Gemeinschaft – Begegnung – Erinnerung: Die Fiesta de Día de Muertos

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Von Celia Ibáñez Lamuño, Malena Meneses Gelpi, Jorge Baldeón und Maite Lamuño
Was genau ist die Fiesta de Dia de Muertos?

Celia Ibáñez Lamuño: Das Mexikanische Totenfest, die Fiesta de Día de Muertos, ist ein Fest, welches wir in Mexiko zelebrieren, aber auch hier in Berlin und mittlerweile auch in anderen Ländern. Jedes Jahr am 1. und 2. November feiern wir das Leben der Verstorbenen und schaffen einen Raum, in dem wir ihnen begegnen können. Es ist eine Tradition aus der alt-mexikanischen, prähispanischen Kultur, die sich mit dem Katholizismus vermischt hat und bis heute in dieser Form gefeiert wird.

Malena Meneses Gelpi: Das prähispanisches Fest hat sich durch den Kolonialismus, also mit dem Einfluss der Spanier in Mexiko, dahin entwickelt, wie wir es heute kennen. In der Art und Weise, wie wir es zelebrieren, drückt es auch den Widerstand gegen den Kolonialismus aus.

Jorge Baldeón: Ursprung des Festes sind Indigene Rituale. Erst nach der Kolonialisierung kamen neue, christliche Elemente dazu. Besonders in Mittelamerika, in Mexiko, ist es ein sehr wichtiges Fest. Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht um Gemeinschaft, Begegnung und Erinnerungen.

Seit wann gibt es das Totenfest in Berlin?

Celia: Der Verein Calaca e. V. zelebriert das Mexikanische Totenfest schon seit 30 Jahren. Sicher gibt es Familien, die schon früher zuhause gefeiert haben, aber Calaca hat diesen öffentlichen Raum geschaffen, um im Kollektiv unseren Verstorbenen zu begegnen.

Malena: Die ersten Mexikaner*innen, die nach Berlin migriert sind, haben das Fest sicher schon in ihren Wohnzimmern gefeiert. Ich selbst bin schon seit 25 Jahren dabei.

Jorge: In Berlin gibt es das Fest, seit Menschen aus Lateinamerika in die Stadt gekommen sind, aber in dieser Form seit den 1990er Jahren.

Maite Lamuño: Den Verein Calaca e. V. gibt es offiziell seit 1995, als Gruppe arbeiten wir schon seit 1992 zusammen. Ich kam damals aus einem kleinen Dorf in Spanien nach Berlin und empfand es als ganz natürlich, auf diese Weise mit den Verstorbenen zusammenzukommen. Gleichzeitig war die Gemeinschaft für mich ein Ort, an dem ich mich zuhause fühlte, an dem ich kreativ sein und mich als politischer Mensch mit Menschenrechten und der spanischen Kolonialgeschichte auseinandersetzen konnte.

 

Wo wurde das Mexikanische Totenfest in den vergangenen Jahren in Berlin gefeiert?

Maite: Wir waren schon an sehr vielen verschiedenen Orten, beispielsweise 1994 im Haus der Kulturen der Welt. Ich erinnere mich genau, weil wir noch kein Verein waren, nur eine Gruppe. Vorher waren wir in verschiedenen Kultur- und Jugendprojekten, auch in der Kulturbrauerei, als sie noch kein bekannter Ort in Berlin war. Zweimal waren wir im ehemaligen Völkerkundemuseum in Dahlem. Wir haben viele Jahre in der Werkstatt der Kulturen gefeiert, mehrere Jahre in Tak Theater in Kreuzberg und 2019, vor der Pandemie, in Kühlhaus Berlin.

 

Gibt es beim Totenfest thematische Schwerpunkte?

Celia: Calaca setzt sich jährlich mit politischen Themen auseinander. Schwerpunkt sind die Themen Erinnerung, Tod und Kolonialismus. Dieses Jahr wollen wir diese Schwerpunkte auf unterschiedliche, künstlerische Weise umsetzen, sie finden sich in Form einer Rauminstallation, Theater und Performances sowie in einem Diskurs wieder.

