Erinnerungen sind selten nur individuell. Sie entstehen im Austausch mit anderen, in Gesprächen, in Erzählungen. Doch welche Rolle spielt Familie wirklich beim Erinnern? Und was passiert, wenn Erlebnisse so schmerzhaft sind, dass sie verdrängt oder über Generationen hinweg verschwiegen werden?
In diesem Audiofeature spricht Nelly Evers mit Dr. Hannes Uhlemann, Psychoanalytiker, Psychotherapeut und Sachverständiger, über die Kraft und die Grenzen von Erinnerungen. Er behandelt seit vielen Jahren Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, in politischer Haft, in Jugendwerkhöfen oder Kinderheimen der DDR und weiß, wie eng Erinnerungen mit Familiengeschichten und gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden sind.
Das Gespräch bewegt sich zwischen persönlichen und kollektiven Perspektiven: von alltäglichen Familienerzählungen über das Weitergeben von Erinnerungen in Generationen bis hin zur Frage, welche Form der Erinnerungsarbeit wir als Gesellschaft heute brauchen.
Das Audiofeature entstand mit dem Fokus auf das Thema Erinnerungsarbeit im Rahmen des Jahresschwerpunktes Beziehungsweise Familie, welches dazu einlädt, den Begriff Familie neu zu denken: als soziale Konstruktion, als Netzwerk von Zugehörigkeit, das über biologische Verwandtschaft hinausgeht.
Unterhalb des Interviews finden Sie ausgewählte Passagen in Textform, die einen schnellen Einblick in zentrale Gedanken des Gesprächs geben.
Uhlemann: Wichtige Punkte sind die Beziehungen zu den Eltern natürlich, mitunter auch die Beziehung die Eltern miteinander, die Beziehung zu Geschwistern. Und oft gibt es dann noch außerhalb dieser unmittelbaren Kernfamilie wichtige Objekte, die auch aufscheinen wie so Figuren, die auf der Theaterbühne sich zeigen und zu verstehen geben, dass sie in Zukunft Teil des Spiels werden, das aufgeführt wird. Und das ist ein wichtiger Punkt. Wichtig ist dabei auch, wie erlebt wurde, inwieweit Beziehung in der Familie gelebt wurde. Auch das haben heute schon viele Menschen verstanden, dass das ein wichtiger Punkt ist.
Und dann gibt es schon so kulturell ein bisschen unterschiedliche Schwerpunkte. Was ich immer wieder ganz faszinierend finde, ist, dass bei den PatientInnen aus Westdeutschland so Themen wie Erbe und Geld und Immobilien eine Rolle spielen. Das ist ganz faszinierend. Das ist praktisch bei den Menschen, die in der ehemaligen DDR sozialisiert sind, spielt das praktisch keine Rolle. Bei den PatientInnen aus Italien ist es so, dass dort kulturelle Einflüsse von außen häufig noch eine sehr viel größere Rolle spielen, also so Strukturen innerhalb einer
Großfamilie, die Kirche, die öffentliche Meinung im Ort. Diese externen Machtfaktoren sind dabei noch häufig viel präsenter als jetzt bei den PatientInnen hier aus Deutschland.
Die PatientInnen, die jetzt zu mir kommen, sind häufig noch aufgewachsen in traditionellen Familien. Aber oft hat es da natürlich auch Trennungen gegeben und wieder neue Verpartnerungen mit Menschen, die von außen gekommen sind. Das heißt, da gibt es letztlich das traditionelle Modell und das Modell der Zweitbeziehung sehr oft. Was sehr beeindruckend ist, ist, wie oft die Kontakte zu den biologischen Vätern abgebrochen sind. Da bin ich oft erschüttert. Das wird häufig so eher en passant erzählt. Ich frage natürlich dann immer gezielt danach. Und gerade bei den Begutachtungen, die ich mache, fällt mir das total auf. Da würde ich sagen, jeder dritte Mensch hat dort in irgendeiner Weise eine Geschichte damit, also dass es überhaupt keinen Kontakt zum Vater gegeben hat, nie mitunter oder seit der Kleinkindzeit nicht mehr. Es gibt kein Wissen, wo der ist, ob der noch lebt oder so. Und aus dieser Gruppe der zu Begutachtenden gibt es auch so etwa ein Drittel der Männer, die Kinder hat, zu denen sie keinen Kontakt hat. Das ist echt ein sehr häufiges Phänomen. Das ist das, was mir auffällt. Diese moderneren Familienmodelle, die spielen auf der Ebene der Eltern hier bei meinen KlientInnen nicht so eine Rolle, aber die selber leben mitunter in moderneren Familienstrukturen, also in gleichgeschlechtlichen Beziehungen zum Beispiel.
