“Mehrdeutigkeit ist unsere DNA”

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mit Hartmut Dorgerloh
Herr Dorgerloh, Ende Mai 2020 wird die Kuppel über dem Portal in Richtung Unter den Linden mit der Errichtung der rekonstruierten Laterne und einem Kreuz vollendet. Was ist das Besondere an diesem Ereignis?

Hartmut Dorgerloh: Zum einen sind Kuppel, Laterne und Kreuz die am weitesten sichtbaren baulichen Elemente der rekonstruierten Fassade sowie eine künstlerisch-handwerkliche Meisterleistung. Zum anderen haben eben jene Bauteile vor drei Jahren eine große, öffentliche Symbol-Debatte ausgelöst. Um diese zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen: Im Mai 2017 hat die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss sich in einer Presseinformation für eine großzügige Einzelspende bedankt, die ausschließlich für die Rekonstruktion der Kuppel bestimmt war. Diese Mitteilung hat zu einer wochenlangen und sehr leidenschaftlichen, kontroversen Diskussion geführt, in deren Mittelpunkt die Frage stand, wie die Rekonstruktion des Kreuzes an diesem Ort einzuordnen sei. Es haben sich dazu viele Stimmen aus Kunst und Kultur, Politik und Wissenschaft, Architektur und Glaubensgemeinschaften sowie auch von zahlreichen Vertreter*innen der Zivilgesellschaft geäußert. Vereinfacht gesagt, fand die Diskussion innerhalb von zwei gegenüberstehenden Pole statt. Die einen sehen das Kreuz als exklusives Zeichen der Christ*innen und nicht von Menschen jüdischen, muslimischen oder anderen Glaubens, was dem Auftrag des Humboldt Forums als internationale Dialogplattform für globale kulturelle Fragen zuwiderlaufe. Dem entgegneten andere, dass das Kreuz Ausdruck eigener Geschichte und kultureller Herkunft sei, der man sich in der Gegenwart nicht verschließen könne.

Hat diese Diskussion in das Humboldt Forum hineingewirkt? Wie positionieren sich die Akteure heute hierzu?

Selbstverständlich haben wir die öffentliche Debatte auch intern offen und transparent weitergeführt. Vor einem Jahr hat der Bereich Geschichte des Ortes eine anonyme Umfrage unter den Mitarbeitenden aller Akteure gemacht – es haben 171 Kolleg*innen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, der Kulturprojekte Berlin und der Stiftung Stadtmuseum Berlin sowie der Humboldt-Universität zu Berlin und der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss teilgenommen. Welche persönliche Haltung gibt es zur Rekonstruktion? Wie wirkt sich die Architektur allgemein auf unsere Arbeit aus? Und wie wird insbesondere die Errichtung des Kreuzes auf der Kuppel bewertet? Als Rücklauf haben wir ein kritisches, differenziertes Meinungsbild erhalten – das Spektrum reicht von Begeisterung über die Rekonstruktion bis zu „Fight the Building“. Eine große Mehrheit aller Mitarbeitenden ist sich bewusst, dass die Rekonstruktion der Fassade mit ihren preußisch-monarchischen Symbolen sowie christlichen Inschriften und Zeichen unsere inhaltliche und programmatische Arbeit beeinflusst.

Hat man aus diesem vielschichtigen Meinungsbild eine gemeinsame Haltung formulieren können?

Auf den ersten Blick erscheint das zwar – wegen so unterschiedlicher Perspektiven – schwer möglich zu sein, jedoch haben die vier Akteure eben auf Grundlage dieser Umfrage und der Meinungsvielfalt in der Öffentlichkeit eine gemeinsame Position entwickelt. Dabei erinnern wir an den fraktionsübergreifenden Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2002, in dem man sich für eine historische Rekonstruktion der Fassaden ausgesprochen hat, und dass der Architekturwettbewerb von 2008 in diesem Sinne die Kuppel vorsah. Zu dieser detailgenauen historischen Rekonstruktion gehören eben auch die Inschriften über den Portalen und an der Kuppel sowie das gesamte ikonografische Programm mit Adlern, Wappen und Kronen. Zugleich betonen wir, dass das Humboldt Forum ein offener Ort für den weltweiten Austausch von Kultur und Wissenschaften ist – ein Ort der Diversität und der Diskussion, aber ebenso ein Ort mit einer ganz besonderen Geschichte. In diesem Kontext ist für uns auch die komplexe und nicht widerspruchsfreie Rekonstruktion des Hauses zu sehen – eine Rekonstruktion, die heute ausschließlich städtebaulich und baukulturell begründet ist, und bei der es nie um ein Zeichen für die Wiedereinführung der Monarchie oder für die Dominanz und den Alleinvertretungsanspruch des Christentums ging. Alle Symbole verstehen wir als bauhistorische Zitate, mit denen wir keinerlei inhaltliche oder gar programmatische Aussage für unsere gemeinsame Arbeit im Humboldt Forum verbinden. Sie müssen im Kontext ihrer jeweiligen historischen Entstehungssituation interpretiert werden.

Wie werden Sie in Zukunft mit diesen teils problematischen Zitaten umgehen?

Diese baulichen Elemente gehören in ihrer Mehrdeutigkeit und Entstehung quasi zur DNA des Humboldt Forums. Wichtig sind Transparenz, Kontextualisierung und Vermittlung. Wir als Bauherrin und die Nutzergemeinschaft des Gebäudes entwickeln derzeit geeignete Mittel und Ansätze, um die historisch entstandenen Aussagen der Kuppel und der Fassade einzuordnen – mit Publikationen, digitalen Formaten und speziellen Angeboten zur Geschichte des Ortes. Darüber hinaus werden wir die Ambiguität der Architektur nutzen, um nicht nur zu Diskussionen über die Vielschichtigkeit unserer Welt anzuregen, sondern auch temporäre künstlerische Interventionen und Auseinandersetzungen mit den Symbolen am Humboldt Forum zu ermöglichen. Weder jetzt noch nach der Eröffnung des Humboldt Forums findet diese Mehrdeutigkeit ihren Endpunkt. Wir wollen ganz bewusst die Vielstimmigkeit der Positionen zulassen, einordnen und müssen das bisweilen auch aushalten. Das ist unser Auftrag und Konzept – nicht nur in der Frage um Kuppel und Kreuz.

Das Interview führte Ralf Hanselle.

Autor*in
Foto von Hartmut Dorgerloh
Hartmut Dorgerloh

Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh ist Generalintendant und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Der Kunsthistoriker und Kulturmanager lehrt seit 2004 als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.