Tränen des Himmels, Tränen des Abwassers
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| kostenfrei |
| Deutsch, Brasilianisches Portugiesisch |
| Dauer: 60 min |
| ab 12 Jahre |
| Mechanische Arena im Foyer |
| Teil von: Gästezimmer |
Im Gästezimmer unterhalten sich Xadalu Tupã Jekupé und Andrea Scholz über den Fluss Ybiracy. Sie reflektieren dabei über das Spannungsfeld zwischen Indigenen Kosmotechnologien (Praktiken der Welterfahrung, der Aneignung und Bewahrung) und westlichen Perspektiven auf Eigentum und Erbe.
Einstmals durchquerte der Ybiracy die südbrasilianische Stadt Porto Alegre; die Menschen nutzten auf vielfältige Weise sein Wasser und die Wege, die an seinem Ufer entlangführten. Mit dem Wachstum der Stadt wurde der Fluss immer mehr von der Stadt verdrängt und im Zuge der Errichtung eines Shoppingcenters schließlich unter die Erde verlegt. Während das Gewässer so zur Unsichtbarkeit verdammt wurde, errichtete die Stadtverwaltung eine Statue, die einen Frauenkörper abbildet und den Namen Ybiracy trägt. Die Verwandlung einer lebendigen Entität in Kulturerbe ist Teil kapitalistischer Aneignungspraxis in der westlichen Gesellschaft.
Doch Ybiracy lässt sich nicht auslöschen. Wenn der Himmel weint und es regnet, wächst der unterirdische Fluss über seinen Kanal aus Beton hinaus, und die Gewalt der Aneignung tritt als Abwasser ans Tageslicht.
Beteiligte
Xadalu Tupã Jekupé ist ein Indigener (Guarani) Künstler, geboren in Alegrete (RS) im Süden Brasiliens, einem Gebiet, das historisch von den Guarani Mbyá, Charrua, Minuano, Jaro und Mbone bewohnt wurde. Sein Werdegang ist eng mit dem Erbe und den Spannungen verbunden, die das Missionssystem in Südamerika hinterlassen hat, insbesondere im Kontext der Estancia Yapeyú während der Zeit der jesuitischen Missionen. Er beschäftigt sich mit dem sogenannten missionarischen Barock der Guarani, den er in einem zeitgenössischen Kontext als lebendige Form Indigener Kunst neu interpretiert. Gleichzeitig setzt sich sein Werk mit den Prozessen der Auslöschung auseinander, die aus Katechisierung, Kriegen und kolonialen Aufständen resultieren, und verwandelt sie in visuelle Erzählungen, die Erinnerung, Spiritualität und Widerstand artikulieren. Dabei entwickelt sich seine Praxis als symbolisches Feld der Auseinandersetzung, in dem Mythos und Ritual mit der Gegenwart in Dialog treten, um die Grenzen der Kolonialität in Frage zu stellen.
Zu seinen jüngsten Einzelausstellungen zählen: „O Jardim Guarani“ (Centro Cultural São Paulo, 2022); „Antes que se apague: territórios flutuantes“ (Fundação Iberê Camargo, Porto Alegre, 2022); „Invasão Colonial Yvy Opata: A terra vai acabar“ (Museu das Culturas Indígenas, São Paulo, 2022); Tekoa Xy: A Terra de Tupã (Instituto Inclusartiz, Rio de Janeiro, 2022); und Portal Sul: Tucum (Centre Intermondes, La Rochelle, Frankreich, 2021).
Er erhielt Auszeichnungen wie den Humanities Award (2014) in Anerkennung seines Engagements für indigene und soziokulturelle Anliegen; den Açorianos Visual Arts Award (2019) in der Kategorie „Nachwuchskünstler“; sowie Nominierungen für den PIPA-Preis (2022 und 2024).
Während seiner Residenz im Kollaborativen Museum/ Humboldt Forum im Juni 2026 bereitet Xadalu Tupã Jekupé eine Bilderserie für die Ausstellung „Zuflüsse. Kosmotechnologien des Wassers“ vor. Sie wird im November 2026 eröffnet, zum Auftakt des zweijährigen Programmschwerpunkts „Mein.Dein.Unser?!“ zu Eigentum und Erbe im Humboldt Forum.
Andrea Scholz ist Kuratorin für transkulturelle Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Sie ist ausgebildete Anthropologin mit dem Schwerpunkt Amazonien und arbeitet seit 10 Jahren in verschiedenen Kooperationsprojekten mit Indigenen Gemeinschaften und Bildungsprojekten, hauptsächlich in Lateinamerika.
Xadalu Tupã Jekupé ist im Juni 2026 CoMuse-Fellow am Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst.
CoMuse – Das Kollaborative Museum ist eine Initiative des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, die darauf abzielt, multiperspektivische Ansätze zur sammlungsbasierten Forschung zu entwickeln und neue Formate für kollaborative Prozesse zu erproben, um die Dekolonisierung und Diversifizierung der Museumspraxis nachhaltig zu intensivieren.
Das CoMuse-Fellowship-Programm wird unterstützt vom Künstlerhaus Bethanien, das ein Atelier zur künstlerischen und wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung stellt