Leben und Kultur der Menschen prägt, denen die Objekte gehörten. Diese Zeichen der Kolonialität wird das Humboldt Forum so leicht nicht loswerden.

Werden

Das Feature … eine Welt, in der Kolonialität nicht mehr möglich ist.“ soll ein Bewusstsein schaffen für Strukturen der Kolonialität, die im Humboldt Forum und seinen gesellschaftlichen Bezügen präsent sind, und Wege suchen, diese zu verändern. Die kontinuierliche Erweiterung des Features ist als Prozess zu verstehen, in dem ein Augenmerk auf die fortdauernden Traumata und Verletzungen gerichtet wird, die der Kolonialismus in den Gesellschaften der Gegenwart verursacht. Dabei gilt es die Paradoxien anzunehmen, die das Humboldt Forum ausmachen: Etwa die, ein Ort zu sein, an dem die Welt präsent ist, und von dem sich viele Menschen nicht repräsentiert sehen können.

Die Utopie einer Welt, in der Kolonialität nicht mehr möglich ist, erwächst aus der gemeinsamen Verständigung über die Bedingungen der Gegenwart, in der die (Un)Abhängigkeiten der Sichtweisen und Strukturen sichtbar und eine Welt in Bewegung wahrnehmbar werden. Für das Humboldt Forum leitet sich hieraus der Auftrag ab, in einem kontinuierlichen und zunehmend kollektiven Prozess zu einem Ort zu werden, der sich seiner eigenen Verwobenheit in globale Verflechtungen stellt. Ein Ort, der Raum für Auseinandersetzung mit den vielfältigen eigenen sowie den lokalen, nationalen und globalen Ausprägungen von Kolonialität bietet. Ein Ort, der die in ihm gezeigten Objekte und die in ihm sprechenden Stimmen als Gegenerzählungen zu von Kolonialität geprägten Geschichten hörbar macht.
Ein Ort unter vielen Orten der Welt, an dem Wege für die Reparatur globaler Beziehungen und des Zusammenlebens gefunden werden. Im besten Fall nicht nur ein Schloss, sondern auch ein Schlüssel.