Wider koloniales Unrecht

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von Andrea Brandis

Kang Sunkoo hatte die Reise nach Berlin bereits geplant, um die Einbringung seiner Bronzeplastik „Statue of Limitations“ im Humboldt Forum persönlich zu begleiten. Doch dann kam die Corona-Krise. Und so verfolgte der Künstler letztlich die Fertigstellung aus seinem Homeoffice in Basel – per Telefon und Videoschaltungen, Fotos dokumentierten zudem die Montage der rund 11 Meter hohen Arbeit. Nun steht die Statue dauerhaft im Westflügel in der zentralen Treppenhalle, die die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im 2. und 3. Obergeschoss erschließt.

 

Die „Statue of Limitations“, eine schwarz patinierte Bronzeflagge auf Halbmast, ist das Ergebnis seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Humboldt Forum und seinem Verhältnis zur Kolonialgeschichte. Ihr Titel spielt auf den juristischen Terminus der Verjährung von Straftaten (“Statute of Limitations”) an. Kang: „Mein zentraler Ausgangspunkt war die Debatte um den Umgang des Humboldt Forums mit dem kolonialen Erbe und die scheinbare Widersprüchlichkeit seiner eigenen Zielsetzung: der Wunsch, ein kosmopolitischer Ort zu werden, während Hülle, Inhalt und Titel an ein eurozentrisches Weltbild erinnern.“

Kang Sunkoo über seine „Statue of Limitations“

Die Debatte um den Umgang mit dem kolonialen Erbe, sie ist vielschichtig: Es geht um die Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit, um die juristische Anerkennung der Völkermorde durch die Bundesrepublik Deutschland. Zeitgleich wird sie aber auch auf vielen anderen Ebenen verhandelt. Was kann Wissenschaft, können Museen im Hinblick auf diese Geschichte leisten? Und wie reflektieren Institutionen ihre eigene Geschichte? Fragen, die auch für das Humboldt Forum relevant sind. Es ist ein Ort für Wissenschaft und Kulturen der Welt mit einer ganz besonderen Geschichte. Hier setzte Kang an, als er 2017 seinen Beitrag für den Kunst-am-Bau-Wettbewerb für das zentrale Treppenhaus im Humboldt Forum einreichte.

Ich wollte einen Beitrag einreichen, der die gemeinsame Geschichte anerkennt und obsolete Grenzen von kultureller Identität überschreiten kann.

In der Mitte geteilt, verbindet die Arbeit zwei symbolisch aufgeladene Orte in Berlin und ihre Historie: das Humboldt Forum im Berliner Schloss und den Nachtigalplatz im sogenannten Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding – einem Viertel, das durch seine Bauhistorie wie auch seine Straßennamen von einen besonderen Aspekt der Kolonialgeschichte erzählt. Der bauliche Kontext sowohl auf dem Schlossplatz als auch auf dem Nachtigalplatz ist geprägt durch einen symmetrischen Grundriss, erklärt er. Und so steht die untere Hälfte der Arbeit auf der Symmetrieachse des Humboldt Forums, in der Mitte zwischen den beiden Treppenläufen, die das zweite Obergeschoss mit dem dritten verbinden. Auf dem Nachtigalplatz wiederum wird die obere Hälfte des Fahnenmastes die Spiegelachse des städtischen Raums markieren. Kang: „Durch die Teilung existiert die Arbeit gleichzeitig an zwei unterschiedlichen Orten. In der lokalen Wahrnehmung ist für den Betrachter immer nur eine Hälfte sichtbar. Das Bild des Fahnenmastes in der Gesamtheit kann nur in der Vorstellung vervollständigt werden.“

Als er 2018 die Nachricht erhielt, dass sein Beitrag mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, habe es, so Kang, noch Bedenken hinsichtlich einer möglichen Deutung und Realisierung dieser Arbeit gegeben. Doch nun ist der erste Teil der “Statue of Limitations” erfolgreich abgeschlossen worden.

Generalintendant Hartmut Dorgerloh: „Die Statue of Limitations verdeutlicht auf emblematische Weise die unterschiedlichen Positionen und Perspektiven bei der Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte. Wir haben hier keine Deutungshoheit über die Sammlungen. Unser Anspruch ist vielmehr, sie aus verschiedenen Perspektiven, in verschiedenen Kooperationsformen vielstimmig zu präsentieren. Deshalb ist auch die Zusammenarbeit mit unseren Partnern im In- und Ausland, insbesondere mit den Source Communities in den USA, in Brasilien, Tansania oder Australien, für das Humboldt Forum essentiell.“

Besucher*innen können die „Statue of Limitations“ voraussichtlich ab Frühjahr 2021 im Humboldt Forum sehen. Ab dann soll auf dem Nachtigalplatz auch die andere Hälfte temporär für einen Zeitraum von ungefähr sechs Monaten aufgestellt werden.