Dieser Artikel ist Teil des Features „Was soll das? Das Kreuz auf dem Humboldt Forum

Ein Zeichen der Versöhnung

5 Min. Lesezeit

mit Wilhelm von Boddien
Herr von Boddien, im Mai 2020 wird ein Kreuz als eine der letzten großen Baumaßnahmen auf die Kuppel über dem Portal III des Humboldt Forums im Berliner Schloss montiert werden. In der christlichen Ikonografie ist das Kreuz zunächst vor allem Symbol von Tod und Auferstehung. In gewisser Weise ersteht mit diesem Kreuz ja auch die historische Schlossfassade endgültig wieder auf. Sie selbst haben sich diesem Vorhaben seit gut 18 Jahre aktiv verschrieben. Hätten Sie am Anfang damit gerechnet, dass aus diesem Glauben einmal eine handfeste Realität werden würde?

Wilhelm von Boddien: Dem Schlossprojekt habe ich mich bereits im Jahr 1961 verschrieben. Aber damals baute die DDR gerade die Mauer. So blieb die Idee nur ein Traum – bis­ 1989. Und seitdem, also eigentlich schon seit über 30 Jahren, arbeiten meine Freunde und ich intensiv an der Verwirklichung unserer Idee. Das ist über die Jahre tatsächlich vom Hobby zu einer Lebensaufgabe für mich geworden. So etwas sollte man nicht machen, wenn man nicht fest an den Erfolg glaubt, um dann mit viel Intuition Wege zu finden, diesen Traum auch zu realisieren.

Die Rekonstruktion der Fassade folgt in wesentlichen Teilen den historischen Vorgaben von Schlüter aus der Zeit des Barock. Warum hat man sich dann dazu durchgerungen, auch die Kuppel nebst Laterne und Kreuz aus dem späteren 19. Jahrhundert zu rekonstruieren? Man hätte diese unter Friedrich-Wilhelm IV. hinzugefügte Ergänzung ja auch weglassen können.

Die Rekonstruktion eines verlorenen Baudenkmals muss sich am letzten Blick auf das Gebäude orientieren. Lässt man etwas weg, kann man dies leicht als Zensur gegen unliebsame Attribute ansehen. So entzündete sich der Streit vor zwei Jahren gerade auch daran: Viele wollten das Kreuz weglassen – dass aber geht nicht bei einem solchen Vorhaben. Man öffnete dann sofort auch anderen Weglassungen Tür und Tor, und man wird leicht angreifbar. Hier gilt der Grundsatz: „Schwanger oder nicht schwanger; ein bisschen schwanger geht nicht“.

Die Schlosskapelle nebst Kreuz ist in den 1840er Jahren durch den Architekten Friedrich August Stüler hinzugefügt worden – ein Umstand, der in den zurückliegenden Jahren eben auch zu der von Ihnen erwähnten Kritik geführt hat; kann man diese sakrale Aufladung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts doch auch als Kritik an der 1848er-Revolution und als bewusstes Symbolprogramm für das „Gottesgnadentum” der Preußischen Könige interpretieren. Wie wichtig sind solche historischen Einbettungen bei der Rekonstruktion von geschichtsträchtigen Gebäuden?

Ich halte sie für herbeigesucht, um so die Rekonstruktion solcher symbolhaften Teile zu verhindern. Die Planung der Kuppel ist älter als die Revolution. Die Kuppel war bereits im Bau, als die Unruhen 1848 in Berlin begannen. Das kann man auf zeitgenössischen Kupferstichen erkennen. Somit liegt der Beschluss auch für das Kreuz zeitlich vor der Revolution; es ging ja auch darum, unter der Kuppel eine große christliche Schlosskappelle zu errichten. Auch die von ihnen genannten Deutungen spiegeln unsere Geschichte wider; und die bleibt, auch wenn man sie durch Weglassungen verdrängen wollte. Gerade bei einem der Weltkulturen gewidmeten Gebäude wie dem Humboldt Forum besteht über das Symbol des Kreuzes eine wunderbare Chance, dessen eigentlich urchristliche  Bedeutung wieder hervorzuheben. Das Kreuz steht für den Tod Jesu, der freiwillig die wohl brutalste Todesstrafe der Antike auf sich genommen hat. Zuvor hatte der selbe Mann in der Bergpredigt sein Vermächtnis mit acht Seligpreisungen formuliert, die besser als alle anderen Botschaften die Liebe zu den Menschen, die Demut und die christlichen Verheißungen formulieren. Mehr Nächstenliebe geht nicht! Meiner Meinung nach symbolisiert gerade das Kreuz auf der Kuppel diese Einstellung und ruft die Kulturen der Welt zur Versöhnung auf.
Aber ich verstehe auch, dass das Kreuz in seiner heutigen atheistischen Deutung für viele Menschen ein Symbol für Krieg und Machtmissbrauch ist. Seine Botschaft und seine Autorität ist von den Herrschenden missbraucht worden, die ihre eigenen Interessen damit verbunden haben. Nicht Jesus, sondern Herrscher, Diktatoren und sogar Demokraten haben Gottes Segen für Ihre „gerechten Kriege“ herbeigefleht. Mit dem Kreuzeszeichen wurden Kanonen gesegnet und dann Menschen in mörderische Schlachten geschickt. So sollte das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt Forums, wenn man es nicht nur aus denkmalgerechter Sicht betrachtet, auch als Ermahnung an alle Völker zu mehr Frieden und Nächstenliebe verstanden werden. Es täte gerade auch dem Westen gut, diese Mahnung im Umgang mit anderen Völkern zu verstehen.

In die Kugel unter dem Kreuz sollen bei der Errichtung verschiedene Zeitdokumente eingebracht werden. Können Sie verraten, um was für Dokumente es sich dabei handeln wird?

Nach meiner Kenntnis werden Baupläne, Münzen, eine Tageszeitung sowie unser „Berliner Extrablatt“ vom Spätsommer 2002 eingebracht werden. Dieses enthielt damals eine komprimierte Geschichte des Schlosses, den Bericht über die entscheidende Bundestagsdebatte vom 4. Juli 2002 und einem Ausblick auf die Aufgaben des kommenden Humboldt Forums im Berliner Schloss.

Unzählige Elemente – so auch die Laterne und das Kreuz – sind einzig durch großzügige Einzelspenden möglich geworden. Gibt es noch immer Bauelemente oder Figuren, deren Rekonstruktion auf das Engagement von engagierten Spendern wartet?

Ja, es fehlen noch fast sechs Millionen Euro Restfinanzierung für die bereits fertig gebauten Fassaden und die Kuppel. Nun kommen noch weitere neun Millionen hinzu, die zuvor noch nicht eingeplant waren. Sie sind für die Kunstwerke, die nicht Bestandteil der Statik des Mauerwerks sind und die von daher auch nachträglich hinzugefügt werden können. Dazu zählen die Balustradenfiguren auf den Schlossfassaden und der Kuppel, sowie der historisch getreue Ausbau der Portaldurchgänge an der Lustgartenseite. Aber darüber sollten wir nicht die einmalige Spendenbereitschaft der unzähligen Menschen in Deutschland und im Ausland vergessen, die für das Schloss bereits ihren Beitrag geleistet haben. Ihnen gebührt unser tiefster Dank und Respekt!

Autor*in
Foto von Wilhelm von Boddien
Wilhelm von Boddien

Wilhelm von Boddien hat 1992 den Förderverein Berliner Schloss gegründet, war bis 2004 dessen 1. Vorsitzender und ist seit 2004 Geschäftsführer des Fördervereins.