Das ist so eine Idee, die eng verbunden ist mit der Objektbeziehungstheorie. Das ist eine Theorie so aus den Sechziger-, Siebzigerjahren, die in der Psychoanalyse eine sehr wichtige Rolle spielt, auch heute noch, und die letztlich davon ausgeht, dass die Persönlichkeitsentwicklung in der Beziehung mit anderen sich abspielt. Dass der Mensch nicht für sich stehend seine Entwicklung wie in so einer Autopoiesis voranbringt, sondern dass immer in der Beziehung mit den anderen, durch deren Reaktionen, letztlich die Persönlichkeit sich ausformt und natürlich auch die Erinnerung.
Weil, die Erinnerung ist in der Regel an andere Menschen gebunden, wie die sich verhalten haben. Oder die Erinnerung wird ausgelöst durch das Verhalten von anderen Menschen. Die steht auch oft nicht für sich, sondern ist letztlich eingebettet in das soziale Netz, in dem die Menschen groß geworden sind. Und deswegen kann man sagen, dass Erinnerung in der Regel auch an Beziehung geknüpft ist.
Ich würde es mal so sagen: Jeder Mensch ist bemüht, im Rahmen seiner Selbstwertregulation nach außen und auch sich selbst gegenüber ein hinreichend akzeptables Bild abzugeben, um es mal so zu sagen. Und dazu gehört, dass jeder von uns in sich Gedanken, Fantasien, Erinnerungen und vielleicht auch irgendwelches Wissen herumträgt, das man mit niemandem teilt. Weil man weiß: Wenn ich das erzähle, das haut die aus den Socken, das mache ich lieber nicht.
Dann gibt es Dinge, die man jetzt nicht jedem erzählt, also zum Beispiel vielleicht in der Familie gar nicht, aber einem Therapeuten oder einer Therapeutin schon. Und die tiefenpsychologische und psychoanalytische Arbeit ist letztlich ein Prozess, in dem die Betroffenen letztlich ermutigt werden, sich immer mehr mit dem, was sie eigentlich nicht erzählen wollen, zu beschäftigen. Und das ist im Prinzip wie so eine Auseinandersetzung an so einer Grenzlinie.
Wir als TherapeutInnen sind auch nicht Leute die sagen: Wir müssen jetzt mal hier richtig einen Durchbruch erzielen und das muss mal raus. Gar nicht. Sondern, wir bieten letztlich einen Raum an im Rahmen der Therapie, der es den Betroffenen erlauben soll, an einen Punkt zu kommen, wo die dann irgendwann sagen können: Ja, und da ist noch diese Sache und die wollte ich Ihnen jetzt mal erzählen, ich habe es jetzt bisher zurückgehalten. Und dann wird es irgendwann Thema.
Und die analytische Theorie hat letztlich von Beginn an mit der Beschreibung von Widerstandsphänomen und Abwehrmechanismen das im Blick gehabt. Die Vorstellung, man setzt sich in und jemand packt gleich irgendwie die dollsten Geschichten aus, das ist nicht so.
Sondern, das ist letztlich ein wichtiger Teil der Arbeit, dass das irgendwann mal möglich wird und dass man das dann einordnen kann und dass die Betreffenden auch Vertrauen gefasst haben in der Therapie und irgendwann sagen: Jetzt kann ich mal diese Fantasie oder diese Erinnerung mal auspacken. (..) Aber dieses Bedürfnis letztlich auch, auf sich selber in einer Weise zu blicken, die der Selbstwertregulation dienlich ist, dem kann man sich nicht entziehen.