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Gideon Klein, geboren 1919 in der Tschechoslowakei, wurde 1941 in Theresienstadt interniert und am 27.1.1945, dem Tag der Befreiung, in einem Außenlager von Auschwitz ermordet. Sein letztes Werk, ein Streichtrio, spielen junge Musikerinnen aus der Akademie des Rundfunk-Sinfonieorchesters im letzten Mikrokonzert der Saison an zwei besonderen Ausstellungsorten. Im Humboldt Labor führen Spuren zur Verstrickung der Berliner Universität in die Eroberungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten: der „Generalplan Ost“ zur agrarischen Kolonisierung, die Sammlung von deutschen Dialekten im „Lebensraum“ Osteuropa  und eine Fotosammlung von „völkischen“ Bräuchen. Vom Raum „Verflechtung“ der Ausstellung Berlin Global ist es nicht weit zur Häftlingsuniform aus dem KZ Ravensbrück im Raum „Mode“ und Dokumenten zur Shoah im Raum „Krieg“.

Programm

Gideon Klein (1919-1945)

Trio für Violine, Viola und Violoncello

1. Allegro

2. Lento

3. Molto Vivace

Beginn jeweils im Humboldt Labor.

Mitwirkende

Gideon Klein: Notizen zu Leben und Werk

von Steffen Georgi, Konzertdramaturg des RSB

Komponieren in Theresienstadt

In den Musiklexika fehlte bis vor kurzem der Name Gideon Klein. Dafür stand er in den Listen, mit denen die SS die Insassen des KZ Theresienstadt registriert hatte. Eingeliefert im Dezember 1941 in das „Musterghetto“, zwei Tage vor seinem 22. Geburtstag, gehörte der junge Musiker gemeinsam mit Hans Krása, Pavel Haas und Viktor Ullmann zu denjenigen, die in dem Lager die „Großherzigkeit“ der Nazis zu spüren bekamen. Das Judenreservat Theresienstadt sollte nach dem abgefeimten Plan der Nazis von außen wie das Paradies wirken.

Gideon Klein hatte vor seiner Internierung gerade noch die Meisterklasse für Klavier am Prager Konservatorium abschließen können. Die weiteren Studien (Musikwissenschaft, Komposition, Philosophie) musste er abbrechen, weil die deutschen Besetzer die tschechischen Hochschulen schlossen. Nun organisierte er im Lager Musikveranstaltungen, übernahm die Betreuung von Waisenkindern, trat als Pianist auf und studierte Kammermusik mit Gleichgesinnten ein. Darüber hinaus komponierte er (als Autodidakt) für die mit ihm inhaftierten Dirigenten, Sänger und Instrumentalisten, eine beklemmend sorgfältig ausgewählte Schar genialer jüdischer Künstler der Zeit. „Zu betonen ist nur, dass ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden bin, dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war“, notierte Viktor Ullmann 1944 in seinem Aufsatz „Goethe und Ghetto“.

Wenige Wochen, nachdem im Sommer 1944 ein Nazi-Propagandafilm über die angebliche Idylle in Theresienstadt gedreht worden war, wurden die Häftlinge Zug um Zug nach Auschwitz in die Gaskammern deportiert. Gideon Klein war im Transport, der am 16. Oktober 1944 Nordböhmen verließ. Am 7. Oktober hatte er sein letztes Werk zu Ende komponiert, das Streichtrio. Er war damals noch keine 25 Jahre alt.

Kulturwille als Lebenswille

Besetzung und Inhalt des Streichtrios beziehen sich unmittelbar auf die final zugespitzte Situation, in der sich die Lagerinsassen befanden: Täglich rissen Häftlingstransporte Lücken in die Reihen der verfügbaren Musiker, ließen vertraute Kollegen, Freunde und Familienangehörige für immer verschwinden. Alle drei Sätze des Trios von Gideon Klein verwenden mährische Volksmelodien. Heimatfreude will gleichwohl nicht aufkommen. Tonal verzerrt und rhythmisch zerborsten, atmen die Volksmelodien in den Ecksätzen illusionslose Trauer, aber auch Charakterfestigkeit, Härte und Stolz. Mitten im Mittelsatz, einer Variationenfolge über ein Volkslied, schnürt eine Variation dem Zuhörer buchstäblich das Herz zusammen. Leise, schmucklos, einstimmig, in beiläufigem Andantino-Tempo und in rhythmisch schier entwurzeltem 5/8-Takt kündet eine kleine Melodie von der gründlichsten aller Grausamkeiten, dem Auslöschen durch Vergessen.

 

gehört zu

Die Mikrokonzerte sind Teil einer Reihe von Konzerten, bei denen Musiker*innen des RSB sich in den Dialog mit dem Ort und den Ausstellungen begeben. Das Humboldt Forum und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin veranstalten die Mikrokonzerte gemeinsam im Rahmen des 100. Jubiläums des RSB.

 

RSB 2
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