Malena: Die Schwerpunkte sind nicht nur gewählt, weil wir dieses Jahr im Humboldt Forum feiern. Sie begleiten uns schon, seit wir das Fest ausrichten. Ob das in einem kleinen Theater war, in einem Innenhof oder im privaten Kreis. Dass wir es jetzt im Humboldt Forum feiern dürfen, in einem Gebäude, mit einer kolonialen Last, lädt dazu ein, es künstlerisch nochmal anders umzusetzen.

 

Warum diese Schwerpunkte, wie ist der Bezug zum Humboldt Forum?

Celia: Wir befinden uns hier an einem Ort mit einer kolonialen Vergangenheit. Calaca möchte dieses Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und mit dem Publikum in den Austausch kommen. Auch das Thema der Restitution und der Rückgabe von Objekten, die hier im Ethnologischen Museum zu finden sind, ist Teil des Programms. Wir werden die Schwerpunkte in unterschiedlichen künstlerischen Formen umsetzen, beispielsweise in der Installation Barocke Konstellationen, welche eine kritische Reflexion über die Auswirkungen und Folgen des europäischen Kolonialismus sowie für das Verständnis der kulturellen Ausdrucksformen aus Lateinamerika ermöglicht. Auch finden sich Motive einiger Objekte aus der Sammlung Mesoamerikas des Ethnologischen Museums in den Girladen wieder, den „Papel Picado“, die in der Manufaktur „Papel Picado Xochimilco“ in Mexiko Stadt hergestellt werden. Einige Beispiele sind: Cuauhxicalli, eine Opferblutschale der Azteken, der Regen- oder Wettergott Tlaloc und Xolo, ein mexikanischer Nackthund, der nach alt-mexikanischem Glauben den Seelen der Verstorbenen hilft, ihren Bestimmungsort zu erreichen und dort ihren Frieden zu finden.
Auf der Ofrenda, dem Altar, werden wir symbolisch weitere Artefakte zeigen, die sich im Museum oder im Depot befinden und für die Öffentlichkeit vorübergehend zugänglich sind. Auch in den Theaterstücken wird der Umgang mit den Objekten eine zentrale Rolle spielen.

Jorge: Wir verbinden die Begegnung zwischen den Menschen und die Rituale immer mit gesellschaftlichen Themen. Kolonialismus wird in den letzten Jahren verstärkt diskutiert, das Fest greift diese Debatten auf. Zudem ist das Humboldt Form ein Museum, eine Kulturinstitution, die verschiedene Perspektiven auf unterschiedliche Kulturen bietet. Dazu trägt das Totenfest bei. Und die Sonderausstellung un_endlich bietet dafür den Anknüpfungspunkt.

Maite: Dieses Jahr im Humboldt Forum ist es eine besondere Herausforderung für uns, aber auch eine wichtige Erfahrung, insbesondere für die junge Generation, die nun die Vorbereitung des Totenfestes übernommen hat. Es ist kein einfacher Ort, wir haben viel darüber diskutiert, durchaus kontrovers, wie wir dazu stehen, das Fest hier zu kuratieren. Mit dem vielfältigen Programm und dem künstlerischen Umgang mit den Themen möchten wir zu Veränderungen und Entwicklungen beitragen – lieber von innen nach außen als von außen nach innen.

 

Könnt Ihr uns zu diesem Generationenwechsel etwas mehr erzählen?

Celia: Meine Eltern gehören zu den Mitbegründer*innen von Calaca. Ich wurde sozusagen in den Verein hineingeboren und habe das Mexikanische Totenfest in Berlin von klein auf mitbekommen. Ich bin jedes Jahr dabei, so geht es auch anderen hier bei uns. Über die Jahre sind viele junge Leute dazu gestoßen, und dieses Jahr hat die jüngere, zweite Generation die Projektleitung übernommen und das Fest im Humboldt Forum vorbereitet, mit Unterstützung der ersten Generation. Es gibt auch schon eine dritte Generation, wir werden immer mehr!

Jorge: Auch ich kenne Calaca seit vielen Jahren und habe die Kinder im Verein groß werden sehen.

Malena: Viele von uns sind schon sehr lange dabei, seit der Geburt oder als Besucherin, so wie ich. Unsere Generation übernimmt nun die Aufgaben des Vorstandes. Es liegt in der Natur der Dinge, dass Umverteilungen stattfinden. Bei Calaca e. V. findet tatsächlich eine intergenerationelle Zusammenarbeit statt.

