SORRYFOR­NOTHING
– eine skulpturale Intervention

7 Min. Lesezeit

mit Philip Kojo Metz

Die Geschichte des deutschen Kolonialismus war lange Zeit im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen so gut wie nicht präsent. In der Berlin Ausstellung im Humboldt Forum soll sie einen Platz haben – denn Berlin war als Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches auch Zentrum der deutschen Kolonialpolitik.

Mit der unsichtbaren Skulptur SORRYFORNOTHING markiert der Künstler Philip Kojo Metz die Leerstelle im öffentlichen Gedenken an die Kolonialkriege und ihre Opfer. Seine Kunstaktion verfolgten am 24. Oktober rund 120 Gäste auf der leeren Fläche der Berlin Ausstellung im Humboldt Forum.

Im Raum standen vier großformatige Holzkisten, in denen die Skulptur zu vermuten war. Dann der besondere Moment der Enthüllung: Die Kisten waren augenscheinlich leer, die Skulptur unsichtbar. Eingeweiht wurde die unsichtbare Skulptur nach einem Ritus der ghanaischen Akan. Die Musikerinnen Miriel Cutiño Torres und Lara-Sophie Milagro begleiteten die Aktion mit der Uraufführung der Komposition „Song for“. Auch dieser Auftritt thematisierte das Abwesende: Die Musikerinnen waren stumm, Gesang und Soundcollage wurden eingespielt.

In der künftigen Berlin Ausstellung wird die Dokumentation der Aktion im Themenraum „Krieg“ zu sehen sein, das Denkmal im Ausstellungsraum umrandet und abgegrenzt, die Bodengestaltung im Raum unterbrochen.

Inwiefern ist der Weg, etwas Unsichtbares zu zeigen, der richtige, um auf eine Leerstelle in der deutschen Geschichtsschreibung hinzuweisen?

Philip Kojo Metz: Viele finden es absurd, dass ich mit SORRYFORNOTHING eine unsichtbare Skulptur präsentiere, dabei ist es naheliegend, eine Leerstelle durch etwas Unsichtbares darzustellen. Das Unsichtbare in der Kunst ist ein klassisches Thema, das immer wieder aufgegriffen wurde – angefangen vom Heiligen Geist bis zur Konzeptkunst der 1960er Jahre, in der der Betrachter zur Selbstreflexion angeregt wird. Mit SORRYFORNOTHING beziehe ich mich über die Selbstreflexion des Betrachters hinaus auf unsere Geschichte. Überraschung und etwas Aufregung sind dabei durchaus erwünscht. Ich versuche, einfache, prägnante Bilder zu finden, diese aber auch zu brechen, den Betrachter zuweilen mit offenen Fragen zurückzulassen, die komplexe Sachverhalte ausdrücken.

Teaser zu SORRYFORNOTHING
Viele kennen vielleicht die Skulptur „Le héros invisible“, die 2016/17 vor dem Deutschen Historischen Museum in Berlin als Teil der Ausstellung „Deutscher Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ ausgestellt war. Wie fügt sich SORRYFORNOTHING in Dein Werk ein?

Philip Kojo Metz: In meiner Werkreihe „Adler Afrika“ beschäftige ich mich seit Jahren mit der afrikanisch-deutschen Geschichte. Mein Ausgangspunkt war Groß Friedrichsburg, eine Festung des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, die im heutigen Ghana 1683 fertiggestellt wurde und über der der märkische Adler wehte. Von hier aus begab ich mich mit meinen künstlerischen Mitteln auf Expeditionsreise durch die deutsche Geschichte auf afrikanischem Boden. Diese Reise ist noch nicht beendet, meine Mission ist, dass dieser Teil der deutschen Geschichte zum Bildungskanon gehört.

Welchen Stellenwert misst Du Deiner Arbeit SORRYFORNOTHING im Rahmen einer neuen Erinnerungskultur für die Kolonialkriege und ihrer Opfer bei?

Philip Kojo Metz: Ich versuche, eine zeitgemäße, ansprechende Form für ein Thema zu finden, das schwierige und unangenehme Assoziationen weckt: die deutsche Kolonialgeschichte. Dabei geht es aber nicht nur um die Geschichte, sondern auch um die Gegenwart. Bis heute profitieren wir Deutschen maßgeblich von globalen Machtgefügen, die auf die Kolonialzeit zurückzuführen sind. Vielleicht kann ich dazu beitragen, den Blick auf die Geschichte zu verändern und dabei helfen, die Gegenwart anders und besser zu verstehen.

Meine Mission ist, dass dieser Teil der deutschen Geschichte zum Bildungskanon gehört.
Deine Arbeit SORRYFORNOTHING wird Teil der Berlin Ausstellung im Humboldt Forum sein. Der Ort, das rekonstruierte Berliner Schloss, ist gerade in Bezug auf die deutsche Kolonialgeschichte nicht unumstritten. Warum bringst Du Dich in diesen Ort ein?

Philip Kojo Metz: Der Verein Berlin Postkolonial macht seit mehreren Jahren mit seiner  Kampagne „No Humboldt21!“ lautstark auf den Missstand aufmerksam, dass das vorliegende Konzept des Humboldt Forums eurozentrisch und restaurativ ist. Diese Initiative genießen meine volle Unterstützung. Sie verweigert momentan eine Zusammenarbeit mit dem Humboldt Forum – also auch hier gibt es eine Leerstelle. Nichts zu zeigen, nimmt so auch auf „No Humboldt21!” Bezug. SORRYFORNOTHING ist mein Beitrag, um auf die Schieflage aufmerksam zu machen, und dieser Ort ist der beste, um den Hebel anzusetzen. Ich freue mich über den Mut und das Engagement des Stadtmuseums Berlin und der Kulturprojekte Berlin, mein Werk in die Berlin Ausstellung des Humboldt Forums zu integrieren – da gehört es hin als ein Teil von Stadt- und Landesgeschichte!

Die Fragen stellte Franziska Schönberner, Mitarbeiterin für Presse im Team der Berlin Ausstellung im Humboldt Forum für das MuseumsJournal 1/2020.