 

Was können Besucher*innen beim Totenfest im Humboldt Forum sehen und erleben?

Celia: Ihr dürft auf keinen Fall die Eröffnung der Ofrenda verpassen, das ist ein sehr besonderer Moment, an dem wir als Verein mit allen Gästen zusammenkommen. Der Altar wird eröffnet und wir werden mit den Verstorbenen ihre Rückkehr feiern und dieses Fest zelebrieren. Zudem haben wir einen ganz besonderen Gast aus Mexiko zu Besuch: Armando Martinez, ein Kunsthandwerker aus Mexiko-Stadt. Er fertigt Papel Picado, da sind die bunten Papiergirlanden, die hier die Räume schmücken, in ganz klein. Die Besucher*innen werden Armando bei seiner Arbeit zuschauen können. Es wird das erste Mal sein, dass Armando Martinez Mexiko verlässt, er freut sich schon sehr auf den Besuch.

Malena: Die Eröffnung der Ofrenda ist einer der wichtigsten Momente der Veranstaltung. Der Altar wird geschmückt mit Blumen, Kerzen, Kunsthandwerk, Obst, Süßigkeiten und vielem mehr und mit einer Zeremonie eröffnet. Das Humboldt Forum wird sehr lebendig werden! Ich persönlich finde, dass auch das Familienprogramm eine unglaublich schöne Einladung ist, das Fest als Familie zu erleben.

Jorge: Ja, die Workshops für Kinder sind tatsächlich etwas Besonderes. Es gibt eine Eröffnung der Ofrenda für Kinder, es wird gebastelt und auch Kinderschminken darf beim mexikanischen Totenfest nicht fehlen.

 

Was ist die Ofrenda genau? Wozu dient sie?

Celia: Die Ofrenda ist ein Altar, ein mehrstufiger Gabentisch, sehr reich geschmückt mit Blumen, Kerzen, Zuckerschädeln und vielen anderen Figuren. Auf diesen Altar stellt man Fotografien von den Verstorbenen oder auch das Lieblingsessen oder Lieblingsgetränk, oder ein Erinnerungsstück. Alle Gäste, die zu unserem Fest kommen, können eine Kerze für ihre Verstorbenen anzünden und auf die Ofrenda stellen oder selbst etwas Kleines mitbringen.

Jorge: Es ist nicht nur ein Altar mit Blumen und Kerzen, auch ein Ort, an dem die Leute sich treffen, die Lebenden und die Verstorbenen. Wer möchte, kann Fotos von Verstorbenen mitbringen und auf den Altar stellen. Es geht darum, sich zu erinnern und zusammen zu feiern.

 

Was ist das Totenfest für Euch ganz persönlich?

Celia: Das Totenfest für mich persönlich ist ein Moment der Begegnung, ein Zusammentreffen mit Familie und Freunden. Es bietet mir den Raum, gemeinsam mit meiner Familie in einem festlichen Rahmen an unsere Verstorbenen zu denken.

Jorge: Die Möglichkeit, in einer Gemeinschaft an den Tod zu denken, ist für mich eine ganz besondere Erfahrung.

Maite: Für mich ist das Totenfest die Begegnung mit den Verstorbenen, mit meinen Vorfahren. Beim meinem ersten Totenfest hatte ich einen persönlichen Verlust zu verarbeiten, ich habe eine Blume auf den Gabentisch gelegt, das half mir, damit umzugehen.

Malena: Das Totenfest ist eine einzigartige Gelegenheit, nicht nur die Verstorbenen zu betrauern, sondern gemeinsam das Leben zu zelebrieren.

 

Vielen Dank Euch für das Gespräch!

 

Interview: Katharina Barnstedt, Elaine Yeung, Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Gehört zu
Fiesta de Día de Muertos
Autor*innen
Celia Ibáñez Lamuño

Vorstand im Verein Calaca e. V. und künstlerische Leitung des Día de Muertos

Jorge Baldeón

Interdisziplinärer Künstler. Lebt und arbeitet in Peru und Deutschland, Teil des Teams Dekoration für den Día de Muertos

Maite Lamuño

Mitbegründerin von Calaca e. V.

Malena Meneses Gelpi

Social Media Managerin für Calaca e